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Wie kommt Gerechtigkeit in die Wirtschaft?

Johannes Mosmann (11/2010)
 

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Vortrag vom 30.11.10 in der GLS-Bank zum Weihnachts-Treffen der Unterzeichner der Charta „fair und regional“ (Demeter Berlin-Brandenburg, Märkisches Landbrot, Brodowin, LPG-Biomarkt, VIV-Biomarkt u.a., siehe hier: www.fair-regional.de)

Sehr verehrte Anwesende,

Ich wurde eingeladen, um über die Frage zu sprechen, was Gerechtigkeit im Wirtschaftsleben bedeuten kann, was sich hinter dem Wort „fair“ verstecken mag, wenn wir von „fairem Handel“ sprechen, oder wenn wir uns eine Initiative wie „fair und regional“ ansehen. Das ist natürlich ein sehr umfassendes Thema, und ich kann das in der halben Stunde Redezeit, die mir beschieden ist, nur anreissen. Was also ist fair an fairem Handel? Man kann sich ja ganz verschiedene Dinge darunter vorstellen, man kann daran denken, dass der Endkunde im Westen dem Produzenten in der dritten Welt mehr zahlen muss, man kann an eine kleine Gemeinschaft denken, in welcher der Landwirtschaftliche Betrieb durch Mitgliedsbeiträge einer Konsumgenossenschaft getragen wird, wie das bei den CSA der Fall ist, die jetzt aus Amerika zu uns herüberkommen, oder man kann eben, wie Sie es jetzt mit Ihrem Zusammenschluss getan haben, mehr auf das sehen, was in der Wertschöpfungskette geschieht, bevor das Produkt beim Kunden ist, also auf das, was zwischen Produzent, Verarbeiter und Händler geschieht.

Viele Wege werden derzeit erprobt, um mehr Gerechtigkeit, mehr Fairness in unser Zusammenleben zu bringen. Und deshalb muss man alles Schlechte, alles Grausame, das unsere Zeit bringt, nicht verleugnen, um auf der anderen Seite zugeben zu können, dass unsere Zeit auch eine Hoffnung bringt, die neu ist, die so noch nicht da war. Das ist schon etwas neues. Natürlich, es waren schon viele Idealisten mit großartigen Ideen vor uns da. Dabei handelte es sich jedoch meistens um umfassende Gesellschaftsentwürfe, die sich einzelne Köpfe ausgedacht hatten, und die dann irgendwie „eingeführt“ werden sollten. Einzelne Köpfe glaubten, die perfekte Idee für das ganze Zusammenleben aller Menschen zu besitzen, und versuchten dann, diese Idee herauszusetzen in die Wirklichkeit. Aber so eine Idee, einfach umgesetzt, einfach herausgesetzt aus dem Kopf in die Wirklichkeit hinein, ist ein Fremdkörper für diese Wirklichkeit, ist etwas Starres, das nicht verdaut werden kann von dem lebendigen Prozess des sozialen Lebens. So eine Idee wird zu einer Tyrannei für das Leben, und deshalb mussten auch die großen Sozialutopien, von Sozialismus bis Neoliberalismus, zu einer Tyrannei für die Menschen werden.

Bei der Bewegung für solidarisches Wirtschaften handelt es sich um etwas ganz anderes. Da sind sich die Menschen nämlich durchaus im klaren darüber, dass sie ein Innenleben haben, dass Sie ein geistiges Leben haben, und dass dieses geistige Leben zunächst etwas ganz anderes ist als die äußere Wirklichkeit des gegenwärtigen sozialen Prozesses. Sie empfinden deutlich: Auf der einen Seite, da bin Ich mit meinen Idealen, auf der anderen Seite, da ist das gesellschaftliche Leben in seiner gegenwärtigen Form. Beides stimmt nicht überein. Und das besondere ist jetzt, dass in dieser Bewegung für solidarisches Wirtschaften Menschen aktiv werden, die auf den Widerspruch zwischen ihren Idealen und den äußeren Verhältnissen nicht so reagieren, dass sie von Seiten irgendeines Weltgipfels eine Superidee als Gesetz fordern, das dann alle Menschen zwingt, ideale Menschen zu werden. Das gibt es ja leider sehr viel im Augenblick, aber mit der Bewegung für solidarisches Wirtschaften treten jetzt Menschen auf den Plan, die weitsichtiger sind. Diese Menschen empfinden: Ich kann nicht nur in meiner Innenwelt leben, sondern ich bin auch Teil dieses äußeren Lebens. Ich muss mich in dieser äußeren Welt bewegen. Dabei verstoße ich gegen meine Ideale. Nicht wahr, man kann heute gar nicht anders da sein, als so, dass man gegen den idealen Menschen, den man in sich trägt, verstößt. Wenn ich irgendetwas kaufe, dann bezahle ich Mehrwertsteuern, und die Steuern, die werden dann für den Krieg in Afghanistan ausgegeben, oder für die Rettung der Spekulanten. Weil das aber so ist, weil man gar nicht anders kann als da zu sein in dieser Welt und sich in ihr zu bewegen, muss man aber auch die Frage, wie man dem Ideal, das man in sich trägt, gerecht werden kann, ganz anders beantworten. Man muss sich nämlich sagen: Ich kann nicht mit meinem Ideal irgendwie in die Wirklichkeit stoßen, sondern ich muss umgekehrt in der Wirklichkeit mit etwas Realem anfangen, und dieses Reale dann in Bewegung bringen, so dass es sich meinem Ideal annähert. Ich muss die Wirklichkeit irgendwo anfassen, und an mein Ideal heranführen.

