Emil Molt – Morgenröte einer schenkenden Wirtschaft und eines allgemeinen, freien Erziehungswesens

Autoreferat eines Gedenkens zu seinem 80. Todestag am 16. Juni 2016*

Wir tragen sie alle in uns, die Glieder des sozialen Organismus, wenngleich gewöhnlich unbewußt oder vorbewußt: 1. das rechtlichen Leben der Vereinbarungen von Gleichen unter Gleichen, 2. die Sphäre der auf Gegenseitigkeit gründenden Wirtschaftsassoziationen, in denen Gemeinsinn waltet und 3. das freie, selbstverantwortliche Geistes- und Kulturleben. Der Einzelne steht in allen drei Sphären tätig darinnen und faßt sie in sich zusammen.-

Rudolf Steiner hat mitten im ersten Weltkrieg, 1917, in einigen seiner ratsuchenden Schüler und Initiaten zunächst ein empfindendes Verständnis von dieser sozialen Gegenwarts- und Zukunftsgestalt, die aus dem zerbrechenden Einheitsstaat erwachsen kann, wachgerufen: Zu ihnen gehören u.a. Otto Graf Lerchenfeld, Ludwig Polzer-Hoditz, Roman Boos, Hans Kühn, Carl Unger und Emil Molt. Sie fragen ihn nach einem Ausweg aus der Kriegsverstrickung und Staatskrise und bitten ihn um Memoranden für einige politisch Verantwortliche, zu denen sie Zugang hatten: v. Kühlmann, den Verhandlungsführer auf deutscher Seite bei den Verhandlungen in Brest-Litowsk, Ministerpräsident Seidler in Österreich und Kaiser Joseph und später den letzten Reichskanzler Prinz Max v. Baden. Vergeblich, die verantwortlichen Repräsentanten verstehen nicht oder blocken ab. –

Es beginnt eine Volksbewegung für die Dreigliederung, zunächst Anfang 1919 mit Steiners „Aufruf an das Deutsche Volk und an die Kulturwelt“, den Hunderte Kaufleute, Künstler, Handwerker und Lehrer uvm. unterschreiben - in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Emil Molt zeichnet mit für das Komitee und nennt den Aufruf den Beginn der Dreigliederungsbewegung. An einem kritischen Punkt dieser in vielen reaktionären Kreisen wenig geliebten, ja verhaßten Bewegung war er hellhörig genug, entsprechenden Fragen aus seiner Belegschaft und R. Steiners Empfehlung zur Gründung eines ganz neuen Schultypus mit der Tat zu begegnen. Er nimmt die Gründung in die Hand, finanziert sie mit zunächst 100.000,- Mark [1] und gewinnt Steiner für die entsprechenden menschenkundliche und didaktischen Kurse und als Kollegiumsleiter.- Sein Credo: “Wir wollten bescheiden, aber mit starkem Wollen beitragen zur Besserung der sozialen Verhältnisse. Es war wenig vorhanden, nur Mut und Wille, wenig Kinder, kein Gebäude, keine Lehrer, viel Arbeit! Es kommt darauf an, daß wir ganze Menschen erziehen, solche, die nicht nur totes Kopfwissen haben, sondern vor allem soziales Empfinden für andere. Das Wort Schule ist ein enges Wort, es muß weit gefaßt werden: Menschenbildungsstätte. Resignation hat sich eingeschlichen in bezug auf Menschheitsfragen; man verzichtet darauf, den vollen Ertrag der Schulen hineinzunehmen in das soziale Leben.“ [2] Die Dreigliederungsbewegung „stülpt“ sich durch diese Initiative in die Waldorfschulgründung hinein.-

