Wirtschaftsleben muß zukünftige Bedürfnisse befriedigen

Quelle: GA 340, S. 082-083, 5. Ausgabe 1979, 29.07.1922, Dornach

Ich habe also in den « Kernpunkten der sozialen Frage » als Formel das Folgende angegeben: Ein richtiger Preis ist dann vorhanden, wenn jemand für ein Erzeugnis, das er verfertigt hat, so viel als Gegenwert bekommt, daß er seine Bedürfnisse, die Summe seiner Bedürfnisse, worin natürlich eingeschlossen sind die Bedürfnisse derjenigen, die zu ihm gehören, befriedigen kann so lange, bis er wiederum ein gleiches Produkt verfertigt haben wird. Diese Formel ist, so abstrakt sie ist, dennoch erschöpfend. Es handelt sich ja beim Aufstellen von Formeln eben darum, daß sie wirklich alle konkreten Einzelheiten enthalten. Und ich meine, für das Volkswirtschaftliche ist diese Formel wirklich so erschöpfend wie, sagen wir, der Pythagoräische Lehrsatz erschöpfend ist für alle rechtwinkeligen Dreiecke. Nur handelt es sich darum: ebenso wie man in diesen hineinbringen muß die Verschiedenheit der Seiten, so muß man unendlich viel mehr in diese Formel hineinbringen. Aber das Verständnis, wie man in diese Formel den ganzen volkswirtschaftlichen Prozeß hineinbringt, das ist eben Volkswirtschaftswissenschaft.

Nun möchte ich heute gerade ausgehen von einem ganz Wesentlichen in dieser Formel. Das ist das, daß ich nicht hinweise in dieser Formel auf dasjenige, was vergangen ist, sondern auf dasjenige, was eigentlich erst kommt. Ich sage ausdrücklich: Der Gegenwert muß die Bedürfnisse in der Zukunft befriedigen, bis der Erzeuger wiederum ein gleiches Produkt verfertigt haben wird. Das ist etwas ganz Wesentliches in dieser Formel. Würde man einen Gegenwert verlangen für das Produkt, das er schon fertig hat, und dieser Gegenwert sollte entsprechen irgendwie den wirklichen volkswirtschaftlichen Vorgängen, so könnte es durchaus passieren, daß der Betreffende einen Gegenwert bekommt, der seine Bedürfnisse, sagen wir, nur zu fünf Sechsteln der Zeit befriedigt, bis er ein neues Produkt hergestellt hat; denn die volkswirtschaftlichen Vorgänge ändern sich eben von der Vergangenheit in die Zukunft hinein. Und derjenige, der da glaubt, von der Vergangenheit her allein irgendwelche Aufstellungen machen zu können, der muß immer im Volkswirtschaftlichen das Unrichtige treffen; denn Wirtschaften besteht eigentlich darinnen, daß man die künftigen Prozesse mit dem, was vorangegangen ist, ins Werk setzt. Wenn man aber die vergangenen Prozesse benützt, um die künftigen ins Werk zu setzen, dann müssen sich unter Umständen die Werte ganz bedeutend verschieben; denn fortwährend verschieben sie sich. Daher handelt es sich bei dieser Formel ganz wesentlich darum, daß ich sage: Wenn jemand ein Paar Stiefel verkauft, so ist die Zeit, in der er sie verfertigt hat, volkswirtschaftlich durchaus nicht maßgebend, sondern maßgebend ist die Zeit, in der er das nächste Paar Stiefel verfertigen wird. Das ist, worauf es in dieser Formel ankommt, und das müssen wir nun in breiterem Sinn innerhalb des volkswirtschaftlichen Prozesses verstehen.