Heutiges Theater sucht nicht nach Strafe sondern tragischer Unschuld

Quelle: GA 029, S. 148-153, 3. Ausgabe 2004, 1898

In der letzten Nummer dieser Zeitschrift sind einige Bemerkungen über die «tragische Schuld» enthalten. An diese sollen hier einige andere angeschlossen werden, welche geeignet erscheinen, den psychologischen Ursprung dieses heute veralteten Begriffes zu beleuchten.

Der Begriff hat seinen Ursprung in sittlichen Grundempfindungen des Menschen. Der Philosoph Herbart hat die sittlichen Grundempfindungen auf fünf ursprüngliche Formen zurückgeführt. Er ist der Ansicht, daß eine solche Empfindung in unserer Seele auftritt, wenn wir ein Begehren oder Wollen in ein Verhältnis mit einem andern treten sehen. Das erste Verhältnis, das in Betracht kommt, ist dasjenige zwischen dem Wollen des Menschen und der Beurteilung dieses Wollens. Nehmen wir eine Übereinstimmung zwischen Wollen und Beurteilung wahr, so haben wir die Empfindung des Gefallens; besteht ein Gegensatz zwischen beiden, so tritt die Empfindung des Mißfallens ein. Daraus ergibt sich die sittliche Idee der Freiheit. Sie läßt sich folgendermaßen aussprechen: die Harmonie zwischen Willen und sittlicher Beurteilung gefällt; die Disharmonie mißfällt. Es kommt zweitens das Verhältnis zwischen zwei verschieden starken Willenskräften in Frage. Die sich daraus ergebende sittliche Grundempfindung läßt sich so aussprechen: das stärkere Wollen gefällt neben dem schwächeren, das schwächere mißfällt neben dem stärkeren. Daher kommt es, daß ein kräftiger Wille neben einem unkräftigen stets unsere Sympathie haben wird, selbst wenn wir mit dem Inhalte des Wollens nicht einverstanden sein können. Ein Bösewicht mit großer Energie ruft ein Gefallen in uns hervor. Das dritte Verhältnis ergibt sich, wenn die Absichten zweier Menschen in eine solche Beziehung treten, daß entweder der eine Wille auf dasselbe gerichtet ist wie der andere, der erstere somit den zweiten fördert, den fremden Willen sozusagen als den eigenen betrachtet - oder daß der eine Wille dem andern widerstrebt. Wir haben es mit der sittlichen Idee des Wohl- oder Übelwollens zu tun. Das vierte Verhältnis entsteht, wenn zwei Willen auf denselben Gegenstand gerichtet sind und nicht beide zu ihrem Ziele gelangen können, da sie einander widerstreben. Es entsteht dadurch der Streit der Willen, der unter allen Umständen ein sittliches Mißfallen hervorruft. Hieraus ergibt sich die sittliche Idee des Rechtes, das dazu bestimmt ist, dem Streite vorzubeugen. Das dritte Verhältnis unterscheidet sich von dem vierten dadurch, daß jenes sich unmittelbar auf die beiden Willen, dieses sich nur mittelbar darauf bezieht. Übelwollen ist die Disharmonie zweier Willen, so, daß der eine unmittelbar auf etwas anderes gerichtet ist als der andere. Der Hinz sieht, daß der Kunz etwas Bestimmtes will, und das genügt, ihn zu bestimmen, daß er etwas anderes will. Beim vierten Verhältnis kümmert sich der Hinz nicht tun den Willen des Kunz. Seinetwegen mag dieser was immer wollen. Aber der Hinz will einen Hasen schießen, und der Kunz will denselben Hasen schießen. Der Gegenstand des Wollens bringt sie in Streit. Die Verhältnisse in der Welt so einzurichten, daß kein Streit entstehe: dazu ist das Recht da. Das fünfte Verhältnis entsteht dadurch, daß das Übelwollen zu einem Übeltun fortschreitet. Und da sich an das letztere ein sittliches Mißfallen knüpft, welches so lange besteht, als man dem Übeltun nichts entgegensetzt, wodurch es aus der Welt geschafft wird, ist die Strafe notwendig. Sie entspricht der fünften sittlichen Idee, der Idee der Vergeltung oder Billigkeit. Von dieser fünften sittlichen Idee muß ausgegangen werden, wenn der Begriff der tragischen Schuld verstanden werden soll. Eine Schuld hat derjenige, welcher die Harmonie der Willenskräfte stört und dadurch in uns das Gefühl hervorruft, daß Strafe eintreten muß zur Ausgleichung der gestörten Harmonie.