Emil Molt, der am 14. April 1876 in Calw geboren wird und früh seine Eltern verliert, hat mit seiner Frau Bertha um 1907 herum Rudolf Steiners Geistesgut und Geisteswege in Vorträgen kennengelernt und üben sie selbst. Nach gründlicher kaufmännischer Ausbildung (Handelshaus Georgi) und beruflichen Auslandsaufenthalt in Griechenland führt ihn bald seine unternehmerische Initiative 1906 zur Gründung der Waldorf-Astoria-Zigarettenfabrik , die in ihrer Blütezeit bis zu eintausendfünfhundert ArbeiterInnen beschäftigt. Sie existiert bis zur Weltwirtschaftskrise und wird im Zusammenhang damit vom Reentsma-Konzern übernommen. [3]

Heute reden wir viel über „neue Unternehmenskultur“, „Entrepreneurship“, „ Lean Management“, „Gemeinwohlbilanz“ u.ä.. Molts Waldorf Astoria-Unternehmen war dem allen damals längst auf der Spur: Betriebsrat, betriebliche Altersversicherung und Krankenvorsorge, Erholungsheim, Bildungsprogramme, „Waldorf Astoria-Nachrichten“ „Waldorf Astoria-Bücherei“ u.a..-

Seine Weitsicht bezieht sich auch auf seine Mitwirkung bei der assoziativen Gründung der treuhänderischen „Der Kommende Tag AG“ (1920), einem kooperativen Zusammenschluß verschiedener Unternehmen zur Förderung wirtschaftlicher und geistiger Werte. Beginn einer sozialen Kapitalverwandlung, die später ebenfalls durch die Weltwirtschaftskrise in Schwierigkeiten gerät. [4] Molt ist ganz Tatmensch, aber vor allem ist er praktischer Denker, der seine Firma gar nicht isoliert vom Weltwirtschaftsgeschehen und dessen sich entwickelnden Zukunftsorganen betrachten kann und aus moralischem Intuitionsvermögen handelt. Zur Tragik dieses Mannes gehört aber auch neben dem späteren Verlust seiner Firma sein Vorstoß, die eben auf Steiners Drängen und mit Zustimmung Eliza v. Moltkes gedruckten H.v.Moltke-Erinnerungen über die Ereignisse vor und nach Kriegsausbruch voreilig zur preussischen Gesandtschaft zu bringen, sodaß die Auslieferung des Buches von den Militärs noch verhindert wird. Dadurch bleibt ein wichtiges Dokument zur Widerlegung der Alleinschuld Deutschlands am Ausbruch des Weltkrieges der Öffentlichkeit unbekannt. [5]

Emil Molt trägt die Idee Dreigliederung des sozialen Organismus als Erkenntnis in sich und bringt sie als Unternehmer, Kaufmann, Initiator, Schulgründer und Weltwirtschaftler im Leben zur Fruchtbarkeit. Deshalb ist es auch unzutreffend, heute in seine Schulgründung einen Privatschulcharakter hineinzulegen. Über die Zugehörigkeit der Schule zur Waldorf Astoria—Zigarettenfabrik gab es bereits kurz nach der Schulgründung Konflikte zwischen ihm und dem geistig unabhängigen Kollegium. [6] Das Renommee der Schule sollte nicht durch das Renommee der Waldorf-Astoria gemindert werden. R. Steiner betonte unmißverständlich , daß die Schule allein das Verdienst Molts sei, aber als Persönlichkeit, der es verstand eine Initiative zu entfalten, unabhängig von der Waldorf-Astoria. Diese Unabhängigkeit kommt, genau besehen, in dem Momentum der Schenkung zum Ausdruck: Das Wirtschaftsleben hat sich von den Kapitalüberschüssen getrennt und im kulturellen Leben leben sie neu auf. Molt steht hier in Doppelfunktion als Bürge und Treuhänder für das Neuland einer sich selbst verwaltenden und neu organisierenden Gesellschaft. Wir können also in „seiner“ Schule den Anfang eines öffentlichen Schulwesens in freier Trägerschaft, für alle Menschen bis zum achtzehnten Lebensjahr, erblicken. Ein Menschenrecht und eine soziale künftige Wirklichkeit. In seinem Schenkungsakt manifestiert sich wie in einem Vorschein eine Geldverwandlung, die die geistige Wertschöpfung der Bildung im volkswirtschaftlichen Prozeß zum Ausdruck bringt. Nicht unbegrenzte Kapitalakkumulation, sondern sozial organischen Kapitalverbrauch und –verwandlung macht einen gesunden weltwirtschaftlichen Prozeß aus. Hierfür kann Molts Tat, umfassend gedacht, als Initialzündung gelten.-.

