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Ökolandbau als Antwort auf das Bevölkerungswachstum

01.04.2003

Kommt es zu den von vielen erwarteten Bevölkerungswachtum, wird in den nächsten Jahrzehnten die Nahrungsmittelproduktion in den Entwicklungsländern massiv ausgeweitet werden müssen. Nicht die Gentechnik, sondern der Ökolandbau könnte zur Lösung dieses Problems beitragen.

Gegenwärtig wird geschätzt, daß es im Jahr 2025 ungefähr acht Milliarden Menschen auf Erde geben wird. Um sie alle ausreichend zu ernähren, werden etwa doppelt so viele Nahrungsmittel wie heute nötig sein – der größte Teil in den Entwicklungsländern, denn hier ist das Bevölkerungswachstum am höchsten. Die notwendige landwirtschaftliche Ertragssteigerung muss also hier verwirklicht werden - und nicht etwa in den Industrieländern.

Allerdings steht nicht mehr genug Land zur Verfügung, um durch die Ausdehnung der genutzten Fläche, das Ziel zu erreichen. Weite Landflächen werden schon heute von wenigen Großbesitzern vereinnahmt, die sie erfahrungsgemäß nicht intensiv nutzen. Ein ernstes Problem, der sich nicht durch irgendwelche Technik lösen läßt, sondern nur durch eine Reform des Bodenrechts. Die verbliebenen Kleinbauern brauchen also intensive Methoden, die höhere Erträge bei gleich bleibender Anbaufläche ermöglichen und gleichzeitig die Umwelt schonen.

Durch die ökologische Landwirtschaft läßt sich die Produktivität des Bodens maximieren und gleichzeitig schädliche Auswirkungen auf Menschen und Natur vermeiden. Die wichtigsten Vorteile des Ökolandbaus sind, daß er:

Ressourcen durch die Verwendung erneuerbarer Energien schont.
auf das Wissen und Können der Bauern setzt.
die örtlichen Verhältnissen berücksichtigt.
keine Abhängigkeiten schafft.

Ökolandbau: Wenig Aufwand, große Wirkung

Die Methoden der ökologischen Landwirtschaft verlangen oft nur sehr wenig Aufwand. Diese Erfahrung haben etwa die Kartoffelbauern im bolivianischen Hochland gemacht. Der durch Erosion und mangelnde Düngung ausgelaugte Gemeindeacker des Indianerdorfes Wenqaylla trieb die Bewohner in die Armut, es drohte die Abwanderung in die Slums der Großstädte. Bis Entwicklungshelfer den Indianern Tarwi als Dünger empfahlen. Das ist eine scheinbar nutzlose Lupinenart, die dort problemlos wächst. Das Geheimnis von Tarwi sind hochkonzentrierte Stickstoffablagerungen an den Wurzeln, die es mit jedem Kunstdünger aufnehmen. Sie brauchen nur in der Blütezeit untergepflügt zu werden. Mit 18 Dollar pro Hektar sind die Lupinen außerdem rund zehnmal billiger als Kunstdünger.

Zusätzlich experimentierten die Indianer mit verschiedenen Kartoffelsorten und Pflanzmethoden, um die Bewirtschaftung dem jeweiligen Boden anzupassen. Die Aufklärungskampagne übernahmen die Bauern selbst. Das half, Vorbehalte gegenüber den unbekannten Methoden zu überwinden. Mit Erfolg: Für rund 2000 Bauern und ihre Familien in der Region Potosí bietet die Landwirtschaft nun wieder eine Perspektive.

Neben der ausreichenden Selbstversorgung und dem Schutz der Natur ist vor allem der Verkauf der Überschüsse ein großer Anreiz für die Umstellung auf Ökolandbau. In Europa besteht wachsende Nachfrage nach ökologischen Lebensmitteln. Allein in Deutschland erreicht der Markt einen Umfang von 2,5 Milliarden Euro.

Ein von einer gemeinsamen Studie von IFOAM und Greenpeace hervorgehobenes Beispiel für die gelungene Umsetzung des Ökolandbaus ist Madagaskar. Hier wurde das "System of Rice Intensification" entwickelt. Nur ein Zehntel der üblichen Samenmenge wird in den Anzuchtbeeten ausgesät, wo die Schösslinge statt vier Wochen nur acht bis zwölf Tage verbleiben. Nach dieser Zeit wirkt die Umsetzung auf das eigentliche Feld besonders wachstumsanregend. Um diesen Schub auszunutzen, erhält jede einzelne Pflanze mehr Platz für Blätter und Wurzeln. Vor allem hat man erkannt, dass Reis zwar viel Wasser braucht, aber längst nicht ständig geflutet sein muss. Im Gegenteil, die Pflanzen wachsen üppiger, wenn der Bauer sparsamer bewässert.

