Assoziation als objektiver Gemeinsinn anstelle von Moralinsäure

Quelle: GA 340, S. 152-153, 5. Ausgabe 1979, 02.08.1922, Dornach

Nun handelt es sich natürlich darum, daß man zu einer solchen Sache Gesinnung braucht, aber daß die Gesinnung allein nicht ausreicht. Sie können meinetwillen Assoziationen begründen, die starke wirtschaftliche Einsichten haben; wenn in diesen Assoziationen etwas nicht drinnen ist, so werden auch die Einsichten nicht viel helfen. Darinnen sein muß in solchen Assoziationen dasjenige, was man eben darinnen haben wird, wenn solche Assoziationen überhaupt nur als notwendig anerkannt werden; darinnen wird in diesen Assoziationen Gemeinsinn sein müssen, wirklicher Sinn für den ganzen Verlauf des ganzen volkswirtschaftlichen Prozesses. Denn der einzelne, der unmittelbar verbraucht, was er einkauft, der kann nur seinen egoistischen Sinn befriedigen. Er würde eigentlich auch sehr schlecht laufen, wenn er seinen egoistischen Sinn nicht befriedigen würde. Er kann ja unmöglich, wenn er als einzelner Mensch in der Volkswirtschaft drinnensteht, sagen, wenn ihm einer einen Rock anbietet, sagen wir, für vierzig Franken: Es paßt mir nicht, ich gebe dir sechzig Franken. - Das geht nicht. Es ist etwas, wobei der einzelne im volkswirtschaftlichen Prozeß gar nichts machen kann. Dagegen in dem Augenblick, wo sich in den volkswirtschaftlichen Prozeß das assoziative Wesen hineinstellt, in diesem Augenblick wird ja das unmittelbar persönliche Interesse nicht da sein, sondern die Überschau wird tätig sein über den volkswirtschaftlichen Prozeß, es wird das Interesse des anderen mit in dem volkswirtschaftlichen Urteil darinnen sein. Und ohne das kann nämlich ein volkswirtschaftliches Urteil nicht zustande kommen, so daß wir heraufgetrieben werden aus den volkswirtschaftlichen Vorgängen in die Gegenseitigkeit von Mensch zu Mensch und in das hinein, was sich dann aus der Gegenseitigkeit von Mensch zu Mensch des weiteren entwickelt: das ist in Assoziationen wirkender objektiver Gemeinsinn - Gemeinsinn, der nicht hervorgeht aus irgendwelcher Moralinsäure, sondern aus der Erkenntnis der Notwendigkeiten des volkswirtschaftlichen Prozesses.

Das ist dasjenige, was ich möchte, daß es bemerkt würde bei solchen Auseinandersetzungen, wie sie zum Beispiel in den «Kernpunkten der sozialen Frage» angeschlagen sind. Es fehlt heute nicht an Menschen, die herumgehen und sagen: Unsere Volkswirtschaft wird gut, furchtbar gut, wenn ihr Menschen gut werdet. Ihr Menschen müßt gut werden! - Stellen Sie sich einmal vor solche Foersters und dergleichen, die überall herumgehen und predigen, wenn die Menschen nur selbstlos werden, wenn sie den kategorischen Imperativ der Selbstlosigkeit erfüllen, dann wird schon die Wirtschaft gut werden! Aber solche Urteile sind eigentlich nicht viel mehr wert als auch das: Wenn meine Schwiegermutter vier Räder hätte und vorne eine Deichsel, wäre sie ein Omnibus, - denn es steht tatsächlich die Voraussetzung mit der Konsequenz in keinem besseren Zusammenhang als da, nur etwas radikaler ausgedrückt.

Dasjenige, was den «Kernpunkten der sozialen Frage» zugrunde liegt, ist nicht diese Moralinsäure, was auf anderem Felde schon seine große Rolle spielen kann; sondern es ist das, daß aus der volkswirtschaftlichen Sache selbst heraus gezeigt werden soll, wie die Selbstlosigkeit rein in der Zirkulation der volkswirtschaftlichen Elemente drinnenstecken muß.