Ein vereinzelter Betrieb ist noch keine Assoziation

Quelle: GA 331, S. 090-092, 1. Ausgabe 1989, 28.05.1919, Stuttgart

Nun ist es so, daß diese Betriebsräte aus den einzelnen Betrieben in der allerverschiedensten Weise hervorgehen können. Notwendig ist ja nur, daß die Betriebsräte, die aus den einzelnen Betrieben hervorgehen, das absolute Vertrauen der Arbeiterschaft und, bis zu einem gewissen Grade, soweit es möglich ist, auch das Vertrauen der geistigen Arbeiter des betreffenden Betriebes haben. Daher wird es sich darum handeln, daß die wirklichen Arbeiter eines Betriebes und aus den leitenden Stellen diejenigen, die nun wirklich mitgehen können, zunächst aus den Verhältnissen des einzelnen Betriebes heraus, diesen Betriebsrat auf die Beine stellen. Die Verhältnisse können in den verschiedensten Betrieben sehr verschieden sein. So kann es zum Beispiel so sein, daß man in dem einen Betrieb auf die eine Weise die Wahl oder Ernennung - oder wie man es nennen will - eines Betriebsrates durchführt, in einem anderen Betrieb auf eine andere Weise. Die Hauptsache bleibt, daß diejenigen, die aufgestellt werden, das Vertrauen der physischen und geistigen Arbeiterschaft der betreffenden Betriebe haben.

Dann haben wir zunächst aber erst den Grundstock, den wir zur praktischen Arbeit brauchen. Diese Betriebsräte werden dann als solche da sein und werden eine Betriebsräteschaft bilden. Dann muß sich diese Betriebsräteschaft klar darüber sein, daß sie diejenige Körperschaft sein muß, aus der zunächst die Gesundung unseres Wirtschaftslebens hervorgehen muß. Es geht heute nicht darum, daß wir halbe oder Viertelsmaßregeln treffen, sondern darum, daß tatsächlich von Grund auf gearbeitet wird. Das kann nur geschehen, wenn wir die Menschen haben, die geneigt sind, von Grund auf zu arbeiten. Lassen Sie sich nicht betören dadurch, daß gesagt wird, es gäbe in der Arbeiterschaft nicht genügend vorgebildete Leute.

Das wird sich als der größte Irrtum, vielleicht auch als der größte Unsinn erweisen. Denn es handelt sich zunächst nicht darum, daß wir Leute mit einer speziellen Fachbildung bekommen, sondern darum, daß wir aus der unmittelbaren Praxis des Wirtschaftslebens heraus Menschen bekommen, die das Vertrauen der Wirtschaftenden haben. Dann wird sich das Weitere schon ergeben, wenn tatsächlich vorhanden sein wird der Ernst und tatsächlich vorhanden sein wird der gute Wille, von Grund auf etwas Neues zu schaffen.

Wir haben also dann, wenn wir aus den einzelnen Betrieben heraus die Betriebsräte auf die Beine gestellt haben, die Betriebsräteschaft. Dann brauchen wir als nächstes eine Vollversammlung, gewissermaßen eine Plenarversammlung dieser Betriebsräteschaft. Und diese Betriebsräteschaft muß sich, ungeachtet dessen, was von gewissen Stellen her als Gesetz über die Betriebsräte fabriziert wird, aus den Erfahrungen des Wirtschaftslebens heraus selbst eine Konstitution geben. Sie muß sich als eine Urversammlung ansehen. In dieser Betriebsräteschaft muß verhandelt werden über die Befugnisse, über die Aufgaben, über die ganze Stellung der Betriebsräteschaft selber. Das kann nur geschehen dadurch, daß in dieser Vollversammlung zunächst über das gesprochen wird, was eigentlich hinsichtlich einer Gesundung unseres Wirtschaftslebens zu tun ist. Es geht also nicht darum, daß wir jetzt viel theoretisieren über dasjenige, was die Betriebsräte zu tun haben. Das muß sich aus der Vollversammlung der Betriebsräteschaft selber ergeben.

Halten wir zunächst fest: Man kann nicht einen einzelnen Betrieb sozialisieren. Das ist völliger Unsinn, da kann man nur betrieblich individualisieren. Sozialisieren kann man nur ein geschlossenes Wirtschaftsgebiet. Daher brauchen wir auch nicht irgendwelche allgemeinen Vorschriften über die Funktion der Betriebsräte in einzelnen Betrieben, wie es auch jetzt wiederum in den Gesetzen zum Ausdruck kommt, sondern wir brauchen eine zwischenbetriebliche Konstitution der Betriebsräteschaft. Eine Betriebsräteschaft über ein geschlossenes Wirtschaftsgebiet muß ein Ganzes sein. Wenn dann diese Vollversammlung, diese Urversammlung, sich eine Konstitution gegeben hat, dann wird das zurückwirken können auf die Betriebe.

In einem nächsten Schritt muß dann aus dieser Vollversammlung der Betriebsräteschaft heraus ein Gremium gewählt werden, das man nennen könnte: Betriebsräteschaft-Direktorium oder Zentralrat der Betriebsräteschaft. Gewählt werden müßte nach einem Wahlmodus, der wiederum ganz aus der Betriebsräteschaft selbst hervorgeht. Wenn dieser Zentralrat der Betriebsräteschaft da ist, dann ist ein wesentlicher Schritt getan. Denn was wir in der Zukunft innerhalb des Wirtschaftskörpers brauchen, ist so etwas wie eine Wirtschaftsvertretung oder meinetwillen, wenn wir das alte Wort gebrauchen wollen, so etwas wie ein Wirtschaftsministerium. Diese Dinge können sich auf keine andere Weise zunächst in der Übergangszeit ergeben, als daß wir die Vertretung suchen auf dem Weg über jene Urversammlung, jene Plenarversammlung der Betriebsräteschaft. Und wir müssen, um für künftige Zeiten im Hinblick auf eine sozialistische Gesellschaftsordnung eine Grundlage zu haben, aus dieser Betriebsräteschaft heraus eine Zentralstelle geschaffen haben, die jederzeit imstande ist, das zu bilden, was ein Wirtschaftsministerium genannt werden könnte. Also, wir müssen in dieser Richtung dasjenige vorbereiten, was eine wirklich sachgemäße Verwaltung des Wirtschaftslebens aus der sozialen Gesellschaft heraus sein kann. Arbeiten wir nicht in dieser Weise, dann wird uns der Zeitpunkt, der doch ganz gewiß eintreten wird, zu dem die Sozialisierung in Angriff genommen werden soll, unvorbereitet treffen, und er darf uns nicht unvorbereitet treffen! Das ist heute eine fundamentale Frage. Der Zeitpunkt darf uns nicht unvorbereitet treffen. Es muß derjenige, der die Macht hat - und Sie sehen, es handelt sich, allerdings in vernünftigem Sinne, um eine Machtfrage -, wissen, was er zu tun hat. Das ist ja gerade das Charakteristische, das Kennzeichnende des 9. November gewesen, daß die Leute, die an die Spitze gekommen sind, nicht gewußt haben, was zu tun ist. Es muß dafür gesorgt werden, daß die Menschen da sind, die wissen, was sie zu tun haben.