Der ökologische Reisanbau verspricht hier mehr Ertrag als herkömmlicher Reisanbau, erfordert aber zugleich mehr Können. Dennoch haben sich mehr als 50.000 Landwirte in Madagaskar bisher überzeugen lassen. Das beste Argument: Ihre Ernten sind im Schnitt doppelt so hoch wie vorher. Das schafft Überschüsse für den Verkauf und Kapazitäten für andere Früchte und somit eine ausgewogenere Ernährung.

Ein besonders beeindruckendes Beispiel für die Vorteile des Ökolandbaus ist die biologisch-dynamisch angebaute Baumwolle der Sekem-Farm in Ägypten. Diese Baumwolle wird ohne den Einsatz von synthetischen Düngemitteln und Pestiziden angebaut. Als Dünger wird ausschließlich Kompost aus Pflanzenresten und Kuhdung verwendet. Durch diese bodenbelebenden und pflanzenwuchsfördernden Maßnahmen wird ein höherer Ertrag an Rohbaumwolle gewonnen.

Für die Baumwollpflanzen, die weltweit von ungewöhnlich vielen Krankheiten und Schädlingen befallen werden, wurden besondere Pflegemethoden entwickelt. Dazu gehören beispielsweise Pheromon- und Wasserfallen gegen gefräßige Raupen und andere Insekten. Ein Verzicht auf Entlaubungsmittel und andere Chemikalien garantiert den gesundheitlichen Schutz der Menschen, die auf den Baumwollplantagen arbeiten und die Baumwolle dort sorgfältig und schonend von Hand pflücken.

Sekem ist es gelungen, die Produktion vor Ort kontrollieren und zertifizieren zu lassen, so daß dem Verkauf von Baumwolle und Kleidung nach Europa nichts mehr im Wege steht. Die biologisch-dynamische Erzeugung der Baumwolle und ihre Verarbeitung entsprechen den in Europa anerkannten Demeter-Richtlinien.

Das Besondere an Sekem ist aber, daß die gewonnenen Erkenntnisse nicht nur von den Biobauern angewendet werden. Der Leiter von Sekem, der alternative Nobelpreisträger Ibrahim Abouleish, konnte das ägyptische Landwirtschaftsministerium überzeugen, manches davon auch beim konventionellen Bauwollanbau einzusetzen. Das Ergebnis: Der Einsatz von Pestiziden im Baumwollanbau ist in ganz Ägypten um 90 % zurückgegangen und die Produktion um 30 % gesteigert worden.

Ökolandbau: Symbiose mit dem Fairen Handel

Solche Projekte wie in Bolivien, Madagaskar und Ägypten gibt es heutzutage überall auf der Welt. Als Antwort auf das Bevölkerungswachstum werden sie natürlich nicht ausreichen, weil der Welthunger nicht nur ein technisches Problem ist. Neben der Landverschwendung durch die heimischen Großgrundbesitzer leiden die Kleinbauern der Entwicklungsländer auch unter der Konkurrenz der hochsubventionierten Agrarprodukte in Europa und Amerika. Dies führt zur paradoxen Situation, daß es trotz der heutigen weltweiten Überproduktion zu Hungersnöten kommen kann.

Hier spielt der Faire Handel eine zunehmende Rolle. Abnehmer aus den Industrieländern zahlen den Kleinbauern aus den Entwicklungsländern für ihre Produkte einen festen Preis, der deutlich über dem manipulierten Weltmarktpreis liegt. Der Preis richtet sich nach dem Einkommen, das die Kleinbauern eigentlich brauchen, um in Würde zu leben und ihre Familie nicht nur zu ernähren, sondern auch ihren Kindern das Recht auf Bildung zu bezahlen.

Man kann von einer Vertragswirtschaft sprechen, die dabei ist, die blinde Marktwirtschaft abzulösen. Bezeichnend ist, daß viele Bauern, die vom Fairen Handel profitieren, bald auf Ökolandbau umstellen, so daß inzwischen über 40 % der fair gehandelten Agrarprodukte aus der ökologischen Landwirtschaft stammen. Hier gehen zwei positiven Ansätze eine Symbiose ein, die schon eher imstande sein wird, den Herausforderungen des Bevölkerungswachstums gewachsen zu sein. Es ist nämlich bekannt, daß ein höheres Bildungsniveau zu einem Rückgang der Geburten führt.

