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Stüttgens Sünden wider die soziale Dreigliederung

01.07.2014

Entweder die Welt begreift die Dreigliederung, oder die Welt geht den Gang, den Spengler vorgezeigt hat.

Rudolf Steiner [1]

Gerne würde man ja dankbar auf diejenigen Schauen, die sich seit Jahren mit der sozialen Frage auf geisteswissenschaftlicher Grundlage beschäftigen und sogar öffentlich dafür eintreten.

Doch wenn solche, aus welchen Gründen auch immer, sich in Irrtümern verfangen? Beleg eines solchen Irrtums ist die beim Omnibus für direkte Demokratie erschienene Vortragsnachschrift Das Grundrecht auf Einkommen und die „Direkte Demokratie“ von Johannes Stüttgen.

Auf Seite 35 seiner Veröffentlichung findet sich der Satz:

»Wenn wir über Geld reden, dann sprechen wir über etwas ganz substanziell Zentrales in der Gesellschaft, nämlich das Wesen, das endlich in die Demokratisierungszone hineingeholt werden muss.«

Und weiter unten heißt es:

»Wenn wir das nicht begreifen lernen und das Geld weiterhin so missbrauchen, wie wir das bis jetzt tun, und weiterhin meinen, wir könnten hier über Realwirtschaft und Finanzmarkt sprechen, als wenn das nichts besonderes wäre, ohne zu begreifen, dass genau darin schon eine dreigliedrige Unterscheidung liegt, nämlich dass das Geld nicht in den Wirtschaftssektor hineingehört, sondern in das Rechtsleben, dann würden wir an die soziale Frage auch nicht heran kommen.« (Hervorhebungen AS)

Es wäre wünschenswert, dass solche fatalen Irrtümer gegenüber der sozialen Dreigliederung Rudolf Steiners gar nicht innerhalb anthroposophischer Kreise aufkommen könnten, es wäre wünschenswert, das so viel Sachkenntnis innerhalb dieser Kreise bestünde, dass eine solche Verdrehung seiner Anschauung niemals zum Druck käme, wo doch bei Steiner selbst mehrfach das Gegenteil der Stüttgen’schen Aussage zu finden ist, so z.B. hier:

»Die einzig mögliche Heilung besteht darin, dass Sie die ganze Verwaltung des Geldes dahin abschieben, was wir als das dritte Glied des gesunden sozialen Organismus betrachtet haben: die gesamte Geldverwaltung abschieben in den Wirtschaftsorganismus, loslösen alle Geldverwaltung vom Staatsorganismus -...« [2]

Oder auch hier:

»Daß wir nicht zum Beispiel fragen: Was sollen wir mit dem Gelde machen? – Diese Frage, wie auch die Frage nach der Währung, wird auf dem Boden des selbständigen Wirtschaftslebens zur Lösung kommen. Das ist es, worauf es ankommt, daß man aus der Wirklichkeit heraus versteht.« [3]

Wo Steiner von der einzig möglichen Heilung spricht, dass das Geld durch den Wirtschaftsorganismus verwaltet wird, erzählt Stüttgen den Menschen, dass es nur etwas demokratischer, aber weiterhin staatlich mit dem Geld zugehen muss. Jeder, der sich ausreichend tief in die soziale Dreigliederung hineindenkt, wird begreifen, wird als Anschauung mit sich tragen, dass das Geld innerhalb der wirtschaftlichen Assoziationen aus Sachkenntnis heraus verwaltet werden muss; über solche Sachkenntnis lässt sich nicht demokratisch abstimmen, eine Mehrheit kann da kein richtiges Urteil haben, genauso wenig wie sich darüber abstimmen lässt, wann der Bauer das Getreide zu pflanzen hat. Pflanzt der Bauer nach demokratischer Abstimmung zur falschen Zeit, werden alle hungern, pflanzt er nach demokratischer Abstimmung zur sachlich richtigen Zeit, hätte es der Abstimmung gar nicht bedurft, sie ist zusätzlicher Aufwand.

Es kann hier nur angedeutet werden, wie in dieses Urteil über das Geld Faktoren wie Boden, Bevölkerungszahl, Langlebigkeit der Waren ... einzufließen haben, wie beispielsweise die Geldmenge an bestimmte Bedingungen geknüpft ist, die es zu beobachten gilt, weil eine fälschliche Änderung der Geldmenge durch Entwertung oder Überwertung zu unsozialen Umverteilungen führt - eine ausführliche Schilderung ist für die Zukunft angestrebt.

Was jedoch Steiner über einen ungenauen Umgang mit seinem Werk zu sagen hatte, findet sich z.B. in seinem Buch Von Seelenrätseln im Kapitel Max Dessoir über Anthroposophie. Wer das nicht beachtet, muss ihm, Steiner, zum Gegner werden. Ich denke, in dieser Situation befinden wir uns ja so ziemlich alle, die wir danach streben, Anthroposoph zu werden. Nur sprechen wir nicht gern darüber und werden uns zu selten dessen bewusst. Sonst fände sich häufiger die Grundhaltung gegenüber den Mitteilungen Rudolf Steiners: Ich habe es noch nicht verstanden!

Eine kleine Zwischenbemerkung: Stellen Sie sich vor, sie lebten 1914 und da kommt einer daher, der sagt: Es ist ja erstaunlich, welche Resonanz diese Idee in den letzten Jahren in breiten Schichten der Bevölkerung gehabt hat. Irgendetwas muss ja dran stimmen, das heißt, diese Idee des Marxismus trifft den Zeitnerv.

