Reinkarnation und Karma macht verantwortlicher als Abstrafung im Jenseits

Quelle: GA 135, S. 052-054, 4. Ausgabe 1989, 05.03.1912, Berlin

Da müssen wir nur bedenken, was es denn eigentlich für das Menschenherz ist, zu erkennen: Reinkarnation und Karma sind eine Wahrheit. Was ist es für das ganze menschliche Bewußtsein, für das ganze Fühlen und Denken der menschlichen Seele? - Nichts Geringeres ist es doch, das kann jeder einsehen, wenn er über diese Dinge nachdenkt, als eine Erweiterung des menschlichen Selbstes durch Wissen, durch Erkenntnis über gewisse Grenzen hinaus, die sonst dem Wissen und der Erkenntnis gezogen sind. Denn daß man nur dasjenige wissen und erkennen könne, was eingeschlossen ist zwischen Geburt und Tod, das wurde ja gerade im abgelaufenen Zeitalter mit aller Schärfe betont, und daß man höchstens im Glauben aufschauen könne zu einem, der wissend hineingeht in eine geistige Welt, das war eine immer stärker werdende Überzeugung. Aber die Sache ist nicht von einer so großen Bedeutung, wenn man auf dem Erkenntnisstandpunkt stehenbleibt; sondern von Bedeutung wird sie erst, wenn man vom Erkenntnisstandpunkt übergeht zum moralischen Standpunkt, zum gemüthaft-moralischen Standpunkt. Da erst zeigt sich die ganze Größe und Bedeutung der Ideen von Reinkarnation und Karma.

Wir könnten Hunderte von Dingen anführen zur Erhärtung dessen, was jetzt gesagt worden ist, aber es soll nur das eine gesagt werden. Nehmen wir den Menschen der früheren Zeiten der abendländischen Kultur und die weitaus größte Anzahl der Menschen noch heute innerhalb der abendländischen Kultur. Selbst wenn diese Menschen noch im intensivsten Maße an der Annahme hängen, daß der Mensch in bezug auf seine Wesenheit intakt erhalten bleibt, wenn er durch die Pforte des Todes auf dieser Erde geschritten ist, so wird doch, ohne daß man an Reinkarnation und Karma denkt, dieses ganze an den Tod sich anschließende geistige Leben des Menschen dem Erdendasein entzogen. Man hat es zu tun mit dem Betreten einer geistigen Welt; aber mit Ausnahme eben jener «Ausnahmen», die von den mehr oder weniger spiritualistisch angelegten Naturen geltengelassen werden, daß Abgestorbene in Ausnahmefällen hereinwirken, haben wir es - wenn Reinkarnation und Karma nicht gelten - mit einer Idee zu tun, daß das, was in einer geistigen Welt sich abspielt, sei es Strafe oder Belohnung, wenn der Mensch durch die Pforte des Todes geschritten ist, der irdischen Sphäre als solcher entzogen ist, und daß sich das, was sich als Folge seines Lebens ergibt, auf einem ganz anderen, außerirdischen Schauplatze abspielt.

Wenn der Mensch nun übergeht zur Erkenntnis von Reinkarnation und Karma, wird die Sache ganz anders. Da müssen wir uns klar sein, daß das, was für einen solchen Menschen in seiner Seele lebt, nicht bloß, wenn er durch die Pforte des Todes geschritten ist, eine Bedeutung hat für eine erdentrückte Sphäre, sondern daß von dem, was er erlebt zwischen Geburt und Tod, die Zukunft der Erdengestaltung abhängt. Die Erde wird sozusagen die äußere Konfiguration haben, welche die Menschen ihr geben, die vorher da waren. Der ganze Planet in seiner Zukunftskonfiguration, das Zusammenleben der Menschen in der Zukunft, hängt davon ab, wie die Menschen früher gelebt haben in ihren früheren Verleiblichungen. Das ist das Gemüthaft-Moralische, das sich an diese Ideen anknüpft; so daß ein Mensch, der dies angenommen hat, weiß: Wie ich war in dem Leben, so werde ich wirken auf alles, was in der Zukunft geschieht, auf die ganze Kultur der Zukunft! - Da erweitert sich etwas mit dem Wissen von Reinkarnation und Karma über die Grenzen von Geburt und Tod hinaus, was der Mensch bisher nur in engsten Grenzen kennengelernt hat: das Verantwortlichkeitsgefühl! Da sehen wir herauswachsen ein gesteigertes Verantwortlichkeitsgefühl. Darin prägt sich aus, was als eine tief bedeutsame moralische Folge auftritt von Ideen, wie es Reinkarnation und Karma sind. Der Mensch, der nicht an Reinkarnation und Karma glaubt, kann sagen: Wenn ich durch die Pforte des Todes gegangen bin, werde ich höchstens bestraft oder belohnt für das, was ich hier getan habe; ich erfahre die Folgen dieses Daseins in einer anderen Welt; diese andere Welt steht aber unter dem Regiment irgendwelcher geistiger Mächte, und die werden schon verhindern, daß das, was ich in mir trage, gar zu schädlich werde der Gesamtwelt. - So kann der nicht mehr sagen, der da weiß, daß Reinkarnation und Karma eine erkenntnismäßig sich ergebende Idee ist; denn er weiß, daß die Menschen durch die Wiederverkörperung so sein werden, je nach dem, wie sie in dem vorhergehenden Leben gelebt haben.

Das wird das Bedeutsame und Wichtige sein, daß übergehen werden die Fundamentalideen der anthroposophischen Weltanschauung in das Gemütsleben und in die Gesinnung der Menschen und auftreten werden als moralische Impulse, von denen die Menschen in den abgelaufenen Zeiten im Grunde genommen gar keine Ahnung hatten. Das Verantwortlichkeitsgefühl, haben wir gesehen, wird hervorsprießen in einer Weise, wie dies früher überhaupt nicht möglich war; und andere moralische Ideen werden sich notwendig dann in einer ähnlichen Weise ergeben wie dieses Verantwortlichkeitsgefühl. Wir werden als Menschen, die unter dem Einfluß der Ideen von Reinkarnation und Karma leben, wissen lernen, daß es sich nicht handeln kann um eine Beurteilung unseres Lebens bloß nach den Voraussetzungen, welche sich zwischen Geburt und Tod ausleben, sondern nach Voraussetzungen, welche über viele, viele Leben hin verbreitet sind.