Ökolandbau: Ideal für die Entwicklungsländer

Die ökologische Landwirtschaft wird in den Industrieländern - und daher auch von vielen Entwicklungshilfeberatern - unterschätzt, weil sie dort den Ruf hat, die Agrarproduktion zu mindern. Es wird dann argumentiert, daß Umweltschutz zwar schön und gut sei, die Entwicklungsländer sich aber angesichts des Bevölkerungswachstums einen solchen Produktionsrückgang nicht leisten könnten.

Diese Behauptung beruht aber auf schlichter Unkenntnis. Biobauern in Europa ernten rund ein Drittel weniger als konventionell arbeitende Kollegen. In Entwicklungsländern bringt Ökoanbau dagegen höhere Erträge. Der Grund: Die Methoden sind für ärmere Böden, die ohnehin ohne Maschinen und Chemie bearbeitet werden, sehr geeignet.

Es grenzt daher an Unverantwortlichkeit, wenn Politiker sich in Europa für die Gentechnik mit dem Argument einsetzen, daß nur dadurch der Hunger in der Welt bekämpft werden kann. Der Ökolandbau ist in den Entwicklungsländern viel effektiver - und auch billiger.

Die Gentechnik kann, wenn überhaupt, höchstens dort zur Produktionssteigerung führen, wo sich die konventionelle Landwirtschaft - samt Pestizideinsatz - schon durchgesetzt hat, das heißt in Amerika und Europa. Das sind aber die Länder die schon jetzt unter Überproduktion leiden und die Kleinbauern der Entwicklungsländer dadurch ruinieren, daß sie ihre Agrarprodukte auf dem Weltmarkt mit Staatshilfe verramschen. Die verarmten Kleinbauern landen in die Slums der Großstädte, da wo der Bevölkerungswachstum am stärksten ist.

Grüne Gentechnik: Die Bauernfalle

Seit Jahren wird weltweit über den Einsatz gentechnisch veränderter Organismen in der Landwirtschaft diskutiert. Dabei werden Pflanzen oder Tieren entweder zusätzliche Gene aus anderen Organismen direkt übertragen oder ein ursprünglich vorhandenes Gen wird entfernt. Reis zum Beispiel enthält kein Vitamin A. Durch Übertragung eines genetischen Merkmals der Narzisse kann die Reispflanze aber trotzdem den lebenswichtigen Stoff produzieren - allerdings in noch unbedeutender Menge. Im Kampf gegen Unkraut und schädliche Insekten können Pflanzen mit Genen ausgestattet werden, die sie immun gegen bestimmte Herbizide oder Insektizide machen.

Bauern der Entwicklungsländer werden aber von chemischen Produkten des Westens abhängig. Nicht umsonst ist die Gentechnik als Antwort der grossen Chemiekonzerne auf den weltweiten Rückgang der Pestizidverkäufe entstanden. Da wo sie eingesetzt wird, führt sie demgemäß zu einer massiven Steigerung des Pestizideinsatzes. Und das sollen sich die Bauern der Entwicklungsländer leisten können? Nicht umsonst ist seit der Einführung der Gentechnik in Indien die Selbstmordrate bei Bauern sprunghaft gestiegen. Man muß also recht zynisch sein, um in der Gentechnik eine Antwort auf das Bevölkerungswachstum in Indien zu sehen.

Es hat sich auch bei grossangelegten Versuchen gezeigt, dass die neuen Sorten andere Pflanzen verdrängen und so die natürliche Vielfalt unwiderruflich einschränken könnten, denn einmal freigesetzte Gene lassen sich nicht wieder aus der Natur entfernen. Exporte von gentechnisch veränderten Lebensmitteln in die EU müssen entsprechend deklariert werden, haben jedoch aufgrund der ablehnenden Haltung der europäischen Verbraucher dabei nur sehr geringe Absatzchancen. Auch auf den Binnenmärkten der Entwicklungsländer sind die Chancen für Genprodukte schlecht, weil die Risiken von Verbrauchern auch hier sehr ernst genommen werden.

Ökolandbau: Gesunde Vielfalt

Ökoanbau steigert Menge und Qualität der Nahrung – weil keine Chemie im Essen steckt und weil höhere Erträge bei Grundnahrungsmitteln mehr Anbaufläche für Obst und Gemüse bedeuten. Das macht mehr Sinn, als den Reis gentechnisch manipulieren zu wollen, um daraus eine eierlegende Wollmilchsau zu machen.

Sylvain Coiplet