Die Gestaltung der Preise geht über die Zahl der Arbeiter in den Branchen

Quelle: GA 340, S. 078-081, 5. Ausgabe 1979, 28.07.1922, Dornach

Nehmen Sie einen Landmann, der muß volkswirtschaftlich danach trachten, daß er das, was das Erträgnis seiner Äcker ist, daß er das tatsächlich wegschafft und für das nächste Jahr das Saatgut behält. Das Saatgut muß fortbehalten werden, muß konserviert werden. Das ist durchaus ein Bild, das sich anwenden läßt auf diesen Prozeß hier (siehe Zeichnung 3). Das Kapital muß soweit verbraucht werden, daß lediglich noch das bleibt, was als eine Art von Saat für die weitere Anfachung des volkswirtschaftlichen Prozesses, wiederum von der Natur aus, aufgefaßt werden kann. Also nur das darf bleiben, was etwa rationeller die Förderung von gewissen Rohproduktequellen besorgt, was unter Umständen auch den Boden verbessert, sagen wir, durch Schaffung von besseren Düngesubstanzen. Aber da müssen Sie Arbeit aufwenden. Also es muß das dem Verbrauch entzogen werden, was als Arbeit fortwirken kann; dagegen das muß verbraucht werden vorher, was, wenn es noch hier wäre (siehe Zeichnung 3), sich mit der Natur in unorganischer Weise verbinden würde.

Nun können Sie sagen: Also, sag uns jetzt, wie das geschieht, daß nun gerade richtig hier nur so viel Kapital ankommt, daß dieses Kapital gewissermaßen nur das Saatgut für das folgende ist! Sag uns das!

Nun, wir stehen mit der Volkswirtschaftswissenschaft nicht auf einem logischen Boden, sondern wir stehen mit der Volkswirtschaftswissenschaft auf einem realen Boden. Da kann man nicht Antworten geben, wie man sie unter Umständen, sagen wir, in der bloß theoretischen Ethik bekommt. Nicht wahr, man kann in der theoretischen Ethik einen Verbrecher sehr schön ermahnen und alles Mögliche tun. Da wird man ethisch genug getan haben. Aber das Volkswirtschaftliche, das muß geschehen, das muß sich abspielen. Man muß von Realitäten reden.

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Wenn man vom Produktionsprozeß redet und zeigt, inwiefern er Werte schafft, redet man von Realitäten. Daß man beim Konsum von Realitäten spricht, weiß ja jeder. Also, man muß in der Volkswirtschaft von lauter Realitäten sprechen. Ideen, die bewirken nichts in der realen Welt. Dasjenige, was den volkswirtschaftlichen Prozeß in der richtigen Weise regelt, das spricht sich aus in dem, was ich in meinen «Kernpunkten der sozialen Frage» die wirklichen Assoziationen genannt habe.

Wenn Sie nämlich das wirtschaftliche Leben auf sich selber stellen und diejenigen Menschen, die am wirtschaftlichen Leben beteiligt sind, sei es als Produzenten, sei es als Händler, sei es als Konsumenten, wenn Sie diese Menschen zusammenfassen entsprechend in Assoziationen, dann werden diese Menschen durch den ganzen volkswirtschaftlichen Prozeß hindurch die Möglichkeit haben, eine zu starke Kapitalbildung aufzuhalten, eine zu schwache Kapitalbildung anzufachen.

Dazu gehört natürlich die richtige Beobachtung des volkswirtschaftlichen Prozesses. Sie gehört dazu. Wenn also irgendwo eine Warengattung, sagen wir, zu billig wird oder zu teuer wird, so muß man das in der entsprechenden Weise beobachten können. Billiger werden und teurer werden hat ja natürlich noch keine Bedeutung; erst dann, wenn man in der Lage ist, aus den Erfahrungen heraus, die nur im Zusammenberaten der Assoziationen entstehen können, zu sagen: Fünf Geldeinheiten sind für eine Menge Salz zu wenig oder zu viel - erst dann, wenn man wirklich sagen kann, der Preis ist zu hoch oder zu niedrig, dann wird man die nötigen Maßregeln ergreifen können.

Wird der Preis irgendeiner Ware, irgendeines Gutes zu billig, so daß diejenigen Menschen, welche das Gut herstellen, nicht mehr in der entsprechenden Weise für ihre zu billigen Leistungen, für ihre zu billigen Ergebnisse Entlohnung finden können, dann muß man für dieses Gut weniger Arbeiter einstellen, das heißt die Arbeiter nach einer anderen Beschäftigung ableiten. Wird ein Gut zu teuer, dann muß man die Arbeiter herüberleiten. Man hat es zu tun bei den Assoziationen mit einem entsprechenden Beschäftigen von Menschen innerhalb der einzelnen Zweige der Volkswirtschaft.

Man muß sich klar darüber sein, daß ein wirkliches Steigen des Preises für einen volkswirtschaftlichen Artikel ein Zunehmen der Menschen, die diesen volkswirtschaftlichen Artikel bearbeiten, bedeuten muß, und daß ein Sinken des Preises, ein zu starkes Sinken des Preises, die Maßregel notwendig macht, die Arbeiter ab- und auf ein anderes Arbeitsfeld herüberzulenken. Wir können von den Preisen nur sprechen im Zusammenhang mit der Verteilung der Menschen innerhalb gewisser Arbeitszweige des betreffenden sozialen Organismus.

Was für Ansichten herrschen zuweilen heute, wo man überall die Tendenz hat, lieber mit Begriffen zu arbeiten als mit Realitäten, das zeigen Ihnen manche Freigeldleute. Die finden es ganz einfach: Wenn Preise, sagen wir, zu hoch sind irgendwo, also man zuviel Geld ausgeben muß für irgendeinen Artikel, so sorge man dafür, daß das Geld geringer wird, dann werden die Waren billiger, und umgekehrt. Wenn Sie aber gründlich nachdenken, so werden Sie finden, daß das ja gar nichts anderes in Wirklichkeit bedeutet für den volkswirtschaftlichen Prozeß, als wenn Sie beim Thermometer so durch eine hinterlistige Vorrichtung, wenn es zu kalt wird, die Thermometersäule zum Steigen bringen. Sie kurieren da nur an den Symptomen herum. Dadurch, daß Sie dem Gelde einen anderen Wert geben, dadurch schaffen Sie nichts Reales.

Reales schaffen Sie aber, wenn Sie die Arbeit, das heißt die Menge der arbeitenden Leute, regulieren; denn es hängt eben der Preis von der Menge der Arbeiter ab, die auf einem bestimmten Felde arbeiten. So etwas durch den Staat ordnen wollen, das würde die schlimmste Tyrannei bedeuten. So etwas durch die freien Assoziationen, die innerhalb der sozialen Gebiete entstehen, zu ordnen, wo jeder den Einblick hat - er sitzt ja in der Assoziation, oder sein Vertreter sitzt darin, oder es wird ihm mitgeteilt, was darin geschieht, oder er sieht es selber ein, was zu geschehen hat -, das ist dasjenige, was zu erstreben ist.

Natürlich ist das andere damit verbunden, daß man nun sorgen muß, daß der Arbeiter nun nicht bloß sein ganzes Leben lang nur irgendeinen Handgriff kann, daß er sich auch anders betätigen kann.

Denken Sie, das wird notwendig werden, namentlich notwendig aus dem Grunde, weil sonst zuviel Kapital hier (siehe Zeichnung 3) ankommt. Da können Sie das Kapital, das hier zuviel wäre, dazu verwenden, um den Arbeitern etwas beizubringen, um sie in andere Berufszweige überzuführen. Also, Sie sehen, in dem Augenblick, wo man rationell denkt, da korrigiert sich der nationalökonomische Prozeß - das ist das Wichtige, das Wesentliche -, er korrigiert sich. Aber er wird sich nie korrigieren, wenn man bloß sagen würde, durch das und jenes, durch Inflation oder durch Ausgabe von den oder jenen Verfügungen wird es besser werden. Dadurch wird es nicht besser, sondern lediglich dadurch, daß Sie den Prozeß an jeder Stelle beobachten lassen, und die beobachtenden Leute unmittelbar die Konsequenz ziehen können.