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Hessnatur: Investoren von Capvis sind an Atombomben-Finanzierung beteiligt

04.11.2012 - Johannes Mosmann

Gegenwärtiger Eigentümer des einstigen Ökopioniers Hessnatur ist Capvis III mit Sitz in der Steueroase Jersey[1]. Die gleichnamigen Schweizer "Partner" des Fonds sind nicht die Eigentümer, sondern die Verwalter des Fonds. Die Namen der Eigentümer von Capvis III werden nicht bekannt gegeben. Lediglich einer der Capvis-Investoren, nämlich Harbourvest, wurde einmal im Capvis-Rundbrief erwähnt. Wir haben deshalb viele Wochen recherchieren müssen, um wenigstens einige der Anteilseigner von Capvis III identifizieren zu können. Das Ergebnis ist verblüffend: Davon investieren alle entweder direkt in die Rüstungsindustrie, verwalten Kapital der Rüstungsindustrie oder vermehren das Kapital von Gesellschaften, die ihrerseits in die Rüstungsindustrie investieren. Die größten uns bekannten Anteilseigner des Fonds Capvis III, dem seit Juni das Ökounternehmen Hessnatur gehört, investieren außerdem in die Atombombe, oder verwalten das Kapital von Gesellschaften, die wiederum in die Atombombe investieren.

BAE Systems und Babcock International

F&C Investments ist eine 100 Milliarden Pfund schwere Investmentgesellschaft und laut eines Berichts von ICAN einer der wichtigsten Finanzierer von Nuklearwaffen[2]. So hält F&C etwa Anteile an „Babcock International“ und an "BAE Systems"[3]. Sowohl BAE Systems als auch Babcock International zählen zu den größten Atomwaffenproduzenten der Welt, und werden auf jeder entsprechendenen Liste geführt[4]. BAE Systems ist außerdem der zweitgrößte Rüstungskonzern überhaupt, und war immer wieder in Bestechungsskandale im Zusammenhang mit Waffenlieferungen an Saudi Arabien verwickelt. Die britischen Behörden unterbrachen die Ermittlungen gegen BAE Systems im Jahr 2006, um die Beziehungen zu Saudi Arabien nicht zu gefährden. F&C Systems ist nach eigenem Bekunden einer der wichtigsten Investoren des Rüstungskonzerns[5].

Aus einer offiziellen Portfolio-Aufstellung geht nun hervor, dass F&C Investments einer der Anteilseigner von Capvis III, und somit seit dem 01. Juni über diesen Fonds an Hessnatur beteiligt ist[6].

Das Who-is-Who der Atombombenindustrie

Capvis verkündete im eigenen Rundbrief: „HarbourVest ist einer der größten Investoren bei Capvis.“[7]. Das selbe belegen die Jahresberichte des US-Investors. HarbourVest ist eine US-Amerikanische Investmentgesellschaft, und verwaltet die Gelder ihrer Anleger, indem sie diese in Fonds wie Capvis investiert. Uns liegt nun eine Liste der Anleger von HarbourVest vor[8], die HarbourVest selbst herausgegeben hat. Es ist hierbei wichtig zu bemerken, dass diese Liste nur die Namen derjenigen Anleger enthält, die laut HarbourVest nichts dagegen haben, öffentlich genannt zu werden! Denn schon auf dieser Liste findet sich das Who-is-Who der Nuklearwaffenproduzenten. HarbourVest verwaltet demnach nicht nur Gelder des Pensionsfonds des australischen Militärs, sondern darüber hinaus Gelder vieler anderer Gesellschaften, die an der Rüstung beteiligt sind, in diese investieren, oder sogar Atombomben bauen:

  1. Demnach gehören zu ihren Investoren die folgenden Rüstungskonzerne: Allegheny Technologies[9], der ebenfalls auf der Liste der Top 20 der Nuklearwaffenproduzenten steht, Batelle[10], Cummins[11], BAE Systems[12], außerdem der Militär-Versorger AFFES[13].
  2. HarbourVest legt ihrer eigenen Auflistung zu Folge Gelder des amerikanischen Atombombenbauers BWXT Y-12[14], der unter anderem das Material für die Hiroshima-Bombe lieferte, gewinnbringend an. BWXT Y-12 ist laut Wikipedia gegenwärtig verantwortlich für das gesamte Atombomben-Arsenal der USA.
  3. Auf der Webseite einer Kampagne gegen Waffenhandel[15] werden 12 Pensionsfons als Finanziers von BAE-Systems genannt. Fünf dieser Pensionsfonds legen laut der oben genannten Liste ihr Geld bei HarbourVest an: West Yorkshire, West Midlands, South Yorkshire, Kent, London Borough of Southwark.
  4. Eine Studie der International Campaign to Abolish Nuclear Weapons[16], die vom Dalai Lama, diversen Friedensobelpreisträgern und namhaften Politikern unterstützt wird, kennzeichnet eine Reihe von Gesellschaften als die Finanzierer von Nuklearwaffen. Ganze 9 dieser Investoren stimmen mit den Fonds überein, die laut HarbourVest zu ihren Anlegern gehören: Ontario Teachers, Allstate, Lincoln National, TIAA-CREF, Wells Fargo, BAE Systems Pension Funds Investment, Mitsubishi UFJ, Sumitomo Pension Fund, NG Pension Fund. Diese Gesellschaften finanzieren also einerseits den Bau von Nuklearwaffen, und lassen ihr Kapital andererseits von den HarbourVest-Managern gewinnbringend in mitteleuropäische Unternehmen anlegen.

HarbourVest investiert außerdem direkt in den italienischen Rüstungskonzern Avio[17], sowie in Spectrumcontrole[18] und in Safeboats[19], die beide ebenfalls an der Rüstungsproduktion beteiligt sind. Dies geht aus der Portfolio-Aufstellung von HarbourVest hervor[20]. Man müsste natürlich noch eine ganze Menge mehr zu diesem Capvis-Investor sagen, um ein vollständiges Bild zu erhalten - etwa, dass alle Universitäten, die ihr Geld in HarbourVest investieren, Offiziere oder Soldaten ausbilden und rekrutieren.

Und wo bleibt Carlyle?

Nach der Abmahnung durch Allen & Overy, die zu einer der größten Anwaltskanzleien der Welt gehört, waren sich die Betreiber der Kundeninitiative wir-sind-die-konsumenten.de sicher, dass das Problem noch größer sein musste, als sie bis dahin annahmen. In mühevoller Recherchearbeit gelang es ihnen zwei weitere Anteilseigner, sowie einen Kooperationspartner ausfindig zu machen. Diesmal führte eine Spur ausgerechnet zum US-Giganten Carlyle: An Capvis III, dem Fonds also, der Hessnatur besitzt, ist der Fonds „Partners Group Private Equity Performance Holding Limited“ beteiligt. Dieser Fonds hat seinen Sitz in der Steueroase Channel Islands. Ebenfalls beteiligt an Capvis III ist der „LHI Private Equity Fonds II“, Sitz unbekannt. Und beide Fonds investieren in Carlyle [21][22]. Viel interessanter ist allerdings, dass Capvis auf der Webseite von Alpinvest[23] als Geschäftspartner angeführt wird, genauer gesagt sogar als "General Partner" bei Fonds-Investments. Alpinvest ist eine 100%ige Carlyle-Tochter.

Das ist deshalb bemerkenswert, weil in der Öffentlichkeit kein Zweifel daran besteht, dass Carlyle zu den wichtigsten Finanziers von Waffengeschäften aller Art gehört. Ende 2010 ging ein Aufschrei durch die Medien, weil Carlyle Hessnatur kaufen wollte. Niemand stieß sich an den Boykottandrohungen von Attac, die unter dem Motto „Kein Ökomäntelchen für Bombenbauer!“ in kürzester Zeit 10.000 Unterschriften sammelten. Für die beiden Betreiber des Kundenportals, Andreas Schurack und Johannes Mosmann, ist die finanzielle Verflechtung von F&C und HarbourVest mit der Atomwaffenherstellung das größere Problem. Aufgrund der Vorgeschichte in den Auseinandersetzungen um Hessnatur dürfte Capvis in der öffentlichen Wahrnehmung jedoch vor allem dann kritisch gesehen werden, wenn bekannt wird, dass sich Capvis III vielerorts im selben Topf befindet wie Carlyle, und Capvis sogar als Partner der Carlyle-Tochter Alpinvest geführt wird. Das könnte nach Ansicht der Betreiber von wir-sind-die-konsumenten.de der wahre Grund dafür sein, warum sich die Hess Natur-Textil GmbH niemals zu den Vorwürfen äußerte, und stattdessen jetzt plötzlich, nachdem die entsprechenden Vorwürfe schon einige Monate bekannt waren, juristisch gegen die Kundeninitiative vorgeht.

Wer ist schuld, dass immer mehr Kunden Hessnatur boykottieren?

Capvis verwaltet das Kapital von Gesellschaften, die ihrerseits in Rüstung und Atomwaffen investieren. Capvis ist nicht für das verantwortlich, was diese Gesellschaften tun. Letzteres haben Schurack und Mosmann stets betont. Sie haben nicht den geringsten Zweifel daran, dass Capvis die Wahrheit sagt, wenn sie beteuert, dass Capvis nicht in Waffen, Militär oder Rüstung investiere. Capvis steckt vielmehr das Kapital von Gesellschaften wie HarbourVest und F&C in saubere, mittelständische Unternehmen. Eben da liegt ja der Kern der Kritik von Schurack und Mosmann.

Wer die Jahresberichte von HarbourVest oder F&C studiert, bemerkt schnell, wie sich der Begriff der „Verantwortung“ in den unzähligen und unüberschaubaren Verstrickungen verliert. HarbourVest verwaltet die Gelder anderer Gesellschaften, die wieder die Gelder anderer Gesellschaften verwalten, und investiert es in Gesellschaften, die es wieder in andere Gesellschaften investieren. Niemand weiß, wer letztendlich wen ernährt, und wer für was verantwortlich ist. Die Voraussetzung für ein verantwortliches Handeln wäre nach Schurack und Mosmann das Wissen um die Wirkung der eigenen Handlung, und damit ein allmähliches Transparentwerden der ökonomischen Verflechtungen. Zu einer solchen Transparenz wollen sie mit ihren bescheidenen Mitteln beitragen.

Viele Kunden von Hessnatur übernehmen Verantwortung für ihre Kaufentscheidungen. Sie kaufen deshalb nicht bei einer Gesellschaft, die für ihre Geschäfte eine Form gewählt hat, deren einziger Sinn laut Wikipedia darin besteht, unsichtbar zu machen, wer für was verantwortlich ist. Die bloße Tatsache, dass es sich bei Capvis um eine Private-Equity-Gesellschaft handelt, ist der am häufigsten angeführte Grund für den gegenwärtigen Konsumverzicht vieler ehemaliger Hessnatur-Kunden. Wenn die Gegenseite an den Vorwürfen in Bezug auf die Rüstungsindustrie besonderen Anstoß nimmt, täuscht sie sich also einmal mehr über die Motivation der Hessnatur-Kunden.

Neben dem Wiederverkauf nach der Laufzeit des Fonds, der angekündigten Expansion, der Renditeerwartung und anderem liegt ein Motiv der Hessnatur-Kunden in der Tatsache, dass tatsächlich niemand Verantwortung für das Kapital übernehmen kann, solange durch die Beteiligungsstruktur niemand weiß oder gar einen Einfluss darauf hat, wem es letztendlich zu Gute kommt. Die faktische Unschuld der neuen Eigentümer von Hessnatur an der Verwendungsart großer Teile der Wertbildung ist also exakt das, was die Kunden kritisieren – sie wünschen sich einen Eigentümer wie die Genossenschaft hnGeno, der Verantwortung für das Kapital übernehmen kann! Sie wollen grundsätzlich nicht bei einer Eigentümergesellschaft einkaufen, in der niemand Verantwortung für nichts hat. Dass Capvis sich jetzt auf den eigenen Ehrenkodex beruft, und gleichzeitig gegen die Kunden juristisch vorgeht, die ihrerseits Verantwortung zeigen wollen, ist mit Abstand das Schlimmste, was Capvis dem eigenen Namen zufügen konnte.

Jetzt wissen die Capvis-Partner von den Geschäften ihrer Anteilseigner. Das heisst, „unabsichtlich“ können sie seit der Berichte von Schurack und Mosmann nicht mehr handeln. In der Wahrnehmung vieler Hessnatur-Kunden haben sie sich soeben selbst mit der Rüstungsindustrie identifiziert. Eine Kundin schreibt zum Beispiel: „Die Bevormundung, die Sie und Ihre Kollegen nun versuchen, ist empörend und hat mit Achtung und Respekt nichts zu tun. Spielen Sie mit offenen Karten, wenn Sie keine Angst vor uns haben. Kommen Sie und reden Sie offen. Nur so kann die Welt gelingen. Oder wollen Sie und Ihre Kollegen genau das verhindern?!" Ähnliche Mails gehen direkt bei der Geschäftsleitung von Hessnatur ein. So schreibt ein Kunde: „Sehr geehrter Herr XXX, durch den Rechtsstreit haben Sie mich angeregt, noch intensiver über die Hintergründe von capvis zu recherchieren. Es ist schon interessant, was für Konzerne z.B. bei HarbourVest (einer der Investoren von capvis funds III) im Portfolio stecken: Avio. DelMonte (Inbegriff der Ausbeutung von Plantagenarbeitern und Kleinbauern!), Spielkasinobetreiber! Das passt doch nicht wirklich zu Hessnatur - oder sehen Sie das nicht so eng?"

