Politisierung durch Materialisierung der Sprache

Quelle: GA 224, S. 195-197, 3. Ausgabe 1992, 23.05.1923, Berlin

Was ein Mensch, der sozusagen ganz im Materialismus der Sprache lebt, mit dem Einschlafen hinüberträgt in die geistige Welt, das bringt ihn merkwürdigerweise in ein schwieriges Verhältnis zur Erzengel-Welt, zur Welt der Archangeloi, in die er ja kommen soll jede Nacht zwischen Einschlafen und Aufwachen; während der, der den Idealismus der Sprache sich bewahrt, der da weiß, wie in der Sprache der Sprachgenius lebt, in das notwendige Verhältnis zur Hierarchie der Archangeloi, namentlich zu demjenigen der Archangeloi, dem er selbst zugeordnet ist in der Welt zwischen dem Einschlafen und Aufwachen, kommt. Ja, dies drückt sich selbst in den äußeren Welterscheinungen aus. Warum suchen denn die Menschen heute so krampfhaft ein äußeres Verhältnis zu den Nationalsprachen? Warum kam denn dieses furchtbare Unglück über Europa, das Woodrow Wilson für ein Glück gehalten hat - aber der ist halt eben ein kurioser Illusionär gewesen -, warum kam denn dieses große Unglück über Europa, daß die Freiheit verbunden ist mit dem krampfhaften Ergreifenwollen der kleinsten Nationalsprachen? Weil die Menschen in Wirklichkeit äußerlich krampfhaft ein Verhältnis suchen, das sie nicht mehr haben im Geistigen: denn einschlafend haben sie nicht mehr das naturgemäße Verhältnis zur Sprache - und deshab auch nicht zu der Hierarchie der Archangeloi! Und die Menschheit wird sich wiederum zurückfinden müssen zu der Durchdringung des ganzen Sprachlichen mit Idealismus, wenn sie nicht den Weg in die geistige Welt verlieren will.