Richtiges Zusammenwirken durch Dreigliederung statt Dreiteilung

Quelle: GA 341, S. 086-088, 3. Ausgabe 1986, 05.08.1922, Dornach

Einwände werden genannt, die gegen die Dreigliederung erhoben werden: Es sei unmöglich, die Trennung der drei Glieder durchzuführen. Aufgabe der Dreigliederung könnte es nicht so sehr sein, aufzubauen, als vielmehr negativ dort, wo schädliche Einwirkungen der drei Gebiete aufeinander bestehen, diese voneinander zu trennen und darin die Arbeit bewendet sein zu lassen. Besonders unter den Grenzen der drei Gebiete könnte man sich gar nichts vorstellen. Das Wirtschaftsleben würde dadurch beschränkt auf das, was man Technik nennt.

Rudolf Steiner: «Das Denken der Menschen, die diesen Einwand machen, ist nicht genügend durchgebildet. Wie das überhaupt der Hauptschaden ist, daß unsere heutigen Lehranstalten das Denken viel zu wenig durchbilden. Die Menschen können sich nur Begriffe bilden, die sie hübsch nebeneinander lagern. Aber schon beim menschlichen dreigegliederten Organismus hat man dieselbe Sache. Wenn Sie den Augennerv nehmen, so gehört er in das Nerven-Sinnessystem; aber der könnte natürlich nicht bestehen, wenn er nicht, namentlich im Schlaf, vom Ernährungssystem aus, vom Stoffwechselsystem aus ernährt würde, wenn also nicht in ihm Ernährungsprozesse vor sich gehen würden und wenn nicht auch fortwährend durch den Rückenmarkskanal die eingeatmete Luft in den Sehnerv ginge und da auch ein Zirkulationsprozeß stattfände. So daß also im menschlichen Organismus irgend etwas eben bloß hauptsächlich dem Sinnes-Nervensystem angehört oder dem Ernährungs- oder dem rhythmischen System.

So auch im sozialen Organismus. Es ist notwendig, daß im wirtschaftlichen Organismus die anderen zwei Systeme hineinspielen. Aber bei alldem bleibt es doch richtig, daß im wesentlichen das Sinnes-Nervensystem nach dem Kopf zu liegt, und daß die Kopfernährung und Kopfatmung von einer anderen Instanz bewirkt werden. Gerade dadurch wird im richtigen Sinn dieses Zusammenwirken bestehen, daß diese drei Instanzen geschaffen werden. Ich habe mich immer gesträubt, daß man von einer Dreiteilung spricht. Es handelt sich um die Frage: Wie haben sich die drei Glieder, die ohnedies vorhanden sind, in naturgemäßer Weise zueinander zu stellen, damit sie entsprechend aufeinander wirken können? Der geistige Organismus wird im wesentlichen auf die Freiheit gestellt sein. Aber in den geistigen Organismus wird natürlich auch das Wirtschaftsleben hineinwirken müssen, sonst hätten die Professoren nichts zu essen. Das wird aber gerade richtig hineinwirken, wenn es von einer anderen Instanz aus geschieht, so daß man es nötig hat, nach einer gewissen Richtung hin auszubauen einen Wirtschaftsorganismus, nach einer anderen Richtung auszubauen einen geistigen Organismus und dann den staatlich-juristischen « Organismus ». Nur die machen hier Einwendungen, die sich diese Dreigliederung als Teilung vorstellen. Daß dieses reichlich geschehen ist, ist bekannt. Ich habe bei einem Interpreten gefunden, daß er Vorträge gehalten hat über die drei Parlamente im sozialen Organismus. Wer sich die Sache so vorstellt, der stellt sich eine Unmöglichkeit vor, denn ein Parlament kann es nur im Staate geben, nicht im freien Geistesleben. Da kann es nur die einzelne Individualität geben, die ein Netz von selbstverständlicher Autorität schafft. Auf wirtschaftlichem Gebiet kann es nur Assoziationen geben. Im Parlament werden schon alle Funktionen zusammenrinnen, und es werden die richtigen Maßregeln geschehen zwischen den einzelnen Gliedern des sozialen Organismus.