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Der schiefe Turm von Bio

01.02.2012

Gestern erhielten wir als Teilnehmer der AG solidarische Ökonomie Einblick in die Funktionsweise einer mittelgroßen Biomarkt-Kette durch den Vorstandssprecher des genossenschaftlich geführten Unternehmens. Der Name tut nichts zur Sache, da das grundsätzliche Problem, welches hierbei zu Tage trat, das Problem des Biohandels als solchem ist. Man könnte dieses Problem so charakterisieren: Der Mensch kann sein Ideal nicht in die Wirklichkeit umsetzen. Er kann aber etwas wirkliches ergreifen und es dem eigenen Ideal annähern. Und er wird seinem Ideal um so näher kommen, desto ehrlicher er sich eingestehen kann: das Konkrete, das ich realisiert habe, ist es noch nicht. Denn an ihm hat nicht nur mein Idealismus, sondern auch die vorhandene soziale Wirklichkeit selbst mitgearbeitet. Es ist schief. Wenn es eines Tages gerade werden soll, muss ich klar erfassen, wo es schief ist und warum, damit ich die Gelegenheiten erkennen oder gar herbeiführen kann, um meinem Ideal noch näher zu kommen.

Die große Schwierigkeit liegt darin, diese Spannung auszuhalten und die konkrete Unternehmung weder schön zu reden noch zu verurteilen. Alle Anwesenden waren an diesem Abend beeindruckt, dass begeisterte Menschen durch ehrenamtliche Arbeit einen Biohandel mit heute über 30 Millionen Euro Jahresumsatz auf die Beine stellten, und so den Anbau biologischer Lebensmittel förderten. Nicht im Geringsten wurde unsere Anerkennung dadurch geschmälert, dass auf der anderen Seite die Zahlen des Unternehmens doch erahnen ließen, warum eine menschenwürdige Ökonomie noch etwas ganz anderes braucht als Idealismus: Die Genossenschaft beschäftigt einen Mitarbeiter in Vollzeit, vierundvierzig in Teilzeit und fünfundvierzig auf 400-Euro Basis, außerdem etwa 30 Praktikanten. Der Höchstlohn liegt bei 16 Euro die Stunde, der niedrigste bei 6 Euro. Die meisten der Beschäftigten können es sich also nicht leisten, ihren Bedarf durch Einkäufe im eigenen Laden zu decken, viele brauchen zudem weitere Einkommensquellen wie zusätzliche Jobs oder Hartz IV.

Auf die Kritik eines Teilnehmers antwortete der Vorstandssprecher: es gehe nicht anders, man habe nur die Wahl, es so zu machen oder gar nicht. Und er hatte recht. Einen Preis, der eine angemessene Bezahlung erlaubt, würden die Kunden nicht mehr bezahlen. Dann würde es Bio also gar nicht geben. Diese Krux des Biohandels wurde auch an einer andren Stelle des Berichts gut nachvollziehbar: Die Genossenschaft verurteilt den Import von Bio-Produkten aus fernen Ländern wegen der dortigen Arbeitsbedingungen und der Umweltbelastung durch den Transport. Sie will daher regionale Bioproduzenten bevorzugen. Verdienen tut das Unternehmen jedoch ausschliesslich an den importierten Waren! Sämtliche regionale Produkte müssen zum Einkaufspreis an den Kunden weitergegeben werden, da sie für diesen sonst zu teuer werden würden. Das heisst im Klartext: was man verurteilt, subventioniert in Wahrheit das, was man gut heisst.

Es entstand ein Wortgefecht zwischen dem Vorstandssprecher und einem Teilnehmer. Dieser empörte sich darüber, dass der Biohandel selbst auf den globalen Konkurrenzmechanismen beruhe, jener betonte, wie viel menschlicher es im Biomarkt zugehe als in anderen Supermärkten.

Mir war wichtig, hier weder eine Entscheidung noch einen Kompromiss herbeizuführen. Denn wer ein Problem lösen will, muss das Problem sehen. Das gilt auch für die Wirtschaft: man muss sich zuerst überhaupt einmal mit seinem Denken auf den Boden der Ökonomie stellen. Und das geschieht durch genau diese Erfahrung, dass zwei Urteile alleine falsch sind, zusammen einen Gegensatz bilden, in diesem Gegensatz dann wieder wahr werden, während ihre Synthese eine Lüge ist. Für ein Denken, das so etwas ertragen kann, erschliesst sich mit der Zeit allmählich erst die eigentliche Frage der Ökonomie - und damit auch das praktische Mittel, durch welches die Konkurrenzwirtschaft tatsächlich in eine Solidargemeinschaft verwandelt werden kann.

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