Einfluß von Konsum und Produktion auf Größe der Assoziation

Quelle: GA 330, S. 180-183, 2. Ausgabe 1983, 13.05.1919, Stuttgart

Aber auch dasjenige, was heute der Markt ist, wird eine andere Gestalt annehmen. Heute hat der Markt, wenn er auch im Kleinlichen und Kleinen schon vielfach organisiert ist, noch etwas Anarchisches. Der Markt regelt die gegenseitigen Werte der Waren, und das ist das einzige, was an Werten in dem Wirtschaftsleben künftig da sein soll, denn menschliche Arbeitskraft hat einen mit nichts vergleichbaren Wert, darf nicht zu den wirtschaftlichen Werten gezählt werden. Was an wirtschaftlichen Werten da sein wird, werden die vergleichsweisen Werte der Waren sein. Unter den geschilderten Verhältnissen wird möglich sein, daß die Waren solche vergleichsweisen Werte bekommen, welche den Menschen in weitestem Umfange, das heißt allen Menschen, die arbeiten, eine möglichst dem allgemeinen, nicht einem Gruppenwohlstand angemessene Lebenslage geben. Das kann nur dann sein, wenn der Markt aufhört das zu sein, was er heute ist, wenn er durch und durch organisiert wird, wenn aus den umfassendsten wirtschaftlichen Erfahrungen heraus, aus dem Berechnen desjenigen, was die verschiedenen wirtschaftlichen Unterlagen sind, sich ergibt eine Feststellung von Warenwerten, die nicht den anarchischen Verhältnissen von Angebot und Nachfrage unterliegen, sondern die hinorientiert sind auf den durch Erfahrung wohl festgestellten menschlichen Bedarf. Das wird nur erreicht werden können, wenn dieses Wirtschaftsleben, wenn der Markt, oder besser gesagt, die Märkte, verwandelt werden in Assoziationen, in Genossenschaften und so weiter. Dieser genossenschaftliche Aufbau, dieser Aufbau nicht nur etwa auf solchen Genossenschaften, wie sie schon versucht worden sind, sondern die Durchziehung des ganzen Wirtschaftslebens mit genossenschaftlicher Struktur, wird nur dann möglich sein, wenn man aus den Erfahrungen des Wirtschaftslebens heraus sich aneignen wird eine intuitive Erkenntnis der Beziehungen zwischen Produzenten und Konsumenten. In dieser Beziehung gibt es auch Ansätze. Sie können sie kennenlernen in den Bestrebungen zum Beispiel von Sidney Webb, wo in Genossenschaften Großartiges geleistet ist, soweit sich Großartiges leisten läßt innerhalb der gegenwärtigen Wirtschaftsordnung, die noch außer diesen Genossenschaften besteht. Wird aber die Wirtschaftsordnung überhaupt in der angedeuteten Art umgeändert, dann handelt es sich darum, daß man nicht nach subjektiven Forderungen, sondern nach dem, was die wirtschaftliche Struktur selber ergibt, den genossenschaftlichen Aufbau bewirken muß. Da möchte ich nur, damit Sie sehen, daß die Dinge nicht in der Luft hängen, eine bestimmte Bemerkung machen. Es wird sich selbstverständlich für den, der auf den in meinem Buche «Die Kernpunkte der sozialen Frage» beschriebenen Assoziationscharakter des Wirtschaftslebens Rücksicht nimmt, die Frage aufwerfen: Wie können wir zum Beispiel Genossenschaften begrenzen? - Wenn man sie willkürlich oder aus irgendwelchen außerhalb des Wirtschaftslebens liegenden Rücksichten wird begrenzen wollen, dann werden sich immer falsche Preisbildungen und im Gefolge davon falsche Beeinflussungen der menschlichen Lebenslage ergeben. Nun gibt es ein ganz bestimmtes Gesetz, welches aus der Wirklichkeit heraus zum Aufbau einer genossenschaftlichen Struktur führen kann. Sie können sich zunächst, wenn Sie die beiden Strömungen des Wirtschaftslebens, die Produktion und die Konsumtion, ins Auge fassen, Konsumgenossenschaften vorstellen, wo diejenigen Menschen sich zusammenschließen, welche in ökonomischer Weise kaufen wollen, so daß sie alles das ausnützen, was für das Kaufen auszunützen ist dadurch, daß sich Konsumenten zusammenschließen.

Auf der anderen Seite können sich Produzenten zusammenschließen, bis zum Unfug ist das ja gerade innerhalb unserer Wirtschaftsordnung geschehen, da ergeben sich dann die Produktionsgenossenschaften. Nun haben beide Arten von Genossenschaften ganz verschiedene Tendenzen. Wer Konsumgenossenschaften studiert, findet, daß Konsumgenossenschaften alles Interesse daran haben, erstens möglichst billig einzukaufen und zweitens möglichst viele Menschen in ihren Reihen zu haben. Sie wehren sich niemals gegen die Vergrößerung ihrer Genossenschaft, wenn sie ihr wahres Interesse im Auge haben. Gerade die entgegengesetzte Eigenschaft haben die Produktionsgenossenschaften. Die Teilnehmer werden die Konkurrenz fürchten, wenn sie sich vergrößern, und sie haben doch alles Interesse daran, möglichst teuer zu verkaufen. Das weist Sie darauf hin, daß in der Zukunft das Heil nur bestehen kann in der Zusammenfügung von Menschen mit Konsum- und Produktionsinteressen, in Konsum-Produktions- oder Produktions-Konsumgenossenschaften, wo nicht nur der Konsum die Produktion regeln wird, sondern wo sogar die Größe der Genossenschaft geregelt werden wird, indem der Konsum die Tendenz hat, die Genossenschaft möglichst groß zu machen, also auszudehnen, zu expandieren - die Produktion die Tendenz hat, der Genossenschaft Grenzen zu geben. Da wird aus der Sache selbst, aus der Wirklichkeit heraus das soziale Gebilde geschaffen. Ich könnte Ihnen unzählige Fälle anführen, woraus Sie ersehen würden, daß, wer wirklichkeitsgemäß zu denken imstande ist, wer wirklich praktische Ideen heute im Kopfe haben will, der findet in den Ansätzen, die in der Wirklichkeit schon vorhanden sind, selber die Grundlagen wahrer, echter, den Menschen heilsamer Sozialisierung.