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Interkulturelle Pädagogik
Jeder Mensch ist eine Minderheit

01.02.2003

Bozen

kulturakrobatIn Italien gibt es vor allem Italiener, die Deutschen sind eine Minderheit. In Norditalien gibt es aber eine Gegend – Südtirol – wo die Italiener in der Minderheit sind und die Deutschen in der Mehrheit. In Südtirol gibt es wiederum eine Stadt – Bozen – wo die Deutschen nur noch eine Minderheit darstellen und die Italiener die Mehrheit stellen. Und das geht noch weiter bis zum einzelnen Südtiroler, der sich laut Gesetz alle zehn Jahre entscheiden muß, ob er Deutscher oder Italiener ist.

Manche wissen es aber selber nicht so recht. Sie wissen nicht, welche Kultur in ihnen in der Mehrheit oder Minderheit steht – oder sie wollen es nicht wissen. Sie wollen lieber bewußt zwischen diesen beiden Kulturen stehen und Brücken schlagen.

Im letzten Herbst haben es die italienischen Neo-Faschisten geschafft, durch einen Volksentscheid die Entscheidung des Bozener Stadtrates, den sogenannten Siegesplatz in Friedensplatz umzutaufen, rückgängig zu machen. Der Name Siegesplatz stand für den Versuch Mussolinis, Südtirol gewaltsam zu romanisieren. Als Friedensplatz hätte er das friedliche Zusammenleben von Deutschen und Italienern symbolisiert. Diese Namensgebung ging auf eine gemeinsame Entscheidung der konservativen deutschen Volkspartei und der italienischen Linken zurück. Warum sprach sich aber die italienische Mehrheit in Bozen gegen einen solchen Frieden aus?

Bozen ist keine Faschistenstadt. Auch viele Grüne und Sozialisten haben für den Siegesplatz gestimmt. Bozen zeigt vielmehr, was für ein leichtes Spiel Faschisten haben können, wenn auf eine konsequente Umsetzung der sozialen Dreigliederung verzichtet wird.

In Südtirol konnte nicht genug gegen die Abschottung der beiden Sprachen gemacht werden. Sowohl auf der italienischen wie auf der deutschen Seite haben die Politiker die Bildungspolitik mißbraucht, um an den Schulen Monokultur zu treiben.

Die deutschen Konservativen, die in Südtirol als Partei die Mehrheit haben, möchten nicht, daß ihre Deutschen sich bei der nächsten Volkszählung plötzlich zu Italienern erklären und versuchen jeden zweisprachigen Unterricht an öffentlichen Schulen zu verhindern. Sogar ein totales Verbot des sogenannten "Immersionsunterrichts" wurde erwogen. Für diese Politiker gehört das zum Minderheitenschutz gegenüber Italien. Die einzige Minderheit, die diesen Namen verdient, ist aber der Mensch. Ob er – auch in der Schule – in eine Fremdsprache voll eintauchen oder nur die Zehenspitze reinstecken soll, das muß ihm völlig überlassen werden. Dem Menschen und seinem freiem Spiel mit verschiedenen Kulturen erweisen die deutschen Konservativen einen Bärendienst.

An italienischen öffentlichen Schulen bleibt Deutsch auch Fremdsprache. Und die meisten italienischen privaten Schulen sind als katholische oder Eliteschulen in dieser Hinsicht nicht besser. Dies gehört zur Arroganz einer in Italien verwöhnten Mehrheitskultur, die sich dann in Südtirol fehl am Platz fühlt.

Während es den Deutschen trotz ihrer Politiker weitgehend gelingt, die italienische Sprache zu beherrschen, sieht es bei vielen Italienern mit den Deutschkenntnissen eher schlecht aus. Sie leiden oft beruflich darunter. In den Zeitungen lesen sie nur von den Abschottungsversuchen der Deutschen. So mußten in letzter Zeit auf Anweisung von deutsch dominierten Stadträten vermehrt italienische Straßenschilder abmontiert werden. Solche Nebensächlichkeiten reichen dann aus, damit sie den Neo-Faschisten als Vergeltung zu einem Siegesplatz verhelfen.

München

Günther Beckstein, der bayerische Innenminister, träumt von einer Umerziehung der hier lebenden Ausländer. Sie sollen Deutsch lernen und Deutsch denken. Daß die Lernbereitschaft mit dem Alter abnimmt, merkt er allerdings an sich selber. Und wer sich fragt, wann Günther Beckstein zum letzten Mal bereit gewesen ist, sich auf etwas Neues einzulassen, braucht nur zu wissen, daß er Familienangehörige von Ausländern nur dann nach Deutschland einreisen lassen will, wenn sie jünger sind als zehn Jahre. Dies läßt tief in seine Seele blicken.

Von Günther Beckstein stammen solche Sprüche wie: "Wir stoßen an die Grenzen unserer Aufnahmekapazität" oder "Die deutsche Leitkultur muss bei unseren ausländischen Mitbürgern entsprechende Akzeptanz finden". Würde er etwas von der deutschen Kultur verstehen, könnte er eine solche Forderung nicht stellen. Nicht umsonst sieht Friedrich Schiller die Aufgabe dieser Kultur darin, von anderen Kulturen zu lernen, dichterisch ausgedrückt, zu "ernten". Und daß sie auch vom Islam lernen könnte, hat Wolfgang Goethe mit seinem West-Östlichen Divan bewiesen. Hier merkt man, daß Günther Beckstein gerade bezüglich der deutschen Kultur sehr früh an die Grenzen seiner Aufnahmekapazität gestossen ist.

Um aus jeder Kultur das Beste herauszuholen, bedarf es mehr Menschen, die wirkliche Brücken zwischen diesen Kulturen schlagen können. Dies wird man durch die von Günther Beckstein angestrebten deutschen Sprachkurse und Sprachprüfungen noch vor der Einschulung nicht erreichen. Nicht die ausländischen Schüler müssen an die deutschen Schulen angepaßt werden, sondern die Schulen an die Erfordernisse einer kulturellen Vielfalt.

Kreuzberg - Mannheim

Nicht von ungefähr setzt gerade die Kreuzberger Waldorfschule Zeichen in Richtung kulturelle Vielfalt. Dort soll bald ein Pilotprojekt starten, wo türkische Kinder zunächst einmal in ihrer Muttersprache und erst in späteren Klassenstufen zunehmend in deutscher Sprache unterrichtet werden sollen. Der Übergang kann stufenlos erfolgen, da Fremdsprachen – in diesem Fall würde auch Deutsch dazu gehören – an Waldorfschulen vom ersten Schuljahr an sehr intensiv gelernt werden. Gemeldet haben sich schon über 100 türkische Eltern. Und auch der Lehrer, der die notwendige interkulturelle Kompetenz mitbringt, hat sich gefunden. Das Problem ist die Finanzierung. Während der angehende Lehrer darauf hinweist, daß türkische Eltern kaum Schulgelder bezahlen können, erinnern andere – wie Michael Wilhelmi – das ein solches Projekt sich auf Dauer doch selbst tragen muß. Der Staat wird nämlich kaum einspringen wollen.

Während in Kreuzberg noch alle auf das Geld warten, haben sich in Mannheim einige Waldorflehrer ein Herz genommen und auf gut Glück die erste interkulturelle Waldorfschule gegründet. Bald werden wir also über die ersten Erfahrungen berichten können ...


Weiterführende Links
Minderheitenrechte: www.dreigliederung.de/essays/1997-07-002.html
Freie Schulen und Schulautonomie: www.dreigliederung.de/schulfreiheit/


Quelle: Gleichnamiger Aufsatz im Trigolog Berlin 02/2003, vom Autoren genehmigter und überarbeiteter Nachdruck.