Was hat die Dreigliederung Markt / Staat / "Bürgergesellschaft" mit der Dreigliederung im Sinne Steiners zu tun?

01.12.1999

Es ist selten, daß man auf Bemühungen trifft, die Dreigliederung, die von Rudolf Steiner verkündete Soziallehre, in die Öffentlichkeit zu bringen, ihren Ort innerhalb der heutigen Debatten oder Entwicklungen sichtbar zu machen oder Anknüpfungspunkte für ihre Geltendmachung aufzuzeigen. Insofern verdient es Interesse, wenn in Anthroposophie weltweit - der seit 1998 erscheinenden Beilage zum Goetheanum (dem offiziellen Organ der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft) - innerhalb des letzten Jahres einige Male von Nicanor Perlas, dem Generalsekretär der philippinischen Landesgesellschaft, Bemühungen in dieser Richtung unternommen wurden. [1] Perlas ist der Meinung, daß sich bereits weltweite Tendenzen zur Verwirklichung der Dreigliederung abzeichnen, die im Zusammenhang mit der von Rudolf Steiner vorausgesagten Kulmination des anthroposophischen Impulses am Jahrhundertende stehen, aber gewissermaßen unbewußt und weit außerhalb der anthroposophischen Gesellschaft vor sich gehen: "Am Jahrhundertende findet eine Art Michaelischer Kulmination statt. Wegen bestimmter geschichtlicher Realitäten findet diese Kulmination außerhalb der Anthroposophischen Gesellschaft statt, ist aber vom Zeitgeist inspiriert." Perlas sieht diese Kulmination in einem Dritten zwischen den von ihm eher schwärzlich gezeichneten Machtbildungen von Politik und Wirtschaft. Diese dritte Kraft im sozialen Feld, die in den letzten Jahrzehnten weltweit an Stärke gewonnen hätte, ist für ihn die "globale Bürgergesellschaft", d.h. die Gesamtheit der "gesellschaftlichen Bürger organisationen (GBO)", beispielsweise der Bürgerinitiativen. Der gebräuchlichste, englische Ausdruck für das - in seiner Abgrenzung unklare - Gesamtphänomen ist der von der "Civil Society". Perlas schreibt: "Die globale Bürgergesellschaft ist die wichtigste gesellschaftliche Neuerung des 20. Jahrhunderts (...) Ihre kraftvolle Bildung ist einer der Hauptgründe, warum Dreigliederung auf Landes- und auf globaler Ebene heute möglich ist. "Darüber hinaus zählt er alle "sozial verantwortlichen" Aktivitäten zu den Kräften, die "nach Dreigliederung" streben, beispielsweise die Investitionen von "Anlegern und Geschäftsleuten" in "umweltgerechte Technologie". Perlas nennt diese Kräfte etwas pathetisch auch "die Kulturschöpferischen", wohl um damit auch im Namen eine Art Anknüpfung an die Dreigliederungslehre zu schaffen. Mit der Benennung als "Kulturschöpferische" wird der Zusammenhang mit dem dritten Glied des sozialen Organismus, dem Geistesleben, unmittelbar suggeriert. Perlas ist offenbar der Meinung, daß sich in all diesen Initiativen ein freies Geistesleben ausdrückt und im Begriffe ist, sich seinen gebührenden Platz im weltweiten Gesellschaftsorganismus zu erobern. [2] "Die globale Bürgergesellschaft sieht sich tatsächlich als ausgleichende Kraft gegenüber totalitären Tendenzen von Staat und Markt - als Selbstschutz der Kultursphäre gegen das Eindringen von Politik und Wirtschaft in ihren Bereich", schreibt Perlas, und - über diese sehr zurückhaltende Formulierung hinaus - zeigen die Artikel, daß das auch seine eigene Sichtweise ist. Man kann dem auch entnehmen, daß er diese Zivilgesellschaft für jenes dritte Glied des sozialen Organismus hält, das die Dreigliederung neben Staat und Wirtschaft postulierte: das freie Geistesleben, die "Kultursphäre". Die von Perlas zitierten Phänomene haben wohl unbestreitbar Wirkungen hervorgebracht, denen Positives nicht abzusprechen ist. Es ist sicherlich wertvoll, wenn eher in "umweltgerechte" als in umweltschädliche Technologien investiert wird, und wer hier ein ökonomisches Risiko auf sich nimmt, verdient Bewunderung. Bei den NGOs, (den Non Governmental Organisations = Nicht-Regierungsorganisationen) erwähnt Perlas namentlich Greenpeace und Amnesty International als Organisationen, in denen "die dritte Kraft" dabei ist, Gestalt anzunehmen. Greenpeace hat sicherlich manches skandalöse Verhalten im Umweltbereich aufgedeckt, hat Behörden oder Unternehmen durch Druck zum Handeln gezwungen, wo sie lieber vertuscht hätten, hat Gesetzgebungsverfahren, die Umweltdinge betreffen, mitbeeinflußt und hat die öffentliche Aufmerksamkeit für Umweltfragen geschärft und verstärkt. Und Amnesty International hat sicherlich das Los von manchem politischen Gefangenen erleichtert und stellt einen öffentlichen Einflußfaktor dar, der Regierungen vor Handlungen zurückschrecken läßt, derer sie sich sonst gerne befleißigen würden. Perlas Wahrnehmung dieser Phänomene scheint zugleich von Vorstellungen wie denen des Philosophen Jürgen Habermas beeinflußt zu sein. [3] Habermas sah eine entscheidende Trennlinie in den modernen Gesellschaften zwischen einerseits der "Lebenswelt" und ihrer Eigengesetzlichkeit und andererseits den großen Verwaltungsapparaten, der "verwalteten Welt" und ihrer Tendenz zur Sozialtechnologie. Es ging darum, in welchem Maße sich die Gesellschaft in Selbstorganisationsprozessen frei, spontan, von unten heraus und nach wirklichen Interessen bildet und gestaltet bzw. in welchem Maße sie von oben her gelenkt, "manipuliert" und kontrollierbar gehalten wird, beispielsweise durch die Techniken der "Kulturindustrie". Die Tendenz der großen Apparate zur "Kolonialisierung der Lebenswelt" hat Habermas für die größte Gefahr in der heutigen Weltsituation gehalten.

Parallelen und Unvereinbarkeiten

Auch die Dreigliederung kann man für eine Lehre ansehen, die den Fluß der Impulse von oben nach unten und von unten nach oben in einer Gesellschaft in ein Gleichgewicht zu bringen versucht hat. In Rudolf Steiners Vorstellungen zu ihrer Konkretisierung sollte das politische Leben durch das Demokratieprinzip an Impulse von unten gebunden bleiben, im Wirtschaftsleben sollte es im Prinzip der freien Assoziation und auch in seiner Koppelung an Geistes- und Rechtsleben wirksam sein und das Geistesleben - obwohl zu Hierarchisierung tendierend - beruht ja überhaupt auf dem Prinzip der Freiheit und d.h. zugleich Freiwilligkeit. Ähnlich wie das Perlas von der "Bürgergesellschaft" meint, wollte auch die Dreigliederung den modernen Tendenzen zur Verwaltung und Manipulation der Gesellschaften von kleinen oberen Zentren aus ein anderes, lebendigeres Modell entgegenstellen und plausibel machen: das gilt sowohl gegenüber Kommunismus wie Leninismus, dessen damaliger Aufstieg für Steiner einen Fonds bildete, vor dem er die Dreigliederung in ihren andersartigen Denkprinzipien herauszu arbeiten versuchte, wie auch für die westlichen Formen der Sozialtechnologie.Wenn insoweit die Relevanz der modernen Bürgergesellschaft auch für die Dreigliederung wirklich besteht und es interessant ist, bestimmte Parallelen herauszuarbeiten, so bleibt doch eher rätselhaft, warum Perlas in diesen Bürgerorganisationen die heutige Gestalt eines "freien Geisteslebens" erblicken zu können glaubt, wie er es zumindest suggeriert. Ihre Aktivitäten spielen sich ja gewöhnlicherweise überhaupt nicht in der Sphäre von Kultur, Geistesleben oder Erziehung ab. Nimmt man die von Perlas genannten Beispiele Greenpeace und Amnesty International, so wird man diese Organisationen am ehesten als Lobbyorganisationen beschreiben können. Anders als die typischen Lobbies etwa der Wirtschaft treten sie dabei nicht egoistisch für die eigenen, sondern für fremde Interessen ein, die sich sonst keinen Ausdruck zu verschaffen vermögen, etwa für dasjenige der Natur. Für diese jeweiligen Interessen betreiben sie Lobbyarbeit in der politischen Sphäre. Unzufrieden mit der Rechtssetzung in den Parlamenten oder der Rechtsdurchsetzung durch die Exekutive versuchen sie - via Öffentlichkeit - auf diese einzuwirken, um dem Geltung zu verschaffen, was sie für "gerecht" oder "richtig" erkannt haben. D.h., es geht beispielsweise darum, Öffentlichkeit zu mobilisieren, um Gesetze zum Schutz der Umwelt auf den Weg zu bringen, auch wenn es vielleicht Widerstände aus der Industrie oder den Gewerkschaften gibt. Oder man versucht Behörden dazu zu bringen, eine Verordnung, die zwar besteht, aber unterlaufen und ignoriert wird, auch wirklich anzuwenden, zu kontrollieren und ihre Durchbrechung mit Sanktionen zu ahnden. Oder man versucht, ein Verhalten - etwa eines Unternehmens -, das zwar rechtskonform ist, aber trotzdem skandalös erscheint, zu unterbinden. [4] Das Grundmotiv der Dreigliederung liegt in der Einsicht, daß sowohl die Gesellschaft als auch das Individuum sich heute nur in dem Maße frei und gesund entwickeln können, in dem die drei Sphären Rechtsleben, Wirtschaftsleben, Geistesleben als eigenständige, aus eigenen Gesetzmäßigkeiten heraus lebende, behandelt werden. In dem Maße, in dem das nicht passiert, führt dagegen die chaotische oder imperialistische Durchmischung und Durchdringung der Sphären zu Verknotungen, Verwirrungen und Vergiftungen sowohl im sozialen Prozeß, als auch im einzelmenschlichen Seelen- und Geistesleben. Es entsteht so etwas wie ein "trible-bind" (angelehnt an den psychiatrischen Begriff des "double-bind" [5]). Schafft man es nicht, die Sphären nach ihrer jeweiligen Eigengesetzlichkeit zu behandeln, erkennt und anerkennt man diese Eigengesetzlichkeit nicht, bestehen drei einander widersprechende Intentionen und Ideale ("Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit") zur gleichen Zeit. Weil man an ihrer Verwirklichung verzweifelt, ohne die Ideale ganz aufgeben zu können, führt diese Situation in Nihilismus, Resignation, Zynismus, Gewalttätigkeit etc. bzw. zu entsprechenden sozialen Phänomenen.

Die "Globale Bürgergesellschaft" und das freie Geistesleben

Die NGOs haben wohl bisher vor allem ein gewisses Verdienst darin gehabt, die Tendenzen zu einem Übermächtigwerden des Wirtschafts- gegenüber dem Rechtsleben zu behindern. Sie legen Wirtschaftsinteressen gewisse Steine in den Weg bei ihren Versuchen, die Gesetzgebung nach eigenem Gutdünken zu beeinflussen und bringen Gesichtspunkte der allgemeinen Öffentlichkeit wieder zur Geltung, die in den eigentlich dafür zuständigen politischen Organen, Parlamenten oder Regierungen, nicht mehr zum Zuge kommen. So war es beispielsweise ein Verdienst derartiger Organisationen, das geplante internationale Investititionsabkommen MAI mit sehr weitreichenden Rechten für die Konzerne gegenüber den jeweiligen Staaten verhindert zu haben. Dieses MAI erschien geradezu als der Versuch der Rechtskodifizierung einer Weltherrschaft der Konzerne, die sich gegenüber nationalem Recht weitgehend immun zu machen versuchten. [6] Andererseits ist nicht zu sehen, daß bei den Bürgerorganisationen irgendein vergleichbares Bewußtsein für die Notwendigkeiten eines freien Geisteslebens bestünde. Die Tendenz dieser Organisationen geht eher auf die Geltendmachung irgendwelcher für gut befundener inhaltlicher Gesichtspunkte, als auf die Anerkennung allgemeiner Prinzipien. Ihr Ehrgeiz geht dahin, diese für gut befundenen inhaltlichen Gesichtspunkte mit allen vorstellbaren - auch propagandistischen - Mitteln zur Geltung zu bringen, und darin verstärken sie eher die Tendenz, die soziale Sphäre zu einem Einheitsbrei zu verrühren und befördern den Einheitsstaat. Ein Beispiel dafür wäre der Gebrauch von bzw. die Forderung nach Wirtschaftssanktionen zur Durchsetzung irgendwelcher politischer Ziele.Häufig stehen diese Organisationen zumindest im Westen ja auch in einer gewissen Nähe zu den allgemeinen Tendenzen der sogenannten "politischen Korrektheit". In dieser kann man einen Versuch erblicken, der Menschheit ein Einheitsgeistesleben zu verordnen. Sie interessiert sich viel mehr und mit zensorischer Absicht für irgendwelche inhaltlichen Gesichtspunkte des Geisteslebens als etwa für das Grundprinzip seiner Freiheit bzw. hat für dieses Prinzip überhaupt kein Verständnis.Rudolf Steiner hat einmal die Gedankenfreiheit als eine der wichtigsten Grundforderungen der neueren Zeit bezeichnet. Er hat in einem Vortrag 1919 drei Dinge formuliert, die "in den Seelentiefen" der modernen Menschheit danach strebten, "geschichtlich verwirklicht zu werden. Diese drei (...) Dinge sind: erstens eine der neueren Zeit angemessene Durchdringung des geistigen Lebens, dasjenige was man Geisteswissenschaft auf die eine oder andere Art nennen kann; das zweite ist Freiheit des Gedankenlebens, Gedankenfreiheit; das dritte ist im echten und wahren Sinne Sozialismus." [7] Es ist diese "Freiheit des Gedankenlebens", die hier als zweites gefordert wird, die die Grundlage des Geisteslebens als drittem Glied des sozialen Organismus abgeben muß. Das Bewußtsein oder der Instinkt dafür scheint aber bei den gesellschaftlichen Bürgerorganisationen nur schwach entwickelt.Es ist in diesem Zusammenhang interessant, daß Perlas an einer Stelle sogar so etwas wie eine Weltanschauung der gesellschaftlichen Bürgerorganisationen entworfen hat: "Die Werte der Kulturschöpferischen sind: Heiligung der Natur, Suche nach Gemeinschaft, Wachstumsbegrenzung, sinnvolle Beziehungen, Spiritualität, Widerstand gegen umweltverschmutzende Körperschaften, Altruismus, meditativer Pfad, holistische Heilung, grüne Haltung, die Erde als lebender Organismus, Globalisierung, Liebe zum Fremden und so weiter." Das ist ein Katalog, der ganz allgemein etwa dem entspricht, was sonst als New Age bezeichnet wird. Es findet sich darin eine weitgehende Betonung von Werten, die als "weiblich" verstanden werden könnten. Was darin und bei Perlas charakteristischerweise ganz fehlt, ist eine Betonung der Freiheit, wie sie sich bei Rudolf Steiner in Bezug auf das Geistesleben findet. Diese Freiheit als Wert für das Geistesleben ist in gewissem Sinne eine "männliche" Komponente, indem sie Kampf und Konkurrenz betont und in dieser Sphäre für richtig und notwendig hält. So angesehen könnte man dann wiederum in Perlas´ Art der Konzeption der Bürgergesellschaft als drittem Glied des sozialen Organismus sogar weniger eine Verwirklichung, als Tendenzen zu einer Art Abwehr oder Verhinderung eines freien Geisteslebens sehen.Insgesamt findet sich bei Perlas eine etwas seltsame Neigung, jede Form von Anständigkeit, Verantwortungsbewußtsein oder sozial ausgerichtete Aktivität bereits für eine Verwirklichung der Dreigliederung anzusehen. Manchmal hat man den Eindruck, daß er Dreigliederung für einen anthroposophischen Spezialausdruck hält, der so etwas wie soziales, rücksichtsvolles, altruistisches Verhalten bedeutet. Aber Dreigliederung bedeutet eigentlich ein Anerkennen der Eigengesetzlichkeiten der drei Sphären, nicht irgendeine Ekstase von Gutwilligkeit. Eine solche allgemeine Intention zur Gutwilligkeit wird, wenn sie nicht bereit ist, den Versuch zu unternehmen, sich die Gesetze und Lebensprinzipien des sozialen Organismus illusionslos vor Augen zu führen, schließlich sehr leicht in einen Tugendterror umschlagen.

Ahriman, Luzifer und die Civil Society

Perlas versucht auch, die von ihm beschriebenen Phänomene in einem tieferen Sinne geisteswissenschaftlich zu verorten. Er erkennt der Bürgergesellschaft "Christus- und Michaelmerkmale" zu und sieht in ihr damit eine heilende Kraft gegenüber den gefährlichen Tendenzen der modernen Zivilisation, die er kurz folgendermaßen beschreibt: "Auf der einen Seite sehen wir das ahrimanische Weltbild und die Werte der Globalisierungselite wie einen Expreßzug in eine Richtung sausen. Auf der anderen zeigt sich die luziferische Reaktion auf die Globalisierungselite in Formen des Fundamentalismus und in verzweifelten Versuchen, an Traditionen festzuhalten." Es kann interessant sein, diese Beschreibung von Perlas zusammenzuhalten mit Darlegungen Rudolf Steiners, als er 1919 die Bedingungen der künftigen Inkarnation Ahrimans zu beschreiben versuchte. [8] Rudolf Steiner spricht dort über einige typische Denkweisen der seinerzeitigen (und man könnte ergänzen: auch der heutigen) Menschheit, von denen er glaubte, daß sie diese Inkarnation befördern würden.Dazu gehört unter anderem eine Vorherrschaft der aufs Ökonomische gerichteten Verhältnisse und Denkweisen, wie sie besonders durch die Herrschaft des Finanzkapitalismus seit dem 19. Jahrhundert hervorgebracht wurde: "(...) wenn der Mensch nicht durchschaut, daß er der durch den ökonomischen Menschen und der durch den Bankier hervorgerufenen ökonomischen Ordnung den Rechtsstaat und den Geistesorganismus entgegensetzen muß, dann wird wiederum in diesem Nichtdurchschauen Ahriman ein wesentliches Mittel finden, um seine Inkarnation, das heißt den Triumph seiner Inkarnation, die gewiß kommt, in der entsprechenden Weise vorzubereiten." Dieses "Nichtdurchschauen" und Nichtdurchschauen-Wollen ist wohl die vorherrschende Haltung in den heute weltbestimmenden Kreisen. Dort regiert die Vorstellung, daß die Probleme im wesentlichen aus der falschen Einschränkung der ökonomischen Triebkräfte herrühren und daß, läßt man diese frei, dann auch alles andere sich ordnen würde. Es sind die Gedankenformen jener Kreise, die Perlas als "Globalisierungselite" bezeichnet und die er (zurecht) für ahrimanisch ansieht.Zu den Denkweisen, die Ahriman entgegenkommen gehört aber nach Rudolf Steiner auch - in gewissem Sinne überraschend - das Festhalten daran, "die Welt kennenzulernen durch das Evangelium und abzulehnen jedes andere Eindringen in die wahre Wirklichkeit als durch das Evangelium." Das ist - ausgeweitet noch auf andere Religionsbekenntnisse - jenes Phänomen, das von Perlas als "Fundamentalismus" bezeichnet wird (und von ihm als "luziferische Reaktion" beschrieben wird). Das heißt: Perlas hält für einen ahrimanisch-luziferischen Gegensatz, was für Rudolf Steiner unterschiedliche, aber gleichermaßen in eine ahrimanische Richtung weisende Phänomene waren. Nach Hegel zeigt sich der Sieg einer Partei oder einer Richtung darin, daß sie sich selbst wiederum in zwei verschiedene Parteien und Strömungen aufteilt; in diesem Sinne könnte man in Perlas´ Ausführungen ein Indiz für den Sieg der ahrimanischen Partei sehen, die schon so herrschend geworden ist, daß ihre Unterströmungen als weltwichtigste Gegensätze empfunden werden können. [9]

 

Andreas Bracher, Hamburg

 

Anmerkungen

[1] Siehe Perlas Beiträge in Anthroposophie weltweit 1/98 (Globalisierung und Michaelische Zivilisation), 3/98 (Die Zukunft gestalten! Bericht über die Konferenz Globalisierung, Anthroposophie und Dreigliederung des sozialen Organismus vom 25. bis 30. Oktober 1998) u. insbesondere 6/99 (Streben nach Dreigliederung). Alle Zitate hier sind aus diesem letzten Artikel.

[2] Mit ähnlichen Gedanken und anknüpfend insbesondere an die osteuropäischen Bürgerrechts- und Dissidentenbewegungen sieht auch Harrie Salman in diesen Bewegungen etwas, in dem sich Intentionen der Anthroposophie zu verwirklichen versuchen. Siehe sein interessantes Buch Die Heilung Europas. Die Geburt des europäischen Selbstbewußtseins. Schaffhausen 1999.

[3] In einem seiner Artikel hat Perlas ein Buch von zwei ehemaligen Mitarbeitern von Habermas empfohlen: Jean L. Cohen u. Andrew Arato, Civil Society and Political Theory, Cambridge, Mass., 1994. Das Buch unternimmt eine Verortung der Zivilgesellschaft in Auseinandersetzung mit einigen modernen Gesellschaftstheoretikern: Hannah Arendt, Jürgen Habermas, Niklas Lumann und Michel Foucault. Es bleibt aber letztlich rätselhaft, warum Perlas in diesem Buch den wichtigsten zeitgenössischen Beitrag zur "Dreigliederungslehre" sieht. Rudolf Steiner oder die Dreigliederung im von ihm gemeinten Sinne kommen in dem Buch überhaupt nicht vor. Nur weil man die Zivilgesellschaft auch als ein Drittes neben Markt und Staat rubrizieren kann, liegt in einer solchen Einteilung doch nicht jene Dreigliederung vor, die in der Steiner´schen Lehre eigentlich gemeint war. Daß es möglich ist, alles mögliche in drei Teile zu unterteilen, ist ja selbstverständlich, aber deshalb nicht schon mit der Dreigliederung Rudolf Steiners gleichzusetzen.

[4] Dieser letztere Fall weist aber auch auf die Problematik des Verhaltens dieser Organisationen hin: der zunehmende Einfluß solcher nicht-legitimierter, aber öffentlichkeitswirksamer Gruppen verstärkt die Tendenz, die politische Sphäre zu einer Tyrannei organisierter Gruppen werden zu lassen.

[5] Dieser Begriff wurde von dem englischen Naturphilosophen und Psychiater Gregory Bateson (1904-1980) geprägt. Damit gemeint ist eine Situation, in der ein Mensch sich zwei gleich starken, einander ausschließenden Forderungen unterstellt fühlt und darüber verzweifelt. Beispielsweise ein Junge, der von seiner Mutter einerseits gesagt bekommt: "Geh hinaus, werde stark und erobere die Welt" und andererseits: "Bleib immer mein kleiner, lieber Junge".

[6] Dieses Beispiel führt auch Perlas an. Vgl. zum MAI die Ver öffentlichung Das MAI und die Herrschaft der Konzerne. Hgg.v. Fritz R. Glunk. München 1998.

[7] s. Rudolf Steiner, GA 189, Vortrag vom 1.3.1919. Man sollte im übrigen diese drei Dinge nicht mit den drei Gliedern des sozialen Organismus verwechseln, wie sie in der Dreigliederung bestimmt wurden. Die Dreigliederung war ein Entwurf von Sozialprinzipien, in denen es möglich sein sollte, diesen drei Forderungen wirklich gerecht zu werden, sie ist aber gegenüber diesen inhaltlichen Forderungen eher etwas Formales.

[8] R. Steiner, GA 193, Vortrag vom 27.10.1919.

[9] Das Verhältnis bzw. die Zusammengehörigkeit der beiden Phänomene behandelt auch der amerikanische Politologe Benjamin R. Barber. In seinem Buch Demokratie im Würgegriff - Kapitalismus und Fundamentalismus - eine unheilige Allianz. Frankfurt/Main 1999.


Quelle: Der Europäer, 12/1999, S. 16-19, Nachdruck mit freundlicher Genehmigung der Zeitschrift