Gerechte Preise durch Preistransparenz
Fairer Handel für alle

01.02.2004

Als Konsument ist man daran interessiert, möglichst billig einzukaufen. Dies kann aber schnell auf Kosten der Produzenten gehen. Besonders offenkundig ist es beim immer weiter sinkenden Einkommen der Bauern in den Entwicklungsländern. Hier haben die Konsumenten reagiert und entscheiden sich vermehrt für Produkte aus dem Fairen Handel. Bauern gibt es aber auch in Europa. Wieso sollten sie nicht auch vom Fairen Handel profitieren?

Prinzipien des Fairen Handels

Mit der Zeit haben sich einige Kriterien herauskristallisiert, die teilweise umfassender sind, als man zunächst vermuten würde.

  • Existenzsicherndes Einkommen
    Die Preise werden weitgehend unabhängig von den Weltmarktpreisen festgelegt.
  • Langfristige Verträge
    Durch diese Sicherheit sind auch Investitionen leichter möglich.
  • Vorauszahlungen
    In den meisten Fällen werden Bestellungen bis zu 50% vorausbezahlt.
  • Kein Zwischenhandel
    Verträge werden von den Herstellern direkt mit den Bauern oder deren Genossenschaften geschlossen.

Was dadurch eingeleitet worden ist, läßt sich am besten als eine allmähliche Überführung der reinen Marktwirtschaft in eine Vertragswirtschaft bezeichnen. Aber anders als bei den Kartellen werden die höheren Preise für die Produzenten nicht hinter dem Rücken der Konsumenten, sondern im gegenseitigen Einverständnis erzielt.

Vom Erfolg lernen

Besonders erfolgreich ist der Faire Handel in der Schweiz. Hier erzielt eine führende Supermarktkette zweistellige Marktanteile bei FairTrade-Produkten (Orangensaft 10 Prozent, Kaffee 16 Prozent, Bananen 21 Prozent). Unternehmen, die noch nicht mitziehen wollen, geraten unter Druck. Auf der schweizerischen Webseite von Nescafé findet sich inzwischen eine recht ausführliche Rechtfertigung, warum der Konzern keine FairTrade-Produkte anbietet und das auch für die Zukunft nicht vorhat. Auf der entsprechenden deutschen Webseite sucht man vergebens nach einem noch so kleinen Hinweis zum Thema. Der Grund ist einfach. In Deutschland werden trotz der mehr als zehnmal grösseren Bevölkerung nicht einmal die absoluten Zahlen des Fairen Handels in der Schweiz erreicht!

Die Welt hätte also einiges von der Schweiz zu lernen. Aber auch die Schweiz könnte von sich selber lernen. Die Frage ist nämlich, wie der Erfolg beim Fairen Handel mit den Entwicklungsländern auf den Handel mit der heimischen Landwirtschaft übertragen werden kann.

Rechnet man die vielen Agrarsubventionen ab, würde es den meisten europäischen Bauern nicht viel besser als ihren Kollegen in den Entwicklungsländern gehen. Das Problem bei solchen staatlichen Subventionen ist aber, daß sie auf einer anderen Seite noch größere Probleme schaffen, als diejenigen, die sie zu lösen vorgeben. In Zeiten der Globalisierung hat jede Vermischung von staatlichen und wirtschaftlichen Interessen katastrophale Folgen. Solche hybride Institutionen wie die Welthandelsorganisation, wo politische Vertreter über wirtschaftliche Fragen wie Subventionen und Zölle verhandeln, haben zur Eskalation der Spannungen zwischen Nord und Süd geführt. Eine Alternative dazu ist ein regionaler Fairer Handel, wo Preisprobleme zwischen Produzenten und Konsumenten - das heißt innerhalb der Wirtschaft selber - einvernehmlich gelöst werden. Dann spielt es keine Rolle, wer über Präzisions- oder Massenvernichtungswaffen verfügt. In Deutschland wurde für den globalen Fairen Handel ein recht pfiffiger Name gefunden: TransFair. Wie wäre es, wenn wir - als Ergänzung dazu - von RegioFair sprechen würden?

