Rückblick – Ausblick

01.12.1959

Verehrte, liebe Freunde!

Mit der heutigen Nummer erscheint die frühere „Soziale Zukunft“ in erweiterter Form, getragen von einem Stab von Mitarbeitern und geleitet von einem Redaktionskomitee, bestehend aus den Herren Hartwig Wilken, Studienrat, Freiburg/Br., Prinz Eugenstr. 11, Heinz Eckhoff, Lehrer, Heidenheim/Brenn, Am Radkeller 25 und Hans Kühn-Honegger, Arlesheim (Schweiz), Rüttiweg 2.

Anläßlich einer Wochenend-Zusammenkunft einer größeren Anzahl Dreigliederungsfreundie in Stuttgart am 3. Und 4. Oktober 1959 wurde die seit drei Jahren versuchte Zusammenarbeit der Dreigliederungsgruppen im westdeutschen Bundesgebiet in der Weise eine Tatsache, als die Bemühungen des Unterzeichneten um eine „Arbeitsgemeinschaft“, die während der Generalversammlung der deutschen Anthroposophischen Gesellschaft in Nürnberg im Jahre 1956 begonnen haben, definitiv zum Beschluß erhoben wurden.

Gleichzeitig lag ein Angebot vor von Herrn Hillringhaus, die vom Bund für freies Bildungsstreben herausgegebene Korrespondenz für Dreigliederung „Soziale Zukunft“ abzugeben. Der versammelte Freundeskreis hat der Übernahme durch die Arbeitsgemeinschaft einstimmig zugestimmt und sich bereit erklärt, den Fortbestand dieses Korrespondenzblattes unter dem neuen Namen „Dreigliederung“ zu gewährleisten.

Die Dreigliederungsarbeit zu beleben, ist ein schwieriges Unterfangen, obwohl eine größere Anzahl örtlicher und regionaler Gruppen seit langem unablässig und hingebungsvoll damit beschäftigt ist, sich die sozialwissenschaftlichen Erkenntnisse zu erarbeiten, wie sie hauptsächlich aus dem „Nationalökonomischen Kursus“ hervorgehen, den Rudolf Steiner im Jahre 1922 in Dornach abgehalten hat.

Wie wir wissen, wurden die soziologischen Gedankengänge Rudolf Steiners erstmals in der Zeitschrift „Lucifer Gnosis“ 1905 veröffentlicht unter dem Titel „Geisteswissenschaft und soziale Frage“. Darin ist das grundlegende „soziale Hauptgesetz“ bereits enthalten. Die Idee einer „Dreigliederung des sozialen Organismus“ wurde hingegen erstmalig im Sommer 1917 formuliert und in Form von Denkschriften an führende Kreise der mitteleuropäischen Staaten herangebracht, die sich mitten im ersten Weltkriege befanden. Dieses Jahr 1917 war ein Schicksalsjahr, weil das Kriegsgeschehen sich schon damals als ausweglos erwies, allerdings nicht für die führenden Kreise, sondern für die Einsicht des Geistesforschers. Als die Denkschriften unbeachtet verhallten, warnte Dr.Steiner vor der mit Sicherheit bevorstehenden Revolution. Seine Bemühungen, sie zu verhindern, wurden nicht ernst genommen. Sie brach am 9. November 1919 aus. So entstand nach Ablauf des Krieges durch die aufgelockerten Verhältnisse eine Möglichkeit, sich. an die Öffentlichkeit zu wenden. Dr. Steiner sagte seine Hilfe zu. Es reifte der Entschluß zu dem bedeutsamen „Aufruf an das deutsche Volk und an die Kulturwelt“, der von einer großen Anzahl wertvoller und im

[Beiträge, Jahrgang 4, Heft 5-6, Seite I]

 

öffentlichen Leben stehender Persönlichkeiten durch deren Unterschrift getragen war. Er wurde Anfang Februar 1919 in vielen Tageszeitungen Deutschlands, Österreichs und der Schweiz veröffentlicht und hatte einen immerhin bedeutenden Widerhall. Im Februar 1919 wurden ferner die vier großen Vorträge in Zürich gehalten, welche die Grundlage für das Buch „Die Kernpunkte der sozialen Frage in den Lebensnotwendigkeiten der Gegenwart und Zukunft“ bildeten. Gleichzeitig mit dem Erscheinen dieses Buches wurde nach einer großen Versammlung am 22. April, zu welcher Dr. Steiner erstmalig. aus Dornach zugereist war und seine Zuhörer in helle Begeisterung versetzte, der „Bund für Dreigliederung des sozialen Organismus“ gegründet. Die zweite Welle der Revolution war gerade niedergeschlagen worden. Noch tobte der Kampf in München.

Nun begann die große öffentliche Tätigkeit Rudolf Steiners zur Lösung der sozialen Frage im Sinne der Dreigliederung. Die „Kernpunkte“ wurden in großen Auflagen verbreitet. Vorträge in Betrieben wurden gehalten und neben den großen öffentlichen Vorträgen im Gustav Sieglehaus leitete Dr. Steiner viele Diskussionsabende mit den verschiedenen Betriebsräten im Stuttgarter Gewerkschaftshaus. Diese Bewegung schwoll auf rund 40.000 Anhänger an. Aber sie war nicht nur als eine Arbeiterbewegung gedacht. Daneben liefen die Aufrufe und Verhandlungen mit den Industriellen Württembergs und diejenigen mit Vertretern des geistigen Lebens, vor allem mit Professoren der Universität Tübingen, zu denen der Zugang durch die Vorstandstätigkeit im Bunde für Dreigliederung von Prof. W. von Blume, dem Schöpfer der württembergischen Staatsverfassung, geebnet war. Der historische Verlauf dieser ganzen Zeit voll sprühenden Lebens muß einmal objektiv geschildert werden.[1] Sie fand schließlich ihren Abschluß dadurch, daß die freiheitlichen Tendenzen nach und nach verebbten. Regierung, Verbände und Gewerkschaften hatten ihre eigenen Ansichten über Sozialisierung und waren für die Vorschläge der Anthroposophen nicht zugänglich, im Gegensatz zu den unbefangenen Arbeitermassen, die aus ihrem Gefühl heraus das richtige Urteil entwickeln konnten.

Was für die bürgerlichen Kreise eine Beruhigung schien, bedeutete für Dr. Steiner die Erkenntnis, daß nun Mitteleuropa seinem schweren Schicksal unabänderlich entgegengehen mußte. Er sprach von den jahrzehntelangen Krisenzeiten und den Katastrophen, die uns bevorstehen. Daran hat sich seither nichts geändert. Nur sind die Lebensverhältnisse noch weit komplizierter geworden, indem untermenschliche Kräfte und Gedanken in die Menschheit einzogen, die wir damals nicht ahnen konnten.

Da der Unterzeichnete mit Kommerzienrat Emil Molt und Dr. Carl Unger einer der drei ersten war, die sich Herrn Dr. Steiner für seine sozialen Pläne zur Verfügung stellten, hat er diese große Bewegung auch von allem Anfang an

[Beiträge, Jahrgang 4, Heft 5-6, Seite II]

 

mitgemacht. Sehr bald waren auch die Herren Emil Leinhas und Ernst Uehli dabei führend tätig, sowie viele andere Freunde aus Nah und Fern. In der Schweiz wirkte im gleichen Sinne Dr. Roman Boos und andere.

Man mag sicher ermessen, welchen Schmerz es bedeutet, zusehen zu müssen, wie das Interesse an der Dreigliederung in unserer Bewegung immer mehr erlosch, so daß sie schließlich zum Stiefkind geworden ist. Gewiß waren die Möglichkeiten, in dieser Richtung tätig zu sein, zeitweise völlig erloschen. Doch wußten wir von Dr. Steiner, daß sich entsprechende Gelegenheiten immer wieder ergeben werden, denn die Dreigliederung muß und wird sich einst durchsetzen. Sie ist der Schlüssel zur Lösung der sozialen Frage und damit der Weg zum Ausgleich der Spannungen zwischen West und Ost.

Diesen Schlüssel zu verwalten, sei unsere Pflicht! Er ist nicht für uns gegeben, sondern für die Welt. Die Erkenntnisarbeit nach innen muß zur Flamme werden für geeignete Tätigkeiten in der Umwelt. Überall sehen wir Ansätze zur Dreigliederung. Man hat den Eindruck, als stehe sie bereits hinter den Kulissen und warte auf ihre Entzauberung. An den negativen Erscheinungen der heutigen Verhältnisse läßt sich ihre Notwendigkeit geradezu beweisen.

Trotzdem dürfen wir uns nicht verhehlen, daß an eine öffentliche Bewegung im früheren Sinne gegenwärtig nicht gedacht werden kann. Wir sind bescheiden geworden. Zwar wünschten wir nichts sehnlicher, als den Gedanken der Dreigliederung wieder populär zu machen, weil die Idee als solche in der Welt vergessen ist und nicht mehr diskutiert wird. Aber wir müssen uns den veränderten Verhältnissen anzupassen suchen.

Seit 1919 sind jetzt 40 Jahre vergangen. Das deutsche Volk hätte Grund gehabt, sich an den „Aufruf an das deutsche Volk“ zu erinnern und sich die Frage vorzulegen, ob die Geschichte der letzten Jahrzehnte nicht anders verlaufen wäre, wenn diesem Aufruf Beachtung geschenkt worden wäre. Und unsere deutsche Gesellschaft, hat sie an dieses Jubiläum gebührend gedacht? Sie hat keine Notiz genommen und sich in keiner Weise bemüht, die Erinnerung in der Öffentlichkeit wieder aufleben zu lassen. Ein Zusammenschluß der Dreigliederungsfreunde in unserer Bewegung hatte gefehlt. Wir wollen versuchen, diesen Mangel wieder gutzumachen. Wir wollen nicht ins Leere stoßen, sondern die Ansatzpunkte suchen, die zum Verständnis der Dreigliederung hinführen. Wir wollen die Freunde unterstützen, die gewisse Probleme ganz konkret aufgegriffen haben. Darüber wird in der Folge berichtet werden.

Ein schweres Hemmnis für unsere Arbeit ist intern begründet. Im Laufe der Jahre sind die Auffassungen über manche sozialwissenschaftlichen Probleme auseinandergegangen. Deshalb müssen wir zunächst die Begriffe klären, um sie richtig anwenden zu können. Unser Korrespondenzblatt wird hier eine wichtige Aufgabe zu erfüllen haben.

[Beiträge, Jahrgang 4, Heft 5-6, Seite III]

 

Es scheint notwendig zu sein, gewisse Ansichten über solche Themen einander gegenüberzustellen, die zu Mißverständnissen führen könnten. Hierher gehört vor allem die Wertbildung im Produktionsbereich, der Zins und das Geld. Wir kommen nicht weiter, bevor diese Begriffe nicht geklärt sind. Wir haben die Absicht, unseren Freunden die Unterschiede ganz klar aufzuzeigen, damit sie sich selbst Urteile bilden können.

Nun ist gerade das neueste Buch von Herrn Professor Folkert Wilken erschienen: „Die Entmachtung des Kapitals durch neue Eigentumsformen“. Es bietet eine willkommene Gelegenheit zu lebhaften sachlichen Diskussionen. Wir werden jeweils gewisse Meinungen nebeneinander veröffentlichen und die Freunde bitten, dazu Stellung zu nehmen.

Die Leser der früheren „Sozialen Zukunft“ wissen, daß Herr Prof. Wilken daran denkt, wenn möglich ein sozialwissenschaftliches Institut zu begründen und darin verschiedenen Freunden Gelegenheit zur Mitarbeit zu geben. Wir unterstützen selbstverständlich diesen Plan und werden uns wieder an Sie wenden, sobald konkrete Möglichkeiten zur Verwirklichung vorhanden sind. Ersprießlich kann ein solches Institut allerdings nur dann arbeiten, wenn die immerhin großen Meinungsverschiedenheiten zu einem gewissen Ausgleich kommen. Dabei wollen wir uns stets daran erinnern, daß es sich vielfach um Detailfragen handelt, die sich verschieden entwickeln können. Niemand war toleranter als Dr. Steiner selbst. Er meinte oft, es komme nicht einmal so sehr darauf an, daß alles gleich richtig verwirklicht werden würde, sondern daß wenigstens die Richtung richtig sei. Das Leben würde manche Umwege schon selbst korrigieren.

Wichtig ist, daß wir uns des geistigen Fundaments der Dreigliederung jederzeit bewußt sind. Mitteleuropa hat seine Aufgabe vergessen. Sie den Menschen wieder zum Bewußtsein zu bringen, ist unsere Pflicht. Sie ist eine doppelte: Nach innen muß das geistige Leben von Grund auf erneuert werden. Es handelt sich für die moderne Menschheit darum, das Reich des Geistes, der Toten, wieder im Bewußtsein zu tragen und die Welt hinter der Schwelle in ihr alltägliches Denken hineinzunehmen. Nach außen schafft die Dreigliederung die Verhältnisse, die sich christlich ausleben müssen. Prägnant formulierte Dr. Steiner diesen Gedanken in einem Zürcher Vortrag am 15. Oktober 1918 „Sozialwissenschaft und religiöses Leben“. Er bezeichnet drei brennende Fragen (Reihenfolge von mir geändert), nämlich

  1. Was vermag Wissenschaft für die höchsten Bedürfnisse des Menschen nach der übersinnlichen Welt zu geben?
  2. Wie kann das ... Verehrungsbedürfnis des Göttlichen in der menschlichen Seele in dem Zeitalter, das ... zur Persönlichkeit gekommen ist, befriedigt werden?
  3. Wie finden wir diejenigen Impulse, welche das soziale Leben gestalten können?

„Die Antwort wird sein müssen, wie dasjenige, was geisteswissenschaftlich gewonnen ist, eine Metamorphose durchmacht, wenn es sich in das Menschenleben einfindet, daß es zum unmittelbar sozialen Leben von Mensch zu Mensch, damit auch zur Konfiguration des Menschengeschlechtes über die Erde hin führen kann.“

Anmerkungen

[1] In großen Zügen geschildert durch Dr. G. Wachsmuth in „Die Geburt der Geisteswissenschaft“, 2.Aufl.
Die bisher ausführlichste Darstellung findet sich bei E. Leinhas, „Aus der Arbeit mit Rudolf Steiner“

[Beiträge, Jahrgang 4, Heft 5-6, Seite IV]

 

Quelle

Beiträge zur sozialen Dreigliederung, Jahrgang 4, Heft 5-6, Dezember 1959, S. I-IV