Persönliche Unabhängigkeit des Richters

Quelle: GA 189, S. 128, 2. Ausgabe 1957, 15.03.1919, Dornach

Sie können nicht sagen: Warum sollte denn ein eingliedriger sozialer Organismus nicht das alles auch können? Das glauben nämlich heute noch die Menschen, daß der das auch kann. Es ist aber doch recht schlecht mit der Menschenpsyche gerechnet, wenn man das glaubt. Bedenken Sie nur, was es bedeutet, - denn man muß mit der menschlichen Seele rechnen - wenn ein naher oder entfernter Verwandter vor dem Richter steht. Er hat seine besonderen Gefühle als naher oder entfernter Verwandter, aber wenn er zu richten hat, wird er nicht nach diesem Gefühl richten, sondern selbstverständlich nach dem Gesetz. Er wird aus einer anderen Quelle heraus urteilen. Dieses in umfassender Weise psychologisch durchdacht, gibt Ihnen Ausblicke auf die Notwendigkeit, daß die Menschen das, was zusammenfließt im sozialen Organismus, aus drei verschiedenen Richtungen heraus beurteilen, aus drei Quellen heraus verwalten müssen.