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Skandinavien goes Schleswig-Holstein

08.11.2003

Bündnis 90/Die Grünen haben in Schleswig-Holstein eine "Bildungsoffensive" gestartet, mit der sie Bewegung in das Schulwesen bringen wollen. Bei einer gut besuchten Veranstaltung im Kieler Landeshaus stellte der grüne Fraktionschef Karl-Martin Hentschel ein Positionspapier vor, an dessen Zustandskommen er maßgeblichen Anteil hatte. Eingeleitet wurde die Veranstaltung durch die Vorführung von Reinhard Kahls äußerst sehenswertem Film "Spitze", der die Schulsysteme Skandinaviens vorstellt und - jedenfalls bei Ihrem Berichterstatter - andauernd das Gefühl hervorrief, mit dem deutschen Bildungswesen in einer kafkaesken Sackgasse aus Misstrauen und Bürokratie steckengeblieben zu sein.

Das Papier orientiert sich denn auch überwiegend an den skandinavischen Schulsytemen, setzt also auf eine wesentlich größere Eigenverantwortung der einzelnen Schule, auf ihre kommunale Einbettung, auf Förderung statt Selektion und auf eine gemeinsame Erziehung der Kinder bis zum 15. Lebensjahr. Durch gezielte Sprachförderung soll die Integration von Kindern aus fremdsprachlichen Elternhäusern erleichtert werden.

Besonders hervorzuheben ist der Vorstoß, dass der Zugang zu den Gymnasien und Hochsschulen künftig über Eingangsprüfungen und nicht länger an formelle Voraussetzungen, die sich aus vorausgegangenen Schulkarrieren ableiten, geknüpft werden soll. Ferner bedeutet es einen deutlichen Schritt in Richtung eines zivilgesellschaftlichen Schulwesens, dass die freien Schulen gleichberechtigt an einer für alle Schulen geltenden "Schülerkopffinanzierung" partizipieren sollen. Damit würde ein kräftiger Impuls zur Eigeninitiative im Schulwesen gegeben und erstmals das Wahlrecht der Eltern (oder älteren SchülerInnen) konsequent umgesetzt werden.

Problematisch bleibt allerdings auch bei dem grünen Vorstoß der Begriff der Bildungsstandards, der vor dem Hintergrund der PISA-Ergebnisse in der deutschen Bildungspolitik einen Stellenwert bekommen hat, der die Gefahr in sich trägt, alle gut gemeinten Autonomiebestrebungen vom anderen Ende her wieder einzukassieren: "Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser!" hieß das bei Lenin. Dem an sich durchaus ehrenwerten Gedanken, die Mindeststandards sollten gewährleisten, dass kein Kind mehr durch die Maschen fällt, steht in Deutschland eine seit mehr als 200 Jahren gewachsene staatliche Bildungsbürokratie gegenüber, die erst einmal gezähmt werden muss, wenn sie sich nicht sofort dieser Standards bemächtigen soll, um die angestrebte Selbstständigkeit der Schulen zur Farce zu machen. Das ist in der Tat ein grundlegender Unterschied zu den skandinavischen Ländern, die ihre Vorbildfunktion nur erreichen konnten, weil sie die staatliche Schulaufsicht radikal entmachtet haben.

Insofern stimmt es immerhin etwas optimistisch, dass die Grünen ihre ursprüngliche Forderung nach "einheitlichen" Standards nach einer Intervention der Aktion mündige Schule in "festgelegte" Standards abgewandelt haben. Damit ist die Tür wenigstens einen Spalt weit geöffnet, um unterschiedliche Standards zuzulassen, also zu einem Akkreditierungsverfahren zu gelangen, das auch unterschiedlichen pädagogischen und methodischen Wegen die Luft zum Atmen lässt. Zwei weitere Kernthesen des Papiers seien hier noch gestreift: Zum einen soll ein kostenfreies Vorschuljahr ("Elementarbereich") eingeführt werden. Diese Neuerung soll mit einer verbesserten Ausbildung der ErzieherInnen einhergehen. Zweitens soll auch die Ausbildung der LehrerInnen auf ein wesentlich praxisnäheres System umgestellt werden, das sich an den europäischen Standards eines Bachelor- und Masterstudienganges orientiert.

Das Papier setzt darauf, dass alle vorgeschlagenen Änderungen weit gehend kostenneutral umgesetzt werden können, wenn sie mit der Bildung von gymnasialen Oberstufenzentren, der Zusammenlegung von Sekundarstufe-I-Schulen, der Reduzierung der Schulzeit auf durchschnittlich 12 Jahre, den Wegfall des Sitzenbleibens und der Auflösung der Schulämter einhergehen. Zusammenfassender Kommentar: Es ist ermutigend, dass dieser Vorstoß gemacht wurde. Wichtig ist, dass die guten Ansätze nicht davon kaputt gemacht werden, dass die Deutschen nach 200 Jahren Schule als staatlichem Hoheitsakt stets dazu neigen, Freiheit mit Willkür zu verwechseln und am Ende noch mehr Kontrolle produzieren, als vorher schon da war. Letztlich lebt (oder stirbt) jede Schulreform mit der Frage, ob sich die beteiligten LehrerInnen dafür begeistern können, selbst Verantwortung zu übernehmen. Das aber geht nur, wenn sie in die Freiheit entlassen werden.

Aktion mündige Schule - www.freie-schule.de