Mehr Preistransparenz

Der Name RegioFair wird es aber allein nicht richten können. Der europäische Konsument verbindet Entwicklungsländer ganz spontan mit Armut. Die Lage der eigenen Landwirtschaft stellt er sich weitaus weniger dramatisch vor. Er sieht da nicht so leicht die Notwendigkeit, nicht allein auf das eigene Interesse zu schauen. Und wenn die Zahlen ihm einfach vorgelegt werden würden?

Wir Konsumenten sind schon Meister im Preisvergleich. Wir können aber bisher nur Endpreise vergleichen. Ganz anders wäre es, wenn neben dem Preis noch angegeben wird, welchen Anteil davon der Bauer, der Verarbeiter, der Großhandel und der Einzelhandel bekommt. Bei einer solchen Preistransparenz läßt sich schnell prüfen, ob nicht zufällig auf Kosten der heimischen Bauern gespart worden ist. Das wäre Konsumentenbildung.

Dies ist gerade wichtig für die biologische bzw. biodynamische Landwirtschaft, die allmählich Eingang in die Supermärkte findet. Nicht alle Marken bestehen - wie etwa Demeter in der Schweiz - darauf, daß diese denselben Preis bezahlen wie die anderen Händler und nur dadurch billiger verkaufen können, daß sie eine kleinere Marge nehmen. Andere lassen sich schon eher unter Druck setzen.

Man kann sich daher denken, daß die Supermärkte gegen Preistransparenz sind. Noch weniger begeistert sind aber die Kleinläden, die gerade in der Biobranche noch stark vertreten sind. Um trotz ihres geringen Umsatzes überleben zu können, müssen sie die Preise höher setzen. Sie wären nicht begeistert, wenn - zum Beispiel auf den Verpackungen - sichtbar gemacht wird, daß die hohen Preise vor allem auf ihre recht hohen Margen zurückzuführen sind. Dies hat bisher Demeter davon abgehalten, die Initiative für mehr Preistransparenz zu ergreifen, obwohl dies sowohl von den Demeter Konsumenten als von den Demeter Bauern befürwortet wird - aus Angst, von den Kleinläden boykottiert zu werden.

Mehr Aussichten gibt es bei Biosupermärkten. So hat sich die deutsche Biosupermarktkette alnatura kürzlich dazu durchgerungen, einen Artikel des Autors zur Preistransparenz in ihrem Kundenmagazin zu veröffentlichen. Es wird noch einige Artikel und viele Kundenanfragen brauchen, bis erste konkreten Schritte in diese Richtung gemacht werden. Dann hätte aber ein regionaler Fairer Handel deutlich bessere Chancen.

Steckt der Teufel im Zwischenhandel?

Was hält aber Nescafé davon ab, beim globalen Fairen Handel mitzumachen? Das nachvollziehbarste Argument ist wohl, daß der Großkonzern statt auf den Direktkauf bei den Kaffeepflanzern lieber auf Makler setzt, die "so viel Waren zusammenbringen, daß sich Transport und Aufbereitung lohnen". Wenn die Preise wegen der Überproduktion zu stark sinken, wird nur zu schnell vergessen, daß der Handel eigentlich verbilligend wirkt. Die Makler gelten dann als Ausbeuter.

Wenn aber seitens Nescafés behauptet wird, daß feste Preise zu Mehranbau und Überproduktion beitragen, fragt man sich, ob die Leute wirklich wissen, wovon sie reden. Dies stimmt bei staatlich garantierten Preisen, wie man sie von der europäischen Agrarpolitik kennt. Beim Aufschlag aus dem Fairen Handel spüren die Produzenten aber eine Verantwortung. Viele investieren es wieder, um ihre Abhängigkeit vom Kaffee zu reduzieren und nur dann Kaffee zu produzieren, wenn die Preise ausreichend hoch sind. Sie bekommen also mehr Freiraum, um den Markt aktiv zu gestalten.

Sylvain Coiplet


Quelle: Agora 2/2004, Nachdruck mit freundlicher Genehmigung des Autors.


Dieser Text in weiteren Sprachen

Auf deutsch:
Gerechte Preise durch Preistransparenz - Fairer Handel für alle
In Español:
Precios justos a través de la transparencia - Comercio Justo para todos