Damit ist aber jeder Initiative von vorne herein eine Gefahr in die Wiege gelegt. Je größer die Initiative wird, desto mehr gewinnt auch das, was schon da ist in der Wirklichkeit, an Gewicht. Sagen wir zum Beispiel, da ist folgende Initiative, es treffen sich 3 Menschen und planen eine Veranstaltung. Sie wollen dabei keine Machtstrukturen haben, sie wollen sich ganz frei begegnen. Ja, das können sie wollen, in der Realität sind sie aber in dem Augenblick, da sie sich zusammensetzen, nicht mehr frei. Da sagt der Gesetzgeber nämlich: Ihr seid eine GbR. Man kommt nicht drumherum, dass man sich irgendeine Rechtsform geben muss. In allen Rechtsformen sind nun aber gewisse Formen des Umgangs miteinander angelegt, und zwar solche, die den Idealen der heute lebenden Menschen widersprechen. Alle Rechtsformen, die wir im Augenblick haben, sind Nachbilder vergangener Herrschaftsformen, ich habe das am Beispiel des Eigentums in meinem Artikel Herrschaft eines toten Geistes zu zeigen versucht. Gründen Sie z.B. eine GmbH, dann hat da einer das Recht an dem Arbeitsplatz des anderen, und kann zusätzlich zu seinem Einkommen noch etwas für das bloße Recht haben von seinen Mitarbeitern verlangen. Und die Menschen, die sich in dieser GmbH zusammengefunden haben, vielleicht weil sie mit ihrer Unternehmung gerade dem Ideal der Herrschaftslosigkeit näher kommen wollen, müssen es jetzt schaffen, gegen das zu arbeiten, was in ihrer eigenen Form angelegt ist.

Sie haben, wenn Sie die Wirklichkeit in irgendeinem Punkt anfassen, in dieser Wirklichkeit immer etwas, das eine eigene Dynamik entwickelt, das in eine andere Richtung will, als Sie mit ihren Idealen wollen. Sie wollen in die Zukunft, sobald sie jedoch das wirkliche Leben ergreifen, tragen Sie etwas, das Sie nach unten, in die Vergangenheit ziehen will. Sie können das vergleichen mit dem Menschen, der, um leben zu können, seinen Körper tragen muss. Und der Körper will mit der Schwerkraft zurück zum Staub, will sich mit dem Staub verbinden, während der Mensch sich aufrichtet. So ist das mit jeder sozialen Initiative, mit jeder sozialen Organisation, mit jeder Institution des sozialen Lebens. Da muss man gegen die Schwerkraft der eigenen Institution arbeiten, und muss diese Spannung aushalten.

Darum ist es aber für ein soziales Projekt lebenswichtig, immer wieder zurückzukehren, immer wieder nach Innen zu gehen und sich das Ideal, von dem man ausgegangen ist, zu vergegenwärtigen. Man muss hinausgehen und in der Wirklichkeit untertauchen, und man muss wieder zu sich zurückkommen und sich verdeutlichen, was man eigentlich erreichen will. Und so verstehe ich jetzt meine Aufgabe, dass ich einen kleinen Anstoß dafür gebe, damit Sie in der kommenden Stunde Abstand nehmen können von der konkreten, alltäglichen Arbeit und das Ideal der Gerechtigkeit selber vor sich hinstellen können. Was heisst also Gerechtigkeit im Wirtschaftsleben, was ist ein fairer Handel? Ich muss gestehen, das erste, was ich denke, wenn ich diese Worte höre, ist: da stimmt etwas an der Frage nicht. Ein ganz ungutes Gefühl beschleicht mich zuerst. Das liegt daran, dass ich das Gefühl habe: Wirtschaft und Gerechtigkeit, das sind doch nicht zwei, die man erst zusammentun muss. Handel und fairness, wieso will man die erst noch zusammentun? Ich finde es absurd, wenn ich im Laden stehe, und mich entscheiden soll zwischen einem fair gehandelten Produkt und einem konventionell gehandelten Produkt. Was ist das für eine Entscheidung? Ich entscheide, ob ich einem Menschen, der etwas für mich macht, dafür das gebe, was er eben dafür verlangt, was er verlangen muss, wenn er es mir geben soll, weil er sonst nicht leben kann, oder ob ich ihm nicht gebe, was er für seine Ware verlangt, ob ich sie ihm einfach wegnehme, ohne den Preis zu bezahlen. Die Tatsache, dass es Fair Trade gibt, dass ich zusätzlich zu dem Einkauf noch entscheiden kann, ganz freiwillig, ob ich auch bezahlen will, was ich genommen habe oder lieber nicht, bringt mich an den Rand meines Fassungsvermögens. Ich finde es ganz unerhört, dass ich diese Entscheidungsmöglichkeit überhaupt habe. Wieso liegt die Entscheidung bei mir allein, wieso kann der Mensch, dem ich die Ware unter umständen einfach wegnehme, nicht mitentscheiden? Der Kaffebauer muss geben, ich alleine entscheide, ob ich ihm etwas dafür zurückgebe oder nicht. Also, die Tatsache, dass es so etwas wie Fair Trade gibt, offenbart die ganze Dekadenz unserer Lebensweise. Fair Trade wirft gerade durch die Absurdität, dass das Wirtschaftsleben zusätzlich fair gemacht werden soll, ein Licht auf den Zustand dieses Wirtschaftslebens selber. Und wenn man an dem Sinn von Fair Trade Zweifel hat, so ist das schon eine Antwort: Wenn auch Fair Trade selber möglicherweise nicht ein zukunftsfähiges Modell für die Wirtschaft ist, so macht es doch sichtbar, was sich in Zukunft ändern muss.

