Die Einführung der Goldwährung ist ein Fehlschlag gewesen

Quelle: GA 334, S. 196-198, 1. Ausgabe 1983, 26.04.1920, Basel

Sehen Sie, meine sehr verehrten Anwesenden, wenn Jemand als Chemiker behaupten würde, er habe ein Mittel erfunden, um Wäsche zu bleichen, ein neues Mittel, um Wäsche zu bleichen, und er dann dieses Mittel in Angriff nehmen würde, und siehe da, die Wäsche würde von diesem Mittel schmutzig braun, man würde ihn wahrscheinlich nicht für einen guten Chemiker halten, und man würde sagen: Der versteht eigentlich nichts von der wirklichen chemischen Wissenschaft. So gilt es heute durchaus auf dem Gebiete der Technik und des äußeren Lebens, insofern dieses Gebiet abhängig ist vom naturwissenschaftlichen Denken. So gilt es aber durchaus nicht, wenn es sich um Jene Technik handelt, die im Wirtschaftsleben, in der Handhabung des Wirtschaftslebens zutage tritt, und die in irgendeiner Weise abhängig sein soll auch von einem gesunden wirtschaftlichen Denken, von einer wirklichen, sagen wir National- oder Sozialökonomie oder dergleichen. Sehen Sie, dafür ein Beispiel - aber ich könnte viele anführen: Es ist schon einige Zeit her, da stritt man viel in der internationalen Welt unter denjenigen Leuten, die über wirtschaftliche Fragen nachdachten, wie man am besten derjenigen wirtschaftlichen Bewegung Geltung verschaffen könnte, welche man Freihandelsbewegung nennt. Man untersuchte von einem gewissen Gesichtspunkte aus, welche Schädigungen das internationale Wirtschaftsleben dadurch erleidet, daß an den Grenzen der Länder Zölle erhoben werden und dergleichen; Zölle, denen die verschiedensten Absichten zugrunde liegen. Kurz, es gab einmal Parlamente - Jetzt sind sie Ja schon lange vorbei die Zeiten -, in denen man als ein Ideal, als ein wirtschaftliches Ideal, die Freihandelsbewegung ansah. Man hat dann nach einem Mittel gesonnen in gewissen Kreisen, wie man den Freihandel, den Zollfreihandel vor allen Dingen fördern kann. Da lag man sich in den Haaren, so stark lag man sich in den Haaren, daß man sagte: Durch die Liebe und durch die Schutzzollfrage wird man in der Welt am meisten närrisch. Da lagen sich dazumal die Anhänger der Goldwährung und die Anhänger des Metallismus, der Gold- und Silberwährung in den Haaren. Die Anhänger der vermeintlichen Goldwährung, das waren diejenigen Menschen, die da sagten aus ihrer wissenschaftlich-wirtschaftlichen Einsicht heraus: Indem wir die Goldwährung fördern, fördern wir den Freihandel. - Das war wirtschaftlich-wissenschaftliche Überzeugung.

Was hat dann die Wirklichkeit ergeben? Es hat sich allerdings der Zufall ereignet, daß gerade, nachdem diese wissenschaftlich-wirtschaftlichen Deklamationen losgelassen waren, daß da gerade bedeutende Goldfunde in Afrika gemacht worden sind, und diejenigen Länder, welche wenig hatten gerade von den Gebieten, in denen Gold gefunden wurde, konnten das Gold in besonders reichlichem Maße ausprägen. Aber mit solchen Dingen müßte man ja eigentlich immer rechnen, müßte vor allen Dingen das Analogon des Chemikers rechnen damit, was ich zur Verdeutlichung angeführt habe. Aber in Wirklichkeit, was hat sich ergeben? Es hat sich ergeben, daß durch Einführung der Goldwährung überall die Schutzzollbewegung in die Wege geleitet worden ist, das heißt, die Wirklichkeit hat genau das Gegenteil von dem gezeigt, was man theoretisch aus wirtschaftlichem Denken vorausgesagt hat.

Genau so ist es eingetroffen, wie wenn ein Chemiker mit einem Mittel, das bleichen soll die Wäsche, die Wäsche schmutzig braun machte. Wie gesagt, solche Beispiele könnte man viele anführen, wo aus dem wirtschaftlichen Denken heraus die Wirklichkeit nicht im allerentferntesten berührt wird, wo die Wirklichkeit gerade im entgegengesetzten Sinne verläuft. Solche Beispiele könnte man viele anführen.

Wer heute die Frage aufwirft- Gibt es eine wirtschaftliche Krise, eine internationale wirtschaftliche Krise? - der braucht ja wahrhaftig nur auf die Verhältnisse zu schauen. Diese wirtschaftliche Krise ist ja überall vor der Türe. Über die besondere Gestaltung und über die Ursache denken allerdings die Leute in der verschiedensten Weise. Aber kann man denn eigentlich hoffen, daß bei einem so gearteten Denken gegenüber der Wirklichkeit ein so kompliziertes Phänomen, eine so komplizierte Tatsache, wie die internationale Wirtschaftskrise, ohne weiteres verstanden werden kann?

Nicht wahr, das kann nicht der Fall sein! Nun werden Sie sagen: Aha, da ist einer, der behauptet, die wirtschaftlichen Denker seien alle dumm, sie wissen alle nichts; die Wirtschaft läuft, und die wirtschaftlichen Denker sind alle dumm. Nein, ich behaupte durchaus nicht, daß alle dumm seien, behaupte vielmehr, daß es unter den wirtschaftlichen Menschen sehr gescheite Leute gibt, in gewisser Beziehung viel gescheiter als in allen anderen Berufen des Lebens, daß aber dasjenige, was die Monometallisten, die Anhänger der Goldwährung waren, geredet haben, und das, was geschehen ist, das Gegenteil von dem war, was die sehr gescheiten Leute in sehr gescheiten Sätzen und Wendungen und Theorien vertreten haben. Nein, das behaupte ich durchaus nicht, daß alle Wirtschafter dumm sind, sondern ich will gerade ausgehen von der merkwürdigen Tatsache, daß die moderne Zivilisation die eigentümliche Erscheinung heraufgebracht hat, daß man ein glänzender wirtschaftlicher Denker sein kann, und genau das Gegenteil von dem denken kann, was im wirtschaftlichen Leben Wirklichkeit ist! Das ist eine auffällige Erscheinung, eine Erscheinung, die sich aber auch darinnen noch zeigt, daß man eigentlich gegenüber der heutigen europäischen Verwirrung ziemlich hilflos ist gerade in den Kreisen derjenigen, die in hergebrachter Weise das wirtschaftliche Denken am besten gelernt haben.