Emanzipation des Gesetzes und der Arbeitsteilung vom Gebot

Quelle: GA 340, S. 040-049, 5. Ausgabe 1979, 21.07.1922, Dornach

Volkswirtschaftswissenschaft ist beides, eine theoretische Wissenschaft und eine praktische Wissenschaft. - Nur wird es sich darum handeln, wie wir das Praktische mit dem Theoretischen zusammenbringen.

Nun, das ist zunächst die eine Seite der Form der Volkswirtschaftswissenschaft. Die andere Seite ist die, auf die ich schon vor vielen Jahren aufmerksam gemacht habe, ohne daß eigentlich die Sache verstanden worden ist, nämlich in einem Aufsatz, den ich schon im Anfang des Jahrhunderts geschrieben habe, der damals den Titel trug: « Theosophie und soziale Frage », der eigentlich nur eine Bedeutung gehabt hätte, wenn er aufgegriffen worden wäre von Praktikern, und wenn man sich danach gerichtet hätte. Da er überhaupt ganz unberücksichtigt geblieben ist, habe ich ihn nicht einmal zu Ende geführt und nicht weiter erscheinen lassen. Man muß ja hoffen, daß diese Dinge immer mehr verstanden werden. Hoffentlich tragen diese Vorträge bei zu ihrem tieferen Verständnis. Da müssen wir aber, wenn wir verstehen wollen, eine kurze historische Betrachtung anstellen.

Wenn Sie im geschichtlichen Leben der Menschheit etwas zurückgehen, dann werden Sie finden, daß eigentlich - ich habe schon im ersten Vortrag darauf hingewiesen - in älteren Zeiten, bis sogar ins 15., 16. Jahrhundert herein, solche volkswirtschaftlichen Fragen, wie wir sie heute haben, gar nicht vorhanden waren. Das volkswirtschaftliche Leben hat sich, sagen wir zum Beispiel im alten Orient, zum größten Teil instinktiv abgespielt, so abgespielt, daß gewisse soziale Verhältnisse unter den Menschen waren, die kastenbildend, klassenbildend waren und sich unter dem Einfluß desjenigen, was sich aus diesen Verhältnissen heraus an Beziehungen ergeben hat zwischen Mensch und Mensch, auch, ich möchte sagen, instinktbildend erwiesen haben für die Art und Weise, wie der einzelne Mensch in das volkswirtschaftliche Leben einzugreifen hat. Da lagen ja zum großen Teil die Impulse des religiösen Lebens zugrunde, die in älteren Zeiten durchaus auch noch so waren, daß sie zu gleicher Zeit auf die Regelung, auf die Ordnung der Ökonomie abzielten. Wenn Sie im orientalischen Leben geschichtlich nachprüfen, so werden Sie sehen, daß eigentlich nirgends eine strenge Grenze ist zwischen demjenigen, was religiös geboten wird, und demjenigen, was dann volkswirtschaftlich ausgeführt werden soll. Die religiösen Gebote erstrecken sich vielfach hinein in das wirtschaftliche Leben, so daß auch für diese älteren Zeiten die Arbeitsfrage, die Frage des sozialen Zirkulierens der Arbeitswerte, gar nicht in Betracht kam. Die Arbeit wurde in gewissem Sinne instinktiv verrichtet; und ob der eine mehr oder weniger tat, das bildete eigentlich in der Zeit, die dem römischen Leben voranging, keine erhebliche Frage, wenigstens keine erhebliche öffentliche Frage. Die Ausnahmen, die dabei vorhanden sind, kommen gegenüber dem allgemeinen Gang der Menschheitsentwickelung gar nicht in Betracht. Wir finden noch bei Plato durchaus eine solche soziale Ansicht, daß im Grunde genommen die Arbeit als etwas Selbