Lex Bos und die dynamische Urteilsbildung
Die dynamische Urteilsbildung – das ist eine Methode, wie man unter Einbeziehung von Denken, Fühlen und Wollen, von Vergangenheit und Zukunft, von Idealen und pragmatischen Überlegungen in jeder Lebenslage zu Ideen und zu gangbaren Wegen kommen kann – alleine und in der Gruppe, d.h. auch in Konferenzen, Kollegien etc.
Lex Bos hielt die Entdeckung und Beschreibung der dynamischen Urteilsbildung für seine eigentliche Lebensleistung.
1. Überblick
Vor der dynamischen Urteilsbildung wurde im NPI (Niederländisches Pädagogisches Institut) bei allen Entscheidungen viele Jahre lang ganz selbstverständlich mit der von Bernard Lievegoed geschaffenen Methode POM (Problem Oplossings Methode) gearbeitet. Sie besteht aus einer Abfolge von vier Schritten: Zunächst das Erzeugen von Wärme, indem die Gruppe zueinander findet. Dann die Bildgestaltung, in der ein Bild des zu lösenden Problems mit allen möglichen Lösungen entwickelt wird. Dann geschieht die eigentliche Urteilsbildung und zum Abschluss folgt dann der Entschluss. Diese Methode, so selbstverständlich sie für alle Mitarbeiter war, hatte nach Lex Bos‘ Beobachtung aber einen gravierenden Fehler: Der menschliche Geist ist nicht so konfiguriert, dass er eine Stufe nach der anderen, in chronologischer und in logischer Abfolge, verfolgt. Er springt hin und her, in einer Stufe fällt ihm ein, was vorher vergessen worden war. Oder er kommt plötzlich auf ganz neue Ideen.
Ein solches Vorgehen war nach dieser Methode aber nicht erlaubt. War eine Stufe abgeschlossen, so war ein Zurückgehen eigentlich nicht mehr möglich. Und man durfte auch keine Stufe überspringen, so dass plötzliche, überraschende Einfälle leicht verloren gingen.
Um die Beweglichkeit innerhalb seiner Methode zu betonen, nannte Lex Bos sie dynamische Urteilsbildung. – Sie soll hier in Kürze entwickelt und dargestellt werden.
Der Ausgangspunkt: Es stellt sich die Frage, wie man in einem bestimmten Fall vorgehen möchte. Ein Problem muss gelöst, ein Vorgehen geplant, ein Ziel gefunden werden. (Ein Beispiel folgt am Schluss dieses Textes: Wie soll in der Waldorfschule XY ein Basar gestaltet werden?)
Ausgangspunkt des Prozesses ist die Frage. Sie muss möglichst klar formuliert werden, denn davon hängt es ab, in welche Richtung man seine Aufmerksamkeit richtet. Hier taucht auch der erste wichtige Gruppenprozess auf, denn auf die Formulierung der Fragestellung müssen sich alle einigen können.
Ganz grob lassen sich zwei Arten von Fragen unterscheiden. Die Frage: Was liegt hier vor? Wie ist die Sache beschaffen? ist eher eine Erkenntnisfrage. Die Fragen: Was ist unser Ziel? Wie wollen wir vorgehen? sind eher Fragen, die den menschlichen Willen betreffen.
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∞ |
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| Verstehen | Handeln | |||
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Frage |
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Wenn ich die beiden Seiten der Lemniskate mit der sie verbindenden Mitte, der Frage, verstanden habe, kann ich weiter gliedern.
Auf der linken Seite der Lemniskate, der Erkenntnisseite, kommen Wahrnehmen und Denken zusammen. Ich muss möglichst viele Eigenschaften sammeln, die das Phänomen aufweist, damit der sinnliche Teil der Angelegenheit so reich wie möglich wird. Und ich muss mir dann möglichst viele Gedanken machen und Begriffe bilden, bis ich das Gefühl habe, das Phänomen verstanden zu haben.
Aber schon im Verlaufe dieses „linksseitigen Prozesses“ werden mir vermutlich immer wieder Ideen kommen, wohin ich eigentlich will. Welche Ideale mein Handeln bestimmen sollen. Welche Wege möglich sind. Verstehen und Handelnwollen kommen im Menschen zusammen.
So entsteht auf der linken Seite der Spirale ein möglichst umfassendes Bild des Sachverhalts und auf der rechten Seite entsteht ein Bild meiner Ziele und Ideale und der Wege, die möglich sind, um dorthin zu kommen.
Auf der linken Seite aktiviere ich mein Wahrnehmen und Denken, auf der rechten Seite mein Wollen, sowohl das ideale als auch das pragmatische.
(Diese beiden Seiten entsprechen den beiden Teilen der Philosophie der Freiheit. Der erste Teil beschäftigt sich mit der Erkenntnis, der zweite mit der Umsetzung in der Wirklichkeit.)
In der Mitte, beide Gebiete voneinander trennend und sie miteinander verbindend, steht, in die Frage verwoben, das Gefühl, das immer wieder alle Möglichkeiten abtastet, aufgreift, verwirft, bezweifelt… Und schließlich, im besten Falle, zu dem Schluss kommt: So, jetzt ist es genug. Ich habe alles bedacht, erwogen, im Geiste ausprobiert. Jetzt versteh ich den Sachverhalt, weiß, wo ich hinwill und weiß, welchen Weg ich einschlagen will.
| Wahrnehmen | Ideale (Wollen 1) | |||
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| Denken | Wege (Wollen 2) | |||
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Frage Fühlen |
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Diesen Weg kann ich, mit meinen Lebensfragen, auch alleine gehen. Meistens aber wird es eine Gruppe, eine Gemeinschaft, ein Kollegium sein, dass ihn gemeinsam gehen wird und, um arbeitsfähig zu sein, dann eben auch gemeinsam zu dem Schluss kommen muss: So, genau, so ist es und so machen wir es.
2. Ein Beispiel
Im oben angekündigten Beispiel: Wie wollen wir, als Waldorfschule, den diesjährigen Basar gestalten?, wäre der Verlauf etwa so:
Auf der Wahrnehmungsseite müsste man sich erst einmal darüber klar werden: Wie viele Mitarbeiter sind wird? Wie viele Besucher werden erwartet? Was für Räumlichkeiten stehen uns zur Verfügung? Welche Rolle spielt das Wetter? Was für Essen kann es geben? Was sind die finanziellen Ressourcen?
Das hängt aber alles bereits mit der Idealseite zusammen: Was für eine Art von Schule möchten wir sein? Wie einladend möchten wir uns zu unseren Eltern verhalten? Welche Feste sollen in unserem Schulleben eine Rolle spielen? Welche Jahresfeste feiern wir? Wie steht der Basar im Zusammenhang damit? Was für Erfahrungen haben wir gemacht? Was hat sich bewährt, was nicht? Was für Konzepte wollen wir übernehmen? Was wollen wir neu gestalten?
Im Verfolgen dieser Fragen ergeben sich dann die Wege: Welche Kollegen möchten die Verantwortung übernehmen? Wie setzen wir uns mit unserem sozialen Umfeld in Verbindung? Wieviel Geld können wir ausgeben?
Am Schluss sollte, im besten Falle, ein Seufzer der Erleichterung möglich sein: Ja, so machen wir es! Die Ideen für den Basar dieses Jahr stehen, die Verantwortlichen sind bereit.
3. Entwicklungsmöglichkeiten
Versteht man die dynamische Urteilsbildung, insofern sie in einer Gruppe geschieht, auch als gruppendynamischen Prozess, so zeigt sich, dass hier viele Entwicklungsmöglichkeiten entstehen.
Denn jeder Mensch lebt in einem eingeschränkten Rahmen aus dem, was er kennt und was er sich vorstellen kann. Erinnerungen engen ein; das Denken ist nicht immer so beweglich, wie es wünschenswert wäre; Ideale sind eingeschränkt; , welche Wege man sich vorstellen kann, hängt von den bisherigen Erfahrungen ab usw. Erfahrungsgemäß bereitet es nicht nur Freude, wenn man in einem Prozess auf Menschen stößt, die die eigenen Grenzen des Vorstellbaren und Wünschenswerten sprengen. Man fällt immer wieder auf sich selbst zurück und muss immer wieder abgleichen, inwieweit man bereit ist, sich für Neues zu öffnen.
Im Prozess der dynamischen Urteilsbildung geschieht dieser Prozess unaufhörlich, da ständig ein Fluss von Ideen entsteht. Wenn man diesen Prozess meditativ gestaltet, also verlangsamt, kann es unaufhörlich zu kleinen Erweckungs- und Begegnungsmomenten kommen. Der Horizont der gesamten Gruppe wird sehr viel weiter, als ein Einzelner ihn jemals sehen könnte.
Selbstverständlich kann auch ein Trainer oder ein Coach diesen Prozess begleiten, wenn die Gruppe sich den Weg alleine nicht zutraut. Die Erfahrung zeigt aber, dass, wenn eine Gruppe diesen Weg diszipliniert geht, sie gleichzeitig eine Methode an die Hand bekommt, die den Einzelnen flexibler und beziehungsfähiger, die Gruppe an Möglichkeiten reicher macht. Die geduldige Arbeit an sachlichen Fragen kann das Gefühl weiten und Gefühl und Denken von Einseitigkeiten befreien.
Auch deshalb war Lex Bos die dynamische Urteilsbildung wichtig.
Angelika Oldenburg
