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Der Dalai-Lama und das Selbstbestimmungsrecht der Völker

14.05.2000

Bei der dritten Tibet-Konferenz der liberalen Friedrich-Naumann-Stiftung in Berlin hat der Dalai-Lama Forderungen nach einer staatlichen Unabhängigkeit seines Landes von China abgelehnt. Das Zusammengehen mit einer großen Nation sei nötig, um die wirtschaftliche Situation seiner Landsleute zu verbessern, sagte das geistliche Oberhaupt der Tibeter. Zu einem freiwilligen Zusammenleben beider Nationen gehöre allerdings, dass China die Kultur und Umwelt Tibets respektiere.

Bei einer Veranstaltung der Sozialdemokraten in München hob der Dalai Lama die Notwendigkeit der Trennung von Religion und Politik hervor. "An dem Tag, an dem wir genug Autonomie haben, um nach Tibet zurückzukehren, werde ich meine Macht an eine Regierung übergeben." Diese müsse vom Volk gewählt werden. Damit setzt sich der Dalai-Lama allerdings stark von der chinesischen Regierung ab, die mit ihrer atheistischen Theokratie weit davon entfernt ist, vom Volk gewählt werden zu wollen.

So wichtig dieses Bekenntnis für die Demokratie auch sein mag, es darf nicht darüber hinwegtäuschen, daß der Dalai-Lama die Notwendigkeit einer Trennung von Wirtschaft und Politik übersieht. Staatliche Unabhängigkeit setzt er mit wirtschaftlicher Unabhängigkeit gleich. Er muß daher beides ablehnen. Eine intensive wirtschaftliche Zusammenarbeit mit China würde aber auch dann Sinn machen, wenn der Dalai-Lama seinen Wunsch nach einer tibetischen Demokratie umsetzen könnte und damit eine andere Politik - und damit einen anderen Staat - treiben würde als China.

Aber vielleicht ist der Dalai-Lama deswegen zu einem wirtschaftlichen Zusammengehen mit China bereit, weil ihm die Wirtschaft drittrangig ist. Zweitrangig ist ihm wohl die Politik, die er - wie die Wirtschaft - gerne anderen abgeben würde. Die Religion möchte er dagegen für sich behalten. Und an dem, was er aus ihr machen will, muß er auch gemessen werden.

Offen bleibt zum Beispiel die Frage, was der Dalai-Lama unter dem Respekt der Kultur Tibets versteht. Meint er eine kulturelle Autonomie für das tibetische Volk oder geht es ihm um eine kulturelle Autonomie des Einzelnen? Erst bei einer solchen individuellen Autonomie würde die Religion nicht mehr vom Volke, sondern vom Einzelnen gewählt werden. Neu wäre eine solche Trennung von Religion und Politik allerdings nicht nur im Tibet, sondern auch in München.