Preisbildung durch wirtschaftliche Korporationen statt Markt

Quelle: GA 333, S. 024-025, 2. Ausgabe 1985, 26.05.1919, Ulm

Wenn die Arbeitskraft und das Kapital herausgeholt werden aus dem Wirtschaftsprozeß, wo dann das Kapital der Allgemeinheit zufließt und die Arbeitskraft zurückgegeben wird dem Recht des freien Menschen, dann steht im Wirtschaftsprozeß nur Warenkonsum, Warenzirkulation, Warenproduktion darin. Dann hat man im Wirtschaftsprozeß, bloß mit Werten von Waren zu tun.

Und dann wird innerhalb dieses Wirtschaftsprozesses, der nun als Glied des gesunden sozialen Organismus auf sich selbst gestellt ist, dasjenige entstehen können, wovon man dann sagen kann: Es wird nicht bloß produziert, um zu produzieren, sondern es wird produziert, um zu konsumieren. Da werden dann jene Genossenschaften, jene Assoziationen entstehen, die gebildet sind aus den Berufsständen, aber die namentlich gebildet sind aus den Konsumenten, mit den Produzenten zusammen. Da wird aus diesen Korporationen heraus das entstehen, was heute dem Zufall des Warenmarktes anvertraut ist. Heute entscheidet etwas, was dem Menschendenken, dem Menschenurteil auf dem Warenmarkt ganz entzogen ist: Angebot und Nachfrage. In der Zukunft muß die Korporation dasjenige entscheiden, was aus dem Warenmarkt heraus die Preisbildung, die Wertbildung der Güter bedingt. Auf diesem Wege allein wird ein Mensch so viel hervorbringen, daß das Hervorgebrachte den Wert all der Waren hat, die er für seine Bedürfnisse braucht, bis er eine gleiche Ware neuerdings hervorgebracht hat. Das wird ein gerechtes Wirtschaftsleben sein. Das wird ein Wirtschaftsleben sein, in dem nicht der Preis der einen Warengattung in unverhältnismäßiger Art überwiegt die Preise der anderen Warenarten. Heute, da der Lohn noch im Wirtschaftsprozeß enthalten ist und der Arbeiter nicht der freie Gesellschafter des geistigen Leiters ist, heute steht die Sache noch so, daß innerhalb des Wirtschaftsprozesses der Arbeiter auf der einen Seite immer wieder um die Erhöhung seines Lohnes kämpfen muß; auf der anderen Seite wird dadurch, daß da ein Loch zugemacht wird, ein anderes aufgemacht: Der Lohn wird höher, die Lebensmittel werden teurer und so weiter. Das geschieht nur in einem Wirtschaftsprozeß, der verunreinigt wird von Kapital- und Lohnverhältnissen. In einem Wirtschaftsprozeß, in dem die Korporationen, die Genossenschaften, die Warenwerte bestimmen, und zwar nicht nach Angebot und Nachfrage, die dem Zufall unterworfen sind, sondern aus Vernunft heraus, in einem solchen Wirtschaftsprozeß allein kann jeder Mensch ein menschenwürdiges Dasein finden. Nach einem solchen Wirtschaftsprozeß sehnen sich im Grunde die Proletariermassen; das ist ihre wahre Forderung im Wirtschaftsleben.