Möglichst viele echte Geistesarbeiter für die Assoziation gewinnen

Quelle: GA 331, S. 096-105, 1. Ausgabe 1989, 28.05.1919, Stuttgart

Diskussionsredner Lange fragt: Ist, wenn die Betriebsräte gewählt oder ernannt werden sollen, daran gedacht, daß Angestellte und Direktoren, technische oder kaufmännische Direktoren, mitzuwählen sind? Es ist doch wichtig, daß die Gesetze oder Bestimmungen, die gemacht werden, auch wirklich von Leuten gemacht werden, die den gesamten Zusammenhang überblicken.

Rudolf Steiner: Die Frage ist außerordentlich wichtig. Es handelt sich ja eben darum, daß wir etwas zustande bringen, was arbeiten kann. Nicht wahr, arbeiten in der gegenwärtigen Wirtschaftsform ohne die geistigen Leiter kann man selbstverständlich nicht. Die Wirtschaft würde in eine Sackgasse hineingetrieben werden. Die Produktion würde nach verhältnismäßig kurzer Zeit stillestehen, wenn man nicht die technische Leitung dafür gewänne. Sie wissen ja, daß in Rußland durch die verschiedenen Verhältnisse - über die es ja interessant wäre, sich auch einmal zu unterhalten - es nicht möglich gewesen ist, die technischen Leiter entsprechend für den wirklichen Sozialisierungsgedanken zu gewinnen, so daß man also dort vor der Tatsache stand, daß auf der einen Seite ein vielleicht sogar genügend großes Handarbeiterproletariat da war, welches den Sozialisierungsgedanken hätte aufnehmen können, und auf der anderen Seite es nicht möglich war, die Masse der sogenannten geistigen Arbeiter für den Sozialisierungsgedanken zu gewinnen. Die Folge davon war dasjenige, was für Rußland am meisten bedauert werden muß: die Sabotage dieser geistigen Arbeiterschaft. Diese Sabotage der geistigen Arbeiterschaft muß unbedingt vermieden werden, das heißt: Es ist notwendig, daß alle Hebel in Bewegung gesetzt werden müssen, um dasjenige zu überwinden, was als Hindernis innerhalb der geistigen Arbeiterschaft da ist. Verkennen wir eben nicht, welche schweren Hindernisse da sind.

Sehen Sie, ich habe ja auch über dies hier schon gesprochen. Nicht wahr, wir stehen ja heute einmal vor der Tatsache, daß das Proletariat durch eine lange Schulung in einem gewissen Grade politisch geschult ist. Das Proletariat ist, wenn das vielleicht auch nicht für jeden einzelnen gilt, politisch geschult. Politische Schulung besteht ja nicht darin, daß man bis in die Einzelheiten das eine oder andere weiß, sondern darin, daß man eine gewisse Grundverfassung der Seele hat, die politisch ist. Das hat das Proletariat, das haben aber diejenigen nicht, die den Kreisen der sogenannten geistigen Arbeiterschaft angehören. Diese geistige Arbeiterschaft, die hat sich daran gewöhnt, in sich zu pflegen, was man nennen könnte Obrigkeitsgesinnung.

Ob diese Obrigkeit nun eine Staatsobrigkeit oder eine Fabrikobrigkeit ist, ist nicht entscheidend. Wichtig ist zu wissen, daß in diesen Kreisen eine tiefe Obrigkeitsgesinnung herrscht. Gewiß, der einzelne mag innerlich revoltieren, meistens tut er es aber mit der Faust in der Hosentasche. Aber zu entbehren für die wirkliche Sozialisierung ist die geistige Arbeiterschaft nicht. Deshalb sage ich: Es ist nötig, die Angestellten und auch die Betriebsleiter zu gewinnen und vor allem unter ihnen diejenigen zu gewinnen, welche einen Sinn und ein Herz haben für wirkliche Sozialisierung.

