Verstaatlichung der Wissenschaft ist kein Fortschritt

Quelle: GA 051, S. 171-172, 1. Ausgabe 1983, 20.12.1904, Berlin

Wir nähern uns der Renaissancezeit. Die Konsolidierung der Verhältnisse, die sich vollzog, bestand im wesentlichen darin, daß immer größere Gebiete unter die Herrschaft der Landesfürsten gerieten. Auch ein großer Teil der mittelalterlichen Städtefreiheit wurde aufgesogen durch die Verfassung der großen Staaten, jedes Ding hat eben seine zwei Seiten. Den heutigen Menschen wird gewiß vieles abstoßen und es wird heute viel geredet über die Willkür, die damals herrschte. Die Freiheit hat selbstverständlich ihre Kehrseite, und es ist noch keine Freiheit, wenn man in der Willkür durch die Willkür anderer eingeschränkt ist.

Eine Sprache konnte zum Beispiel in der Mitte des Mittelalters an den Universitäten gegen die Willkür der weltlichen Machthaber geführt werden, wie später vielleicht nur Fichte es getan hat. Die Dokumente der damaligen Universitäten bewahren uns die Worte der damaligen freien Geister. Heute ist nicht nur die weltliche Herrschaft, sondern auch die Wissenschaft verstaatlicht.

Ohne Licht und Schatten nach den Schlagworten der Gegenwart zu verteilen, habe ich Ihnen diese Zeiten geschildert. Ich suchte an den Punkten zu verweilen, wo wirklicher Fortschritt vorhanden ist. Wollen wir freie Menschen sein, müssen wir ein Herz haben für die, die vor uns nach Freiheit gestrebt haben. Wir müssen verstehen, daß auch andere Zeiten Menschen hatten, die etwas auf Freiheit gegeben haben.

Geschichte ist die Entwickelungsgeschichte der Menschheit zur Freiheit, und wir müssen, um sie zu verstehen, die Freiheit in all ihren Gipfelpunkten studieren.