Im Ganzen, für das Wohl Aller drang es damals politisch nicht durch. Aber wir haben mit der gegenwärtigen Waldorfschulbewegung weiterhin einen Zipfel in der Hand, solchen produktiven Umbau des gesellschaftlichen Lebens einzufordern und zu befördern. Molts Schenkung ist eine Initialzündung, dieses freie Schulwesen mehr und mehr als Erziehung in Freiheit aus der Vormundschaft, ja dem Diktat der Staatsbürokratie zu lösen und das assoziierte Wirtschaftsleben in seine Finanzierung einzubinden. Die Menschen wollen es doch längst. Er sah voraus, daß ausgedientes, alt gewordenes Industriekapital sich in der Kultur der Menschenfähigkeitenbildung erneuern und verjüngen kann und so Krebsschäden am sozialen Organismus verhütet. Materielle Produktion und rein geistige Werterzeugung können so in ein anhaltendes Gleichgewicht kommen. [7]

Für die Schule auf der Uhlandshöhe ist Molt der Vater, aber die Mutterhülle ist die lebendige Idee der Dreigliederung des sozialen Organismus und dessen Werden und Gesundung. In Molt lebte diese Wahrheit, in uns Heutigen kann sie heller dämmern. Im lebendigen Strom der Überlieferung haben wir ein geistiges Kapital der Bewegung für soziales Handeln aus Geisterkenntnis.

Anmerkungen

* Das Gedenken fand am 17.6. 2016, 19.30 h in der Bibliothek des Steiner-Hauses in Berlin-Dahlem statt.

[1] Dieser Betrag erhöhte sich in den folgenden Jahren auf 170.000,- und 200.000,-. Hinzu kam am Beginn der Erwerb des Grundstücks zur Uhlandshöhe durch Molt für 450.000,- Mark.

[2] Molt „Entwurf meiner Lebensbeschreibung“ (1972), aus einer Ansprache von Molt 1929, im Nachwort zitiert von Johannes Tautz.

[3] STIFTUNGGEISSTRASSESIEBEN in Stuttgart würdigt 2005 Molt in einem Gedenkblatt. Hier findet sich der Hinweis, dass die Übernahme durch Reentsma raffiniert und quasi „feindlich“ war, der Konzern aber in schwierigen Zeiten die Waldorfschule noch ein Jahr bezuschußt hat und 2004 das gesamte Archiv dem Museum für die Geschichte der Arbeit in Hamburg kooperativ zur Aufarbeitung übergeben hat.

[4] Näheres zur Gründung und dem späteren Scheitern in Dokumenten und Zeitzeugenschaft bei Hans Kühn. „Dreigliederungszeit“. Dornach 1978.

[5] Hierzu Dietrich Esterl: „Emil Molt (1876-1936) – Tun, was gefordert ist“. Stuttgart 2013.

[6] Esterl, a.a.O. [7] Die vollwissenschaftliche Ausarbeitung der Tatsache der Geldverwandlungen im volkswirtschaftlichen Prozeß, also auch der öffentlichen Schenkung, erfolgt erst drei Jahre nach der Schulgründung in Steiners „Nationalökonomischen Kurs“ (1922). Hierzu gibt eine andere anthroposophisch orientierte Unternehmerin den Anstoß: Dr. Charlotte Mellinger.

Quelle

Zeitschrift Europäer, Basel, Ausgabe Juni 2016. Nachdruck mit freundlicher Genehmigung des Autors.