Nun wissen wir als Heutige, dass der Marxismus geradezu in neues Unheil führte und immer wieder führen wird, so er aufgewärmt wird. Und dies, obwohl er in gewisser Weise den Zeitnerv berührte und noch heute berührt. Steiner hatte die Menschheit eindringlich gewarnt, sich nicht von der Oberfläche täuschen zu lassen. Er hatte dem die Idee des dreigliedrigen sozialen Organismus entgegengestellt.

Tauschen wir nun Marxismus gegen bedingungsloses Grundeinkommen aus, so haben wir die Stüttgen’sche Worthülse:

Es ist ja erstaunlich, welche Resonanz diese Idee in den letzten Jahren in breiten Schichten der Bevölkerung gehabt hat. Irgendetwas muss ja dran stimmen, das heißt, diese Idee des Bedingungslosen Grundeinkommens trifft den Zeitnerv.

Auch wenn ich hier von meiner Überzeugung absehe, dass das bedingungslose Grundeinkommen vom eigentlichen Begreifen der Dreigliederung ablenkt, bleibt die Begründung der Aussage Nonsens: es muss gar nichts daran stimmen an der Idee, auch wenn noch so viele ihr anhängen! Sonst gälte: Mehrheit/ Vielzahl = Wahrheit? Na dann prost!

Es muss also schon jetzt gefragt werden dürfen, wie viel Vertrauen so einem Vordenker des Grundeinkommens entgegengebracht werden darf!

Zuletzt soll hier noch, exemplarisch für weitere im Vortrag befindliche Stellen (z.B. der trügerische Vergleich des Geldes mit dem Kreislaufsystem – er soll in einem späteren Aufsatz untersucht werden), eine mehr als unglückliche Stelle besprochen werden. Johannes Stüttgen meint dem Verhältnis von freien Geistesleben und Staat gerecht zu werden, es schon ausreichend neu gedacht zu haben, wenn er sagt (S.37):

»Das hätte erstens zur Folge, dass der Staat sich zukünftig bitte heraushalten möge, weil er in der Schule nichts verloren hat, und zweitens: er soll seine Pflicht erfüllen, nämlich diese Selbstverwaltung zu garantieren, zu schützen und zu finanzieren, so lange er die Steuern einnimmt.«

Während der erste Teil des Satzes sich noch in Übereinstimmung mit der sozialen Dreigliederung bringen lässt, wird dies unmöglich ab dem Teil »... und zu finanzieren, so lange er die Steuern einnimmt.«

Denn auch im gesunden dreigliedrigen sozialen Organismus wird der Staat seine Aufgaben durch Steuereinnahmen erfüllen, aber eben nur die Aufgaben des reinen Rechtsstaats. Dagegen wird er weder für das freie Geistesleben, zu dem Schulen und Hochschulen gehören, noch für die Wirtschaft, wie das heute der Fall ist, Steuern erheben und verteilen. Die Steuerlast wird also eine viel geringere sein. Das freie Geistesleben wird sich direkt aus freien Schenkungen der Menschen finanzieren, wird frei die Überschüsse der Wirtschaft erhalten, weil man die Notwendigkeit eines solchen freien Geisteslebens einsieht. Denn ohne ein solches freies Geistesleben muss der soziale Organismus notwendig vertrocknen, wie ich das kürzlich in dem Leserbrief Der Stoffwechsel lässt sich nur mit dem Geistesleben vergleichen dargestellt habe. [4]

Es ist also gerade die falsche Forderung, dass der Staat das Geistesleben finanzieren soll, er kann es ja auch gar nicht, da er seinem Wesen nach selbst auf die Leistungen der Wirtschaft angewiesen ist. Er könnte nur weiter umverteilen, was nicht von ihm stammt, aber gerade das ist ungesund, macht unfrei, denn der Staat kann nur nach Regeln, Vorschriften, Gesetzen verteilen, nicht aber aus der freien Einsicht der Persönlichkeit. [5]

Sollte Stüttgen mit dem »... so lange er die Steuern einnimmt.« jedoch gemeint haben: so lange der Staat noch fälschlicherweise Geld in Form von gezwungenen Schenkungen – was die Steuer ist - für das Geistesleben einnimmt, also quasi als Übergang, hätte er dies deutlich machen müssen und können. Ein Satz hätte gereicht, die grundsätzliche Sachlage darzustellen, dass der Staat als Geldeintreiber für das Geistesleben immer einen Krankheitsprozess für den sozialen Organismus bedeutet.

Wenn Initiativen wie Volksinitiative Schule in Freiheit oder der Bund der freien Waldorfschulen in dieser Hinsicht ihr Denken, ihre Forderungen umformen könnten, wäre viel für die Sache des sozialen Weltfriedens gewonnen. Wenn diese innere Gegnerschaft, diese Gegnerschaft in den eigenen Reihen umdenken wollte, könnte die Welt die Dreigliederung begreifen, Herr Spengler!

Anmerkungen

[1] GA 338 S.262
[2] GA 189 S.131
[3] GA 192 S.32
[4] Der Stoffwechsel lässt sich nur mit dem Geistesleben vergleichen - www.dreigliederung.de/essays/2014-07-001
[5] dazu u.a. Clara Steinkellner: »Deshalb ist die staatliche Finanzierung „freier“ Initiativen grundsätzlich ein nicht auflösbarer Widerspruch ...«; S.249, Clara Steinkellner, Menschenbildung in einer globalisierten Welt, Berlin 2012