Wenn man etwas Prinzipielles über die Wirtschaft sagen will, so kann man ja zunächst, ohne dadurch schon in irgendwelche Diskussionen hineinzukommen, festhalten, dass die Wirtschaft darauf beruht, dass Menschen Leistungen miteinander tauschen. In der modernen, arbeitsteiligen Wirtschaft ist dieser Leistungstausch absolut, niemand ernährt sich von der eigenen Leistung, sondern jeder gibt seine Leistung vollständig ab an andere Menschen, so wie umgekehrt jeder Mensch vollständig davon abhängig ist, dass andere Menschen für ihn das lebensnotwendige erzeugen. In der Wirtschaft ist zunächst, wenn man sich an ihr ureigenes Prinzip hält, nicht der Egoismus, sondern der Altruismus angelegt. Und wenn man von diesem reinen Leistungstausch ausgeht, so ist es doch verwunderlich, wie es möglich ist, dass Menschen so tauschen, dass einer mehr hergibt, als er hergeben will, und ein anderer das nimmt, und weniger dafür gibt, als er geben muss, weil es verlangt wird. Wie ist das möglich, wie ist die Ungerechtigkeit überhaupt möglich? Ich habe also die die Frage auf den Kopf gestellt. Ich frage zuerst nicht, wie Gerechtigkeit in die Wirtschaft kommt, sondern ich frage: Wie kommt die Ungerechtigkeit in die Wirtschaft, wie ist der Egoismus möglich? Und dieser Frage bin ich in den letzten Jahren nachgegangen.

Ich bin zu dem Ergebnis gekommen, dass wir in dieser Ungerechtigkeit zwar etwas haben, das uns im Wirtschaftsleben entgegentritt, dass die Ursachen der Ungerechtigkeit aber nicht nur innerhalb des Wirtschaftslebens selber liegen, sondern auch in Rechtsleben und Kulturleben. Wenn Sie z.B. der Frage nachgehen, wie es möglich ist, dass der Bauer in Äthiopien den Kaffe für 1 Euro Tagesgehalt hergeben muss, während er gleichzeitig das Kilo Hirse, mit dem er sich und seine Familie ernähren muss, für 1,30 Euro kaufen muss, und also wie ein Tier leben muss, damit wir in unseren Luxusmöbeln herumsitzen und Kaffe schlürfen können, dann kommen Sie zuletzt darauf, dass auf rechtlicher Ebene dafür gesorgt wird, dass eine Ungleichheit entsteht, dass einer die Staatsgewalt auf seiner Seite hat, und der andere sie gegen sich hat. Da kommen Sie auf Machtverhältnisse. Insbesondere durch das aus dem römischen Patriarchat importierte Eigentumsrecht, das auf Afrika übertragen wird, wird zunächst für eine Ungleichheit vor dem Recht gesorgt. Diese Ungleichheit wirkt bis in die Ebene herunter, auf der die angeblichen Vertreter der Gleichheit miteinander verkehren, in das politische Tagesgeschäft hinein. Der Boden in Äthiopien ist Staatsbesitz. Die Bundesregierung erpresst jedoch die Äthiopische Regierung, den Boden herauszurücken, das Recht preiszugeben, denn Äthiopien braucht Hilfsgüter und Wissen, Technologie vom Westen. So kommt es, dass jetzt überall in Äthiopien Blumen, Getreide, Kaffe usw. angebaut werden, von Deutschen, Saudis und Israelis, und die Äthiopier eben auf dem Boden als Sklaven gehalten werden.

Man kann die Frage nach der Ursache der Ungerechtigkeit nur beantworten, wenn man alle 3 Bereiche des menschlichen Lebens beobachtet. Ihre Initiative ist eine rein wirtschaftliche Initiative, und deshalb will ich jetzt mehr von den rein wirtschaftlichen Fragen sprechen, aber es ist eben wichtig, dass wir im Bewusstsein behalten, dass die Bedingungen für einen fairen Handel nicht auf wirtschaftlichem Gebiet alleine zu suchen sind, sondern auch auf rechtlichem und auf kulturellem Gebiet. Sie sind ja zum Beispiel angewiesen darauf, dass Ihnen der Boden, auf dem Sie das Getreide anbauen, nicht weggenommen wird, nicht weggekauft wird. Auch wenn die Besitzverhältnisse es zulassen, dass die Pacht hochgetrieben wird, dann laufen Ihre Versuche auf rein wirtschaftlichem Gebiet ins Leere.

Ebenso wie von der Entwicklung auf rechtlichem Gebiet ist die Fairness in der Wirtschaft aber auch abhängig von der Entwicklung auf kulturellem Gebiet. „fair und regional“ baut ja letztendlich darauf, dass Menschen sich ein gewisses Menschenbild aneignen, dass Sie anfangen, sich für andere Menschen zu interessieren, dass sie anfangen, sich auch für das Verhältnis von Mensch und Natur zu interessieren. Der Faire Handel ist also auch abhängig von etwas, was auf kulturellem Gebiet zu leisten ist, von der Bildungsfrage. Man wird sich bemühen müssen, Menschen so zu erziehen, dass sie ein Interesse aneinander haben wollen, dass sie Verständnis für die besonderen Bedürfnisse, Fähigkeiten und Neigungen des anderen entwickeln können, wenn auf wirtschaftlichem Gebiet Gerechtigkeit möglich sein soll. Die Hürden, die wir da im Bildungsbereich zu nehmen haben, sind keineswegs geringer als die Hürden in der Wirtschaft selber oder auf rechtlichem Gebiet. Denn die Bildung ist unfrei. Sie wird beherrscht von den Mächten, die eben die Ungerechtigkeit wollen. Die Menschen können nicht frei forschen, sie können sich nicht frei bilden, weil der Bildungsbereich abhängig ist von Staats- und Wirtschaftsmacht. Da wird eine Studie in Auftrag gegeben über Gentechnik, oder über den Mehrwert von Bio, oder eben über Fair Trade, nicht weil man die Wahrheit herausfinden möchte, sondern weil man die eigene Macht stärken möchte. Wir dürfen uns da keinen Illusionen mehr hingeben: das Bildungswesen ist weitgehend in der Hand der Mächte, die am allerwenigsten an Gerechtigkeit, an Fairness interessiert sind. In Köln gibt es zum Beispiel die INSM, ein neoliberaler Think Tank, der im wesentlichen aus den Gewinnen aus den Besitzverhältnissen in der Metallindustrie finanziert wird. Dieser Think Tank beliefert Zeitschriften wie die Frankfurter Allgemeine mit „Nachrichten,“ beliefert die Schulen mit Schulbüchern, die Parteien mit Parteiprogrammen und Fernsehserien wie zum Beispiel Marienhof mit Dialogen.

Das macht es so schwierig, das wirklich wirtschaftliche Element zu sehen. Auf der einen Seite haben wir in der Realität nirgendwo rein wirtschaftliche Vorgänge gegeben, sondern überall mischen sich Rechtsverhältnisse, Vorrechte der verschiedensten Art hinein. Auf der anderen Seite können wir die Wirtschaft nicht ungefiltert anschauen, sondern wir schauen sie ja nach der Art an, wie es uns durch das Bildungswesen anerzogen wurde. Und es wurde uns eben anerzogen, ein ganz bestimmtes Bild von der Wirtschaft zu zeichnen, in die Wirtschaft hineinzuprojizieren. Das ist das Bild des Homo Oeconomicus, des Menschen, der erstens nur an sich selber denkt, der sich nicht für seine Mitmenschen interessiert, der aber zweitens auch gar nichts von seinen Mitmenschen wissen kann, weil er bewusstseinsmäßig vollständig von ihnen abgeschnitten ist. Er kennt nur den Preis der Ware, er weiß aber nichts davon, wie dieser Preis zustande kommt, wie es den Menschen geht, die die Ware hergestellt haben. Das ist das Bild, das wir zur ungeprüften Vorraussetzung jeder Betrachtung über das Wirtschaftliche machen. Aber deshalb sind diese Betrachtungen eigentlich zutiefst unwissenschaftlich. Der Homo Oeconomicus hat seinen Ursprung ja in der Theologie, er hängt zusammen mit einer gewissen biederen Frömmigkeit, mit der Idee, dass der Mensch sich nicht anmaßen darf, viel wissen zu wollen, weil das Leben ja schließlich von der unsichtbaren Hand Gottes gelenkt werde.

Der autistische Mensch, der nur sich selber im Blick hat, der möglichst viel bekommen und dafür möglichst wenig geben will, aber nichts wissen will von seinen Mitmenschen, wurde zum Grundstein unserer Gesellschaft gemacht. Sie wissen ja vielleicht, wer die Gründerväter der sozialen Marktwirtschaft sind, das sind Franz Böhm, Alexander Rüstow, Walter Eucken und andere, also die Begründer des Neoliberalismus. Die Gründer der sozialen Marktwirtschaft sind identisch mit den Begründern des Neoliberalismus. Ich weiß, heute verwechselt man den Neoliberalismus meistens mit dem amerikanischen Imperialismus oder mit dem amerikanischen Neo-Konservatismus, aber das ist eben nur ein Beispiel dafür, wie vollständig es den Neoliberalen gelungen ist, das Denken der Menschen zu beherrschen.

Ich habe mich gründlich mit den Schriften der Neoliberalen Theoretiker auseinandergesetzt, die die soziale Marktwirtschaft errichtet haben, der sich ja sämtliche Parteien verschreiben müssen, wollen sie nicht als Verfassungsfeinde gelten. Der Neoliberalismus geht zunächst von der Unmöglichkeit aus, dass die Teilnehmer der Wirtschaft etwas voneinander wissen können. Deshalb steht er vor der Frage: wie kann dann Ordnung in das Chaos kommen, wenn keiner etwas von dem anderen wissen kann? Es ist sehr interessant, das zum Beispiel bei Walter Eucken nachzulesen. Eucken schreibt, wie früher der Familienvater überblicken konnte, wer was braucht, wer welche Fähigkeiten hat, und deshalb ein Urteil fällen konnte in der Frage, ob es besser für das Wohl aller ist, wenn der Sohn Holz hackt, oder wenn er Getreide anbaut. Das hat er geschrieben. Und dann hat er geschrieben: Auch in der Weltwirtschaft sind alle davon abhängig, dass jeder an der richtigen Stelle steht, dass genau die richtige Menge von allen Gütern produziert wird, nur ist die Wirtschaft so ein großes Geflecht geworden, dass das keiner mehr überblicken kann. Und dann kommt die eigentliche neoliberale These: also braucht es ein Ordnungssystem, das das Urteil des Familienvaters ersetzt. Das ist dann zum Beispiel die Ordo. Also: die Menschen können nichts voneinander wissen, also denkt sich Walter Eucken das richtige System für sie aus, damit die Wirtschaft kein Chaos wird. So ist die soziale Marktwirtschaft entstanden, und so sind überall in der Welt, ausgehend von Deutschland, neoliberale Denkfabriken eingerichtet worden, die den Menschen die Idee für das perfekte Wirtschaftssystem eintrichtern sollten. Nun, es ist doch ein Chaos geworden. Noch nie sind so viele Menschen verhungert wie heute, im letzten Jahr waren es ungefähr 30 Millionen Menschen, die einen qualvollen Hungertod sterben mussten, auch Menschen, die für den Weltmarkt gearbeitet haben. Woran liegt das? Nun, das hängt damit zusammen, dass man, wenn auf der einen Seite glaubt, die Menschen wollen und können nichts voneinander wissen, dann aber auf der anderen Seite noch weiterdenken will über die Wirtschaft, dass man das dann gar nicht mehr kann. Man kann unter dieser Prämisse nicht weiterdenken, das ist eine Unmöglichkeit. Dann kommt man nämlich nicht zu einem richtigen Urteil über die Wirtschaft, weil ein einzelner Mensch gar nicht zu einem Urteil über die Wirtschaft kommen kann. Das ist sachlich begründet, in der Wirtschaft selber, in ihrer Natur. In dem Augenblick, da Sie die Unmöglichkeit, etwas von den Menschen zu wissen, mit denen Sie durch Arbeit und Konsum verbunden sind, zur Prämisse machen, ist jeder Gedanke, der sich dann weiter daran knüpft, notwendig kein sachliches Urteil mehr, sondern Ideologie. Warum ist das so?

Nun, Sie brauchen nur dem nachzuspüren, was Sie selber empfinden, wenn Sie sehen, wie ich hier stehe und mir Gedanken über die Wirtschaft mache. Manche von Ihnen empfinden sicher, dass da was nicht stimmt. Sie empfinden das vielleicht sogar als anmaßend, dass ich mich hier vor Sie hinstelle und über Wirtschaft rede, zu Ihnen, die Sie allesamt unmittelbar produktiv im Wirtschaftsleben stehen. Nun, ich hoffe, dass Sie so empfinden, denn damit empfinden Sie genau das Richtige. Es kann nämlich unmöglich sein, dass ich zu einem richtigen Urteil über den Wirtschaftsprozess gekommen bin.

Was müsste ich nämlich wissen, um ein richtiges Urteil über den Wirtschaftsprozess zu fällen, um zu wissen, was heute für unser Wohlergehen von morgen die richtigen Maßnahme sind? Nun, ich müsste zum Beispiel wissen, welcher Preis sich an einer bestimmten Stelle, sagen wir, zwischen einem Händler und einem Landwirt einstellt, und um wie viel das Brot beim Kunden dadurch teurer oder billiger werden muss. Dann müsste ich wissen, ob es Menschen gibt, die bei diesem Preis noch ein Bedürfnis für dieses Brot entwickeln, ob es dann nicht vielleicht sein kann, dass sie es gar nicht kaufen wollen, und also weder Landwirt noch Händler den Preis bekommen, den sie zum Leben brauchen. Und dann muss man bedenken, dass sich ja jeden Tag ändert, was der Landwirt zum leben braucht. Das Preisgefüge ändert sich unaufhörlich, denn es hängt ja vom echten Leben ab, von dem, was der Landwirt heute braucht und was er morgen braucht, das ist dynamisch. Es hängt auch davon ab, ob die Bodenqualität besser wird oder schlechter wird. Auch damit ändert sich der Preis, den der Landwirt für sein Getreide nehmen muss. Es hängt von ganz vielen Faktoren ab, die nur der Landwirt kennen kann und sonst keiner. Wie könnte ich also davon wissen? Nun, allein dadurch, dass ich Landwirt bin. Nur der Landwirt selber kann das wissen. Ich müsste also in den Landwirt hineinschlüpfen, bitte verzeihen Sie dieses Bild. Ich müsste in den Landwirt hineinschlüpfen, um zu wissen, was nur der Landwirt selber wissen kann, weil er eben auf dem entsprechenden Boden ist und ihn bearbeitet und nicht ein anderer. Aber ebenso müsste ich in den Händler hineinschlüpfen, denn der Händler lebt davon, dass er weiß, was er wo zu welchem Preis und auf welche Art verkaufen kann. Davon kann ich nur etwas wissen, wenn ich selber dieser bestimmte Händler bin. Und so müsste ich auch in den Verarbeiter hineinschlüpfen. Und letztendlich muss ich dann noch in den Kunden hineinschlüpfen, ich müsste wissen, was der Konsument haben will, was er braucht, und ob er es noch zu diesem Preis haben will.

Um zu einer wahren Aussage über den Wirtschaftsprozess zu kommen, müsste ich also aus meiner Haut fahren. Eine totale Kenntnis des Wirtschaftsprozesses würde zwangsläufig erforderlich machen, dass ich aus meiner Haut fahre, und in allen Menschen drinnen stecke, die an der Wertschöpfung beteiligt sind. Denn nur die Menschen, die jeweils mit der konkreten Sache verbunden sind, die zum Beispiel eben die Fähigkeiten haben, die man braucht, um ein guter Landwirt sein, und die nicht nur die Fähigkeiten haben, sondern tatsächlich das betreffende Land bewirten, dieses Land kennen, können zu einem richtigen Urteil über den möglichen Ertrag, den möglichen Erzeugerpreis usw. kommen. Und nur der jeweilige konkrete Mensch kann auch wissen, was er selber braucht, was seine Bedürfnisse sind, was er nehmen muss für seine Leistung. Und es ist ja klar, das man das fortführen muss zu jedem beliebigen Produzenten jeder beliebigen Branche.

Sie werden es ahnen: Es ist mir bislang nicht gelungen, aus meiner Haut zu fahren. Obwohl ich es manchmal gerne möchte. Aus der Haut fahren möchte ich, wenn ich sehe, wie diese Tatsache ignoriert wird. Die Tatsache, dass man als Mensch eben an einer bestimmten Stelle, in einem ganz bestimmten Zusammenhang stehen muss, um ihn richtig beurteilen zu können, der ganze Wirtschaftsprozess aber das Zusammenwirken all dieser Menschen mit ihren Einzelurteilen ist, und dass deshalb ein einzelner schlauer Kopf gar nicht etwas richtiges sagen kann über den ganzen Wirtschaftsprozess, diese Tatsache wird ignoriert, so dass wir auf der einen Seite die Realität des Wirtschaftslebens haben, und auf der anderen Seite die ausgedachten Systeme, die Theorien über die Wirtschaft, in deren Namen dann von politischer Seite her äußerlich herumgepfuscht wird an der Wirtschaft. So etwas Fundamentales wie den Preis zum Beispiel, das denkt man sich als das Ergebnis eines Mechanismus, von dem man nur den Bauplan kennen muss, damit ihn dann irgendein Beamter steuern kann, so wie er seinen Privatwagen steuert. Die Wirtschaft ist aber eben kein Privatwagen, sondern ein lebendiger Prozess, der dadurch bewegt wird, dass die Sachkenntnisse lauter einzelner Menschen zusammenwirken, und dass diese Sachkenntnisse dann wiederum auf die Bedürfnisse einzelner Menschen treffen, die etwas lebendiges sind, und auf die Natur, die ja auch etwas lebendiges ist. Das ist etwas fluktuierendes, dynamisches. Wollte jemand das steuern, so müsste er zu allererst fühlen, was jeder einzelne fühlt, wahrnehmen, was jeder einzelne wahrnimmt, und wollen, was jeder einzelne will. Und weil das unmöglich ist, bin ich nach langem Nachdenken zu dem Ergebnis gekommen, dass ich mir das beste Wirtschaftssystem doch nicht werde ausdenken können.

Nun, aber - auch das ist ja eine Erkenntnis, und nur weil sie von einem gewissen Standpunkt gesehen unbefriedigend ist, kann man sich ja nicht vor dieser Erkenntnis drücken. Die Wirklichkeit ist eben einfach so. Sobald man sich aber dazu durchgerungen hat, zuzugeben, wie man mit seinem Denken über die Wirtschaft scheitern muss an der Realität des Wirtschaftlichen selber, wenn man die marxistischen, marktwirtschaftlichen oder liberalen Ideen endgültig ad Akta legt, weil man einsehen muss, wie alles Nachdenken über die Wirtschaft von vorne herein eigentlich ein Selbstwiderspruch ist, weil der Wirtschaftsprozess niemals in einer Idee aufgehen kann, dann hat auch das eine Konsequenz. Was hat das dann nämlich für eine Konsequenz?

Nun - es hat die Konsequenz, dass man gar nicht mehr selber alles beurteilen will, sondern sich anstrengt, dass das Urteil der Menschen Geltung findet, die es eben beurteilen können. Es hat die Konsequenz, dass man sich nicht damit beschäftigt, selber das Schlaueste zu sagen über die Wirtschaft, sondern dass man in der Realität die Möglichkeit schafft, dass die Sachkenntnisse zum Tragen kommen, dass die vielen beschränkten Urteile zusammenkommen können, kommuniziert werden können, damit aus dem Zusammenwirken der Einzelurteile sichtbar wird, was praktisch möglich ist. Es hat die Konsequenz, dass man aufhört, ein Homo Oeconomicus zu sein und damit beginnt, die Fähigkeiten und die Bedürfnisse seiner Mitmenschen wahrnehmen zu wollen. Das ist die Konsequenz, sobald man nicht mehr mit dem Kopf durch die Wand will, dass man den Homo Oeconomicus abschafft, in dem man die für die Möglichkeit eines gegenseitigen Wahrnehmens sorgt. Die Konsequenz ist, dass man den Homo Oeconomicus real abschafft, indem man sich eben doch füreinander interessiert. Und das haben Sie jetzt gemacht. Sie alle sind auf die eine oder andere Art unmittelbar wirtschaftlich produktiv, manche von Ihnen sind Landwirte, manche sind Händler, andere Verarbeiter, Unternehmer sind Sie alle auf die eine oder andere Art. Und sie sprechen jetzt miteinander, sie besuchen sich gegenseitig, und versuchen herauszufinden, welche Preisverhältnisse für alle Beteiligten möglich sind. Die Getreidepreise sind hochgegangen, und wie ich im Märkischen Boten lesen konnte, haben Sie darauf so reagiert, dass Sie jetzt nicht einfach nur die Marktpreise zum Masstab genommen und so auf das Einkommen der Verarbeiter und Händler gedrückt haben, sondern sie haben versucht, die tatsächlichen Kosten der landwirtschaftlichen Produktion zum Ausgangspunkt zu nehmen, und einen Mittelweg zwischen den Interessen der Landwirte und den Interessen der Händler und Verarbeiter zu finden, mit dem alle Beteiligten leben können. Sie sind miteinander ins Gespräch gekommen, sie fangen an, sich füreinander zu interessieren. So kann man das machen, so kann man die Wirklichkeit anpacken und sie an das Ideal der Gerechtigkeit, an die Fairness heranführen.

Sobald das Vorurteil vom Homo Oeconomicus abgeschafft, sind aber auch alle Theorien abgeschafft, denn dann gibt es nichts mehr zu theoretisieren. Dann verliert der Aberglaube von der unsichtbaren Hand, die unsere Geschicke lenkt, der ja selbst dem Parteiprogramm der Grünen das Gepräge gibt, allmählich an Anziehungskraft. Und dann gibt es schon etwas zu denken, dann gilt es nämlich die Frage zu beantworten, wie dieses gegenseitige Wahrnehmen praktisch hergestellt werden kann. Sie haben ja auf Ihrer Webseite geschrieben, das alle Beteiligten entlang der Wertschöpfungskette miteinander ins Gespräch kommen müssen. Ich denke, das ist ein praktischer Gedanke. Sie haben das natürlich bislang noch nicht vollständig verwirklichen können, Sie haben einen Teil der Wertschöpfungskette abgebildet, aber eben noch nicht alle Beteiligten der Wertschöpfungskette an ihrem Tisch. Ich zum Beispiel sitze ja noch nicht an Ihrem Tisch, obwohl ich Teil der Wertschöpfungskette bin. Ich bin einer Ihrer Kunden. Trotzdem wurde ich bislang nicht von Ihnen dazu eigeladen, Mitglied im Bund „fair und regional“ zu werden und dort Einfluss auf die Preisgestaltung zu nehmen. Als Konsument gehöre ich jedoch ebenfalls zur Wertschöpfungskette dazu, denn wenn nicht die Bewertung durch den Konsumenten da ist, hat ja eine Wertschöpfung überhaupt nicht stattgefunden. Das Urteil des Konsumenten, was er braucht und welchen Preis er dafür bezahlen kann, muss ebenfalls gehört werden, wenn an die Stelle der Spekulation die Sachkenntnis treten soll. Im Augenblick haben Sie den Konsumenten nur indirekt drinnen in „fair und regional“, nur als Mutmaßung gewissermaßen, eben als Homo Oeconomicus.

Wollen Sie alle Sachurteile, die für eine richtige Entscheidung gebraucht werden, zusammenbekommen, müssen Sie natürlich in Zukunft danach streben, Vertreter der Konsumenten mit hereinzunehmen in Ihre Gespräche. Dann sind zwei Szenarien denkbar. Erstens ist denkbar, dass Sie auch für höhere Preise das Verständnis gewinnen können, dass sogar so etwas wie eine Abnahme-Garantie entsteht. Dann sind Sie einen Schritt weiter als die großen Fair Trade Organisationen. Sie wissen ja vielleicht, dass die vielen Produzenten schon lange keine fairen Preise mehr bezahlen können. Was zum Beispiel für Kaffe im fairen Handel bezahlt wird, ist, obwohl es noch über dem Marktpreis liegt, so wenig, dass manche Kaffebauern tatsächlich Hunger leiden. Der Grund ist einfach der, dass der Fair Trade Konsument auch nur einen bestimmten Preis bezahlen kann. Und deshalb gehört der Konsument schon dazu, den müssen Sie früher oder später als aktives Mitglied mit reinnehmen, wenn Sie sich vom Ideal der Gerechtigkeit nicht wieder entfernen wollen.

Es ist aber auch noch ein anderes Szenario denkbar. Das Urteil des Konsumenten kann auch anders ausfallen. Sie haben ja vielleicht die Demonstranten gehört, die neulich vor dem LPG-Markt in der Kollwitzstraße gestanden haben. „Wir wollen gesunde Lebensmittel für alle!“ haben diese Demonstranten gerufen. Dann haben sie im LPG-Biomarkt Handzettel verteilt und darauf hingewiesen, dass sie zu den 40% der Berliner gehören, die sich die Produkte von „fair und regional“ nicht leisten können, die gezwungen sind, bei Lidl einzukaufen, und sich dann von der Schickaria in Prenzlauer Berg, die Designerschuhe in der dritten Welt produzieren lässt und sich deshalb Bio leisten kann, auch noch anhören müssen, es sei unsozial, bei Lidl einzukaufen. Handelt es sich wirklich um einen Zusammenschluss entlang der Wertschöpfungskette, dann muss auch dieses Urteil Geltung bekommen. Man braucht sich dabei nicht vor der scheinbaren Patt-Situation fürchten, dass auf der einen Seite der Landwirt einen höheren Preis nehmen will, der Konsument aber nur einen niedrigeren Preis bezahlen kann. Dieser scheinbare Widerspruch lässt sich nämlich lösen, wenn man das wirklich macht, wenn man den Konsumenten wirklich hereinholt, denn dann sieht man erst, dass der Konsument ja nicht nur Konsument ist, sondern auch Produzent von etwas, das der Landwirt seinerseits in Anspruch nimmt. Wenn Sie den Konsumenten, vielleicht über eine Vertretung, mit drinnen haben, dann kommen allmählich auch die Preise derjenigen Leistungen ins Gespräch, die ihre Konsumenten hervorbringen. Man wird sehen, dass es letztendlich ganz das selbe ist, ob Sie Konsumenten mit Produzenten assoziieren, oder eben alle Produzenten miteinander, weil eben jeder Produzent zugleich Konsument von irgendetwas ist und umgekehrt. Das wäre dann erst ein Gespräch, das wirklich zu Gerechtigkeit im Biohandel führen könnte. Aber man muss eben irgendwo anfangen, und man kann zum Beispiel so anfangen, dass man in ihren Produzenten- und Händlerzusammenschluss den Konsumenten mit hereinnimmt. Sie können natürlich nicht alle Ihre Kunden an einen Tisch bekommen, das ist ja klar, aber Sie können jemanden hereinnehmen, der die Kunden vertritt, der diese auch vertreten kann, weil er sein Einkommen nicht im Biohandel erwirtschaften muss, sondern gegenüber dem Biohandel bloß ein reiner Konsument ist. Das müsste man sich natürlich genauer ansehen, und ich würde mich sehr gerne mit Ihnen darüber unterhalten, wie das genau gehen kann.

Jetzt steht Weihnachten vor der Tür, und da laufen die Menschen wieder herum und haben die Idee der Brüderlichkeit im Kopf. Im Kopf hat man die Idee lieb, aber man hat es nicht gerne, wenn man mit der Brüderlichkeit auf den Boden kommen soll. Ideell kann aber die Brüderlichkeit gar nicht vorhanden sein. Sie kann nur vorhanden sein, wenn Realitäten geschaffen werden, durch die die Menschen, die sich die Wertschöpfung teilen, gegenseitig wahrnehmen können, denn können sie sich nicht wahrnehmen, haben sie gar keine andere Wahl, als egoistisch zu handeln. Deshalb ist Ihre Initiative so wichtig. Sie schafft erst die Möglichkeit, unegoistisch zu sein. Da wird der Ideologie einfach eine Realität entgegengesetzt. Das stellen Sie wirklich hin. Wir müssen daneben noch die Gleichheit vor dem Recht hinstellen, und wir müssen die Freiheit im Geist hinstellen, ebenso wirklich, ebenso real, nicht als Ideen. Damit befasse ich am Institut für soziale Dreigliederung, und daher kommt der Name des Instituts. Vielleicht können wir darüber miteinander miteinander ins Gespräch kommen, und wenn Sie außerdem Wert auf mein Urteil als Konsument legen, dann bin ich gerne bereit, das, was nur Sie richtig beurteilen können, um das zu ergänzen, was nur ich als Konsument richtig beurteilen kann.

Weiterführende Literatur:

  • Johannes Mosmann: Wie kann die Menschenarbeit ihre Bestimmung finden? Enthält eine genaue Beschreibung einer assoziativen Struktur! Erstmals erschienen in Die Drei 6/2010, kostenlos abrufbar unter: www.dreigliederung.de/assoziation
  • Johannes Mosmann: Die neoliberale Dialektik und das anthroposophische Wirtschaftsmodell. Enthält eine genaue Beschreibung einer assoziativen Struktur! Kostenlos abrufbar unter: www.dreigliederung.de/assoziation
  • Rudolf Steiner: Die Kernpunkte der sozialen Frage. Kostenlos abrufbar unter www.dreigliederung.de/steiner/online


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