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Die Kulturlosen und ihre Hybris

13.03.2011

Nachdem der neue Innenminister Hans-Peter Friedrich sich gleich zur Amtseinführung als Kulturlegastheniker outete, erhöhte sein Parteikollege Seehofer auf dem Aschermittwochstreffen noch die populistische Schlagzahl. Seehofer schürte dort die Angst vor Menschen mit Migrationshintergrund in einer Weise, die man kaum noch als Fischen am rechten Rand bezeichnen konnte. Was sich hier zeigte, das war der rechte Rand, der rechte Rand im Kostüm des Biedermanns.

Seehofer schlug auf ein verzerrtes Feindbild ein, offerierte Pläne die Verfassung Bayerns zu ändern um Migranten zur Integration zu zwingen und hing seinem üblen Gebräu mit einer geplanten Volksabstimmung noch ein demokratisches Mäntelchen um.

Man dürfte dieses wüste Geschrei eigentlich kaum ernst nehmen, würde sich hier nicht zum wiederholten Male ein Banausentum aufmachen mit dem Schlagwort der deutschen Leitkultur, den Begriff der deutschen Kultur in widerwärtiger Form in den Schmutz zu ziehen.

Wenn Nietzsche angesichts der Reichsgründung 1871 von der Exstirpation des deutschen Geistes zugunsten des deutschen Reiches sprach, dann wissen Seehofer und seine Kollegen offenbar schon gar nicht mehr, worüber sich Nietzsche denn sorgte. Wüssten sie es, dann wäre ihnen klar, dass etwa der Islam historisch zu Deutschland nicht erst seit Goethes West-Östlichem Divan gehört, wie Sylvain Coiplet hier schon sehr richtig anmerkte. Würden sie Kultur leben mit dem selben heißen Herzen mit dem sie sich am Zusammenhalt mit ihrem hochstapelnden Blender Guttenberg berauschen, dann würden sie aus der Kultur jener Zeit etwas gelernt haben was mit ihrem trüben Nationalismus nicht zu vereinbaren wäre. Dann würde ihnen beispielsweise der „Nathan“ Lessings keine langweilige Schullektüre sein, über die man mittels copy and paste notfalls noch eine passable Hausarbeit abliefern kann. Spätestens mit der Ringparabel, in der Christentum, Judentum und Islam als Geschwisterreligionen ihre je eigene Berechtigung zugesprochen wird, wäre ihnen klar, dass der Islam, zumindest ab diesem Zeitpunkt historisch zu Deutschland gehört. Dieses Deutschland, zu dem der Islam selbstverständlich gehört, ist allerdings das geistige Deutschland. Dieses Deutschland zu verteidigen müsste ihnen dann einen Antrieb zur Arbeit, zur Begeisterung geben. Das „geistige Deutschland“ ist aber leider eine Ortsbeschreibung für die ihnen deutlich jeder Sinn fehlt. Vollends vergebens wäre es wohl diesen Anhängern der blau-weißen Sippengemeinschaft etwas über die verschiedenen Qualitäten des kulturellen und des rechtlichen Raumes, geschweige denn über deren jeweilige Autonomie als Funktionssystem vermitteln zu wollen.

Das geistige Deutschland, dieser für die Bierseidelstemmer von Passau nicht sichtbare Ort jedoch, ist der Ort der die deutsche Kultur beherbergt und damit auch eine Leitkultur, so man denn eine solche braucht. Und diese deutsche Kultur, die Kultur Lessings, die Kultur Goethes und vieler anderer damaliger Zeitgenossen, diese geistige Kraft kann in weiter entwickelter Form Leitkultur sein. Denn mit dieser Leitkultur gehört der Islam zu Deutschland, wie das Christentum zu Ägypten gehört. Mit dieser Leitkultur gehört jede denkbare Religion zu jedem denkbaren Land, sobald nur ein Mensch dort sie lebt. Mit dieser Leitkultur wird niemand genötigt seine kulturelle Identität aufzugeben, sich zu assimilieren. Mit dieser Leitkultur hat jeder einzelne Mensch die Freiheit der Kultur, der Religion, der Wissenschaft, der Weltanschauung.

Deutsche Leitkultur ist Freiheit des Individuums, deutsche Leitkultur ist Weltbürgertum, nicht mentales Krähwinkel.

Der Begriff ist nur unter die Räuber gefallen.

Wir sollten ihn ihnen nicht überlassen.

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