Wir dürfen es nicht dahin kommen lassen, dann, wenn der Zeitpunkt da ist, eine Art Wirtschaftsministerium so zu begründen, daß dieses Ministerium genötigt ist, sich fünf oder sechs oder zwölf Sessel hinzustellen als obere Spitze, und der ganze Apparat in der alten Gesinnung weiterarbeitet. Aber noch zu etwas anderem dürfen wir es auch nicht kommen lassen. Herr Biel hat es ganz gut angedeutet, um was es sich handeln würde, wenn so etwas Wirklichkeit würde wie das, was über die Betriebsräteschaft in diesem unglücklichen Gesetz liegt, das jetzt herauskommen soll. Ich habe Ihnen ja gesagt, daß es eine wesentliche Tatsache ist, daß wir gerade jetzt in einem Zeitpunkte stehen, wo sich eigentlich der Kapitalismus ruiniert hat und sich nicht wiederum aus sich selber aufbauen kann. Wenn ein Aufbau geschehen soll, muß er von den arbeitenden Menschen her geschehen. Die Kapitalisten können nicht weitermachen. Das ist dasjenige, was aber beweist, daß man den Zeitpunkt ergreifen muß. Solche Gesetze wie das, was da Wirklichkeit werden soll, die sind dazu geeignet, daß mit Hilfe der irregeführten Arbeiterschaft der Kapitalismus, der sich selbst nicht helfen kann, wiederum aufgepäppelt wird und zur alten Herrschaft gelangt. Die Arbeiterschaft soll solche Betriebsräte bilden, die durch ihre ganze Art, wie sie eingerichtet sind, dem Kapitalismus wieder aufhelfen. Dem können wir nur entgegenarbeiten, wenn aus der wirklich arbeitenden Menschheit heraus eine Betriebsräteschaft von unten herauf geschaffen wird und sich selbst eine Konstitution gibt, das heißt sich nicht kümmert um das, was im Grunde eine Fortsetzung des alten Kapitalismus sein will, weil es sich die Welt nicht anders als kapitalistisch eingerichtet denken kann.

Wir müssen uns ganz klar darüber sein, daß wir als erste Aufgabe haben, die Betriebsräte überhaupt auf die Beine zu stellen, und daß wir, soweit es geht, in dieser Betriebsräteschaft auch die geistigen Arbeiter brauchen. Diejenigen, die keinen Sinn und kein Herz haben für die Sozialisierung, die können wir dort nicht brauchen. Es würde sich auch kaum darum handeln, möglichst viele Direktoren oder Spitzen darin zu haben, sondern vor allen Dingen diejenigen, die geistig wirklich arbeiten müssen. Dann ist es möglich, aus einer solchen Betriebsräteschaft heraus, so etwas wie die Sozialisierung zu bewältigen. Bekennen Sie sich aber zu einem solchen Gesetz, wie es jetzt projektiert wird, dann haben Sie nichts anderes als die alten Arbeitsausschüsse umgetauft. Es ist nur eine Umtaufung, und selbstverständlich - weil man die beiden nicht nebeneinander haben kann - sollen die alten Arbeiterausschüsse abgeschafft werden. Die alten Arbeiterausschüsse konnten den Kapitalismus nicht beseitigen, die nach dem Gesetz zu begründenden neuen Betriebsräte werden es auch nicht tun.

Also, wir müssen so weit wie möglich eine Betriebsräteschaft zustande bringen, und die muß aus sich selbst heraus die Betriebe betreiben können. Wir dürfen dabei nicht bloß an Agitation denken, sondern wir müssen an die praktische Arbeit denken, aus der heraus die Betriebe neu gestaltet werden können. Da reicht es nicht aus, daß man die Auffassung vertritt, daß die Produktion sozialisiert werden soll, sondern es kommt darauf an, daß man möglichst genau weiß, wie sie sozialisiert werden muß. Das wird dadurch geschehen, daß wir wirklich die geistige Arbeiterschaft in die Betriebsräteschaft hereinbekommen. Darauf muß unser Bestreben gerichtet sein. Daher muß die unpolitische Gesinnung der geistigen Arbeiter beseitigt werden. Und auch dasjenige, worauf heute gewartet wird, dürfen wir nicht aus dem Auge verlieren. Heute wird ja unter Verhältnissen, die Sie vielleicht genügend kennen, von dem Nichtproletariat darauf gewartet, daß nicht etwa nur irgendeine Sozialisierung zustande kommt, sondern daß das Proletariat überwunden werden kann. Vergessen Sie nicht, es gibt solche Aussprüche wie die eines deutschen Großindustriellen, der gesagt hat: Wir Großindustriellen, wir können warten, und wir werden warten, bis die Arbeiter an die Tore unserer Fabriken kommen und um Arbeit bitten! - Diese Gesinnung ist nicht selten. Man wartet darauf, ob sich die Arbeiter nicht doch unterkriegen lassen. Und das ist dasjenige, was durch die Wirklichkeit verhindert werden muß. Darauf kommt es an. Hieran gilt es auch zu denken, wenn man sich mit der Frage beschäftigt, wie die geistigen Arbeiter für unsere Sache zu gewinnen sind. Am Anfang dessen, was als Tat unter uns aufleben soll, muß erstens stehen, daß Betriebsräte aufgestellt werden, und zweitens, daß, soweit es heute geht, auch die geistigen Arbeiter mit dabei sein müssen. [...]

Diskussionsredner Mittwich macht den Vorschlag, daß die Betriebsratswahl getrennt nach Angestellten und Arbeitern vorgenommen wird und daß von jeder Seite Delegierte gewählt werden.

Rudolf Steiner: Ich will nur ein paar Worte sagen, da ich ja mit allem Wesentlichen einverstanden sein kann, was der verehrte Vorredner gesagt hat. Aber auf eine wichtige Frage, die er gestellt hat, möchte ich zurückkommen, und zwar handelt es sich um die Art und Weise, wie der Betriebsrat, der ja aus einzelnen Betriebsräten bestehen wird, zustande kommt. Auch ich glaube, daß die Zahl, die er angegeben hat, für die einzelnen Betriebe eine hinreichend große ist. Darüber läßt sich ja natürlich aus den unterschiedlichen praktischen Verhältnissen heraus die eine oder andere Ansicht gewinnen. Was ich aber für wichtig halte, das ist, wie dieser Betriebsrat überhaupt auf die Beine gestellt wird.

Glauben Sie nicht, daß ich, indem ich gesagt habe «durch Wahl oder Ernennung», daß ich an eine Ernennung von oben oder dergleichen gedacht habe. Sondern ich dachte natürlich daran, daß zunächst heute ja die verschiedensten Verhältnisse in den einzelnen Betrieben bestehen, und es ist ganz gewiß sehr richtig, daß es heute zahlreiche Betriebe gibt, in denen die Arbeiterschaft genau weiß: das ist für uns der rechte Betriebsrat -, wo man also nicht erst lange zu debattieren braucht, sondern wo man rein durch das Vertrauen weiß: das ist der rechte. Und ich möchte auf die außerordentliche Wichtigkeit hinweisen, daß dieses schon bestehende Vertrauen gerade bei der Wahl der Betriebsräte zum Ausdruck kommt, so daß in den Betriebsrat eben solche Leute hineinkommen, die das Vertrauen ihrer Mitarbeiter haben. Das würde einer Ernennung ähnlich sein.

Man muß natürlich praktisch-technisch die Wahl durchführen, aber es sollte verhindert werden, daß durch die Wahl irgendwelche Zufallszusammensetzungen zustande kommen. Es sollten nur solche Persönlichkeiten in den Betriebsrat gewählt werden, die das Vertrauen ihrer Mitarbeiter haben. Das ist notwendig, weil wir vor allen Dingen Leute brauchen, die sich für das, was sie zu tun haben, verantwortlich fühlen. Das ist das eine.

Das andere ist, daß ich nicht glaube, daß es richtig ist zu fragen: Wie soll die Zahl der Betriebsräte verteilt werden nach Angestellten und Arbeitern? Ich halte es gar nicht für möglich, daß man heute irgendein Regulativ aufstellt. Ich bin deshalb völlig einverstanden mit dem, was der Herr Vorredner gesagt hat, daß nämlich nicht etwa - das würde ja zu etwas Ungeheuerlichem führen - auf der einen Seite die Angestellten ihren Betriebsrat und auf der anderen Seite die Arbeiter ihren Betriebsrat wählen. Da würden wir von vorneherein eine nicht arbeitsfähige Betriebsräteschaft bekommen. Sie muß vielmehr als eine einheitliche Körperschaft von Angestellten und Arbeitern gemeinsam gewählt werden. Und wie viele dann auf der einen Seite aus dem Kreis der Angestellten und auf der anderen Seite aus der Arbeiterschaft hervorgehen, das wollen wir dann der Wahl überlassen.

Es ist selbstverständlich, daß derjenige, der zum Beispiel aus der geistigen Arbeiterschaft in den Betriebsrat hineinkommt, ein solcher Mensch sein muß, welcher das Vertrauen nicht etwa bloß der Angestellten hat, sondern welcher auch das Vertrauen der Arbeiterschaft haben muß. Die Arbeiterschaft muß ihn als geistigen Arbeiter ebenso akzeptieren. So muß also, wenn zum Beispiel in irgendeinem Betrieb, sagen wir, fünf Handarbeiter und ein geistiger Arbeiter gewählt werden, es ebenso möglich sein, daß andernorts drei geistige und drei Handarbeiter gewählt werden. Es muß das durchaus dem Vertrauen überlassen sein. Als eine einheitliche Gruppe müssen geistige und physische Arbeiter aus ihrem Vertrauen heraus diejenigen wählen, die Betriebsräte sein sollen. Es muß schon bei dieser Urwahl jeder soziale Unterschied zwischen geistigen und physischen Arbeitern wegfallen.

Ich kann mir nicht denken, daß die eine Forderung, daß wir gemeinsam physische und geistige Arbeiter wählen, zu etwas anderem führen sollte, als daß eben derjenige, der als geistiger Arbeiter gewählt wird, das Vertrauen auch der gesamten Arbeiterschaft hat, gleichgültig, ob sie eine physische oder geistige Arbeiterschaft ist. Würden wir die Wahl so gestalten, daß wir gezwungen werden, soundso viele Betriebsräte aus den Reihen der geistigen Arbeiter und soundso viele aus der physischen Arbeiterschaft zu wählen, dann würde das keine freie Wahl mehr sein, die auf Vertrauen gebaut ist. Denken wir, in den Betrieben hätten wir unter den geistigen Arbeitern nicht so viele, die Vertrauen verdienen, dann würden ja Leute in diese Urversammlung hineinkommen, die nicht zu brauchen sind! Die Wahl selbst muß sich nicht nur so vollziehen, daß geistige und physische Arbeiter ohne Unterschied in Betracht kommen, sondern daß sie gemeinsam die Macht haben zu wählen und gemeinsam denjenigen wählen, den sie wollen, und so viele von der einen oder der anderen Seite, wie sie wollen. Die geistigen Arbeiter müssen sich klar darüber sein, daß sie nur dadurch in den Betriebsrat hineinkommen können, daß sie das Vertrauen der gesamten Arbeiterschaft haben.

Das ist dasjenige,was ich als sehr wesentliche Frage ansehe. Zu dieser Auffassung bin ich aufgrund reichhaltiger Erfahrungen gekommen.