Hineinragen des Geisteslebens in das Wirtschaftsleben

Quelle: GA 189, S. 116-119, 2. Ausgabe 1957, 07.03.1919, Dornach

Wie ragt zum Beispiel das Geistesleben in das Wirtschaftsleben hinein? Wissen Sie, welches das geistige Element im Wirtschaftsleben ist? Das Kapital ist der Geist des Wirtschaftslebens! Und ein großer Teil der Schäden unserer heutigen Zeit beruht darauf, daß die Kapitalverwaltung, die Kapitalfruktifizierung dem Geistesleben entzogen worden ist. Das Verhältnis des körperlich Arbeitenden zu dem mit Hilfe des Kapitals Organisierenden muß im gesunden sozialen Organismus ebenso als ein bloßes, auf gegenseitigem Verständnis beruhendes Vertrauensverhältnis behandelt werden können, wie zum Beispiel die Wahl der freien Schule. Im gesunden sozialen Organismus wird jene Abschließung zwischen dem Unternehmer und dem Arbeiter, so wie sie heute besteht, notwendigerweise aufhören. Heute steht der Arbeiter an der Maschine und weiß nichts, als was an der Maschine vorgeht. Daher treibt er natürlich seine Allotria außerhalb der Fabrik. Der Unternehmer hat wiederum sein eigenes Leben, so wie es sich herausgebildet hat - ich habe Ihnen vorhin die Jünglinge geschildert, die mit tiefen Rindern unter den Augen herumliefen und Tuberosen am Bette hatten, wenn sie schliefen.

Der Unternehmer führt das losgelöste Geistesleben, losgelöst eben für andere, für ihn nicht. Wenn sich aber ein Geistesleben ausbildet, das körperlich Arbeitende und geistig Arbeitende umfaßt, dann ist der Kapitalismus auf eine soziale Grundlage gestellt, allerdings nicht wie die Schwarmgeister der Gegenwart meinen, sondern so, daß nun wirklich eine Möglichkeit geschaffen wird, daß jeder einzelne Arbeiter in einem Geisteszusammenhang steht mit allen denen, die seine Arbeit organisieren und das Produkt seiner Arbeit in den sozialen Organismus oder sogar in die ganze Welt überleiten! [...]

Es gibt ja in der Welt zwei Dinge, über deren Wert man im alleralltäglichsten Leben der verschiedensten Ansicht sein kann und ist. Das eine ist ein Stück Brot, das andere ist eine Weltanschauung. Von einem Stück Brot wird jeder zugeben, daß es dem Menschen entspricht, wenn er Hunger hat; darüber diskutiert man nicht, sondern man will das Brot haben. Um ein Stück einer Weltanschauung wird heute viel gestritten; das findet der eine wahr, der andere falsch. Und wenn eine Weltanschauung noch so wahr ist, kann sie sich nicht Geltung verschaffen. Über den Geist kann man streiten; über die Dinge des Wirtschaftslebens kann man nicht streiten. Worauf beruht denn das? Das beruht nur darauf, daß der Geist nicht als eine Wirklichkeit wirkt, sondern daß er nur als ein Anhängsel zum Wirtschaftsleben und zum Staatsleben wirkt. Wird er auf sich selber gestellt, ist er dadurch genötigt, seine eigene Wirklichkeit der Welt darzubieten und sich zu offenbaren, dann wird Wirklichkeit aus dem Geistigen heraussprühen. Allerdings wird er dann nicht in die müßigen Redereien, und Phrasen der Moralpauker, nicht in die Reden derjenigen hineingehen, die den Leuten erzählen, ihr sollt gut christlich sein und so weiter, und allerlei Tugenden aufstellen, die aber stehen bleiben vor den Toren der äußeren materiellen Wirklichkeit, weil sie nur das als Geist achten, was frei ist von der materiellen Wirklichkeit. Die Brücke muß geschlagen werden von dieser abstrakten Form des Geistes zu jenem Geiste, der im Kapital wirkt, der ja nun wirklich auch Geist ist, denn das Kapital organisiert die Arbeit. Aber diese Organisierung muß dann tatsächlich von der geistigen Verwaltung ausgehen.

So muß auf der einen Seite die Geldverwaltung dem Wirtschaftsleben überlassen werden, während die Organisierung der Arbeit durch das Kapital dem Geistesleben unterstellt wird.

Da sehen Sie das Zusammenwirken von Dingen, die äußerlich eines sind; denn natürlich wird das Kapital in der Fabrik in Geld repräsentiert. Aber das Verhältnis zwischen Arbeiter und Arbeitgeber, dieses ganze Vertrauensverhältnis, die Tatsache namentlich, daß an einer bestimmten Stelle ein Arbeitgeber steht, wird vom geistigen Gebiet her organisiert.

Was eine bestimmte Ware ist im Vergleiche zum Geld, das wird vom Wirtschaftsleben aus organisiert, und die Dinge fließen zusammen, wie im menschlichen Organismus die Ergebnisse der drei Systeme zusammenfließen, damit der Organismus gesund ist.