Messen Sie uns an unseren Taten!

Die neuen Hessnatur-Eigentümer bitten: "Messen Sie uns an unseren Taten!". Ich hoffe, dass immer mehr Menschen Capvis beim Wort nehmen. Wie sehen diese Taten nämlich aus? Die Hess Natur-Textilien GmbH geht juristisch gegen Verbraucher vor, weil diese eine finanzielle Verbindung zwischen Capvis und Rüstungsindustrie behauptet haben, anstatt das Angebot anzunehmen, die eigene Sicht der oben skizzierten Zusammenhänge öffentlich darzulegen. Sie stützt sich dabei auf widersprüchliche Aussagen. Zum Beispiel behauptet die Hess Natur-Textil GmbH vor Gericht, die Kundenproteste hätten zu einem Absatzrückgang von -18 % geführt, und will im Hauptsacheverfahren 200.000 Euro Schadensersatz von den beiden Sozialaktivisten Schurack und Mosmann verlangen. Gleichzeitig berichtet Capvis dem Focus das genaue Gegenteil - es gebe keinen nennenswerten Kundenrückgang! Der neue Geschäftsführer Marc Sommer legt zudem eine eidestattliche Versicherung ab, an deren Wahrheitsgehalt Schurack und Mosmann erhebliche Zweifel haben. Und während diese Vorgänge sich seit der einstweiligen Verfügung ohne große Öffentlichkeit im Hintergrund abspielen, veranstaltet Capvis Spiel und Spaß für die Kunden, und lässt es so richtig menscheln.

So wurden zum Beispiel 3 Kunden ausgewählt, sich zu einem "Round Table" in Butzbach zu treffen. Ihnen gegenüber saßen 5 Capvis-, bzw. Hessnatur-Vertreter. Die drei Besucher reagierten wie erwartet - insgesamt fanden sie es sehr menschlich, einmal von Angesicht zu Angesicht zu reden. An den Tatsachen, dass Capvis zu einem x-fachen des Einkaufspreises weiterverkaufen wird, dass HarbourVest, F&C und andere in Rüstungskonzerne investieren, dass ein für ein Fair-Trade-Unternehmen unverhältnismäßig hoher Anteil in die oberen Etagen und als Rendite der Eigentümer abgeführt wird, dass das Ganze zudem völlig grundlos ist, weil eine Genossenschaft aus Mitarbeitern bereit steht, Hessnatur dauerhaft weiter zu führen, ändert diese gefühlte Eintracht nichts.

Viele Menschen fangen gegenwärtig leider noch an zu quitschen, sobald man sie der Strahlkraft einer vermuteten Macht aussetzt. Die Auseinandersetzung um Hessnatur entscheidet sich deshalb letztendlich daran, wie viele Hessnatur-Kunden genügend Reife im freien Gebrauch ihrer Urteilskraft zeigen. Es lohnt sich z.B., das im Hessnatur-Blog veröffentlichte Ergebnis des "Round Tables" einmal genauer zu prüfen. Dort wird etwa behauptet, die hnGeno wäre als Eigentümer eine Belastung für Hessnatur, weil sie Fremdkapital aufgenommen habe, also Kredit von einer Bank nehme. Capvis dagegen investiere Eigenkapital. Dem haben die drei Gäste natürlich nichts entgegenzusetzen, so wie sie keiner der Behauptungen von Capvis etwas entgegensetzen können, weil sie die Materie schlicht nicht kennen. Sie wissen nicht, dass Eigenkapital teurer ist als Fremdkapital (siehe z.B. hier), weil die Renditeerwartungen von HarbourVest und Co. mindestens den Zins übersteigen, den sie den Banken für Kredite bezahlen müssen, und der eigenkapitalfinanzierte Kauf daher die wesentlich größere Belastung für das kleine Fair-Trade-Unternehmen darstellt.

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