Nun gibt es bekanntlich eine Definition der Kunst, die da lautet: die Kunst soll Gefallen hervorrufen; ihr Ziel soll Befriedigung sein. Wer eine solche Anforderung an die Kunst stellt, der wird von dem Drama verlangen müssen, daß es einen Zusammenhang von Handlungen darstelle, der sittlich befriedigt. Denn im Drama haben wir es mit dem Willen des Menschen und den Konsequenzen dieses Willens zu tun. Wer die Anforderung an die Kunst stellt, daß ihre Werke gefallen sollen, muß demnach von dem Drama verlangen: es solle in demselben den sittlichen Ideen in der Weise genügt werden, daß aus den Verhältnissen der Willenskräfte, die in Betracht kommen, ein Gefallen entspringt. Die fünfte ethische Idee aber sagt: Gefallen kann ein Übeltun nur dann, wenn die Vergeltung folgt. Oder umgekehrt: da Vergeltung ein Übeltun ist, so setzt sie voraus, daß ihr ein anderes übeltun vorangegangen ist, zu deren sittlichen Ausgleichung sie dient. In diesem übeltun ist die Schuld begründet.

Solange man auf dem Boden bleibt, auf dem bloß die Menschen unter sich sind und nur das geschieht, was sie sich selbst zufügen, könnte nur an Dramen gedacht werden, in denen von Menschen nach ihren Ansichten und Institutionen das Übeltun gerächt wird. Auf einem solchen Boden würden zwar philiströse Dramen entstehen, aber doch solche, welche den tatsächlichen Verhältnissen entsprechen. Wir würden im ersten Teile eines solchen Dramas sehen, wie ein Mensch sich gegen die bestehenden Einrichtungen vergeht, und im zweiten, wie diejenigen, zu deren Beruf solches gehört, zusammentreten und seiner Schuld die entsprechende Vergeltung entgegensetzen.

Anders wird die Sache erst, wenn der Mensch bei der Darstellung solcher in Wirklichkeit bestehenden Vergeltung, die er selbst herbeiführt, nicht bleibt. Dann verwandeln sich seine sittlichen Empfindungen in religiöse. Er sagt dann so: ich verlange, daß ein Mensch, der Unrecht tut, auch Unrecht leide. Aber ich verlange dafür auch, daß ein Mensch, der Unrecht leidet, auch Unrecht getan habe. Denn jedes Unrechtleiden, ohne vorhergehendes Unrechttun, mißfällt mir. Wendet man das auf die Kunst an, so wird derjenige, der sagt: die Werke der Kunst müssen gefallen, auch sagen: jedes dargestellte Leiden fordert ein vorausgegangenes Unrecht, oder eine Schuld. Ein Drama, in dem ein Leiden ohne Schuld dargestellt würde, mißfällt mir, ist somit kein Kunstwerk.

Wir brauchen ein solches Urteil nur auszusprechen, um klar darüber zu sein, wie wenig dasselbe mit unserem gegenwärtigen Empfinden übereinstimmt.

Herbart war noch der Ansicht, daß die menschliche Natur so beschaffen sei, daß bei der Wahrnehmung eines der fünf Verhältnisse notwendig die entsprechende sittliche Grundempfindung eintreten müsse. Diese Ansicht wird einfach dadurch widerlegt, daß wir, wenn wir Leiden wahrnehmen, nicht mehr nach der Schuld suchen, sondern nur fragen: wie ist es gekommen, daß dieses Leiden entstanden ist. Es ist uns gleichgültig, ob es durch Schuld entstanden ist. Unser Interesse ist nicht auf diese Schuld gerichtet. Wenn uns ein Stein auf die Stirn fällt, so erleiden wir einen Schmerz. Ein Kind wird den Stein schlagen, weil es glaubt, der Schmerz müsse durch eine Strafe gesühnt werden. So wie das Kind dem Stein gegenüber, so handeln diejenigen, die für ein Leiden eine Schuld suchen. Die Leute mit modernem Bewußtsein tun dies nicht mehr. Für sie ist es nicht interessant, ob Leiden aus Schuld entspringt oder nicht, für sie sind nur die Ursachen des Leidens interessant. Sie fragen nicht, was hat derjenige verschuldet, der leidet, sondern welches die Ursachen dieses Leidens sind. Und die Vorgeschrittensten sagen, es sei eine ungesunde Vorstellung, zu dem Begriff des Leidens den der Strafe und der Schuld hinzu zu erfinden. Nietzsche klagt die Tausende von Jahren bestehende christliche Weltanschauung an, daß sie die notwendig aufeinanderfolgenden Ereignisse um ihre Unschuld gebracht habe. «Das Unglück mit dem Begriff Sünde beschmutzt.» Das moderne Bewußtsein kann von den sittlichen Empfindungen absehen, die sich früher bei dem Menschen sofort einstellten, wenn er Willensverhältnisse wahrnahm. Und deshalb legt der moderne Mensch nicht mehr den Maßstab des sittlichen Gefallens oder Mißfallens an das Handeln der Menschen an.

Dieses moderne Bewußtsein lehnt Sätze ab, die noch vor kurzem zu den unbezweifelten ästhetischen Wahrheiten gehört haben. In Carrières «Ästhetik» ist zu lesen: «Schuld aus Leidenschaft, Leid aus Schuld, selbstsüchtige Überhebung und vergeltende Gerechtigkeit, Treue für das eigene bessere Selbst in einer widerstrebenden Welt oder mutiges Heldentum für eine ideale Überzeugung, für die Güter, die das Leben erst lebenswert machen, ein Kausalzusammenhang, den der Verstand erkennt und daran sich der Verstand vergnügt, und das Walten der sittlichen Weltordnung, wie die Vernunft und das Gewissen es fordern, dargestellt in bedeutenden Charakteren, in anziehenden Situationen; ein freies Spiel mannigfaltiger Kräfte, und doch in allen ein ordnender Grundgedanke: das ist die echte Tragödie: eine einfache Geschichte mit großen Motiven, die für sich selber deutlich und uns sympathisch sind, feste Grundzüge der Handlung, strenger, das Zufällige ausschließender Zusammenhang und der Ausgang ein Gottesurteil.» Das ist es eben, was das moderne Bewußtsein nicht versteht: der Ausgang ein Gottesurteil. Das alte Bewußtsein sagt: hier ist Leid, also muß irgendwo Schuld sein. Das ist notwendig, und, das Notwendige gefällt. Das moderne Bewußtsein sagt: wenn Leid auf Schuld folgt, so ist das ein bloßer Zufall, und als solcher ist der Zufall gleichgültig. Also stört es uns im Grunde, wenn zufällig ein Leiden auf eine Schuld folgt. Wir können dann nicht mehr rein empfinden. Das Gewöhnliche ist, daß Leiden mit Schuld nichts zu tun hat. Also wird uns ein Kunstwerk um so mehr befriedigen, je weniger wir von der natürlichen Folge der Ereignisse abgelenkt werden durch Begriffe wie Schuld, Sünde und so weiter. Ein tragischer Held, der schuldig ist, wird das moderne Bewußtsein nur stören. Ein tragischer Held dagegen, bei dem an einem besonderen Beispiel die Unschuld des Leidens gezeigt wird, befriedigt heute. Man kann also wohl sagen, daß wir daran sind, den Begriff der tragischen Schuld in den der tragischen Unschuld zu verwandeln.

Heute hängen die Dinge im Drama zusammen wie Ursache und Wirkung, nicht wie Schuld und Sühne. Ein Satz wie der: «Die Weltgeschichte ist das Weltgericht» erscheint uns Heutigen kindlich. Wenn die Wirkung, die mit unerbittlicher Notwendigkeit auf ihre Ursache folgt, in die Kreise der Menschen eingreift und dort Leid verursacht, so nennen wir das heute tragisch. Wir kennen tragische Wirkungen, aber wir kennen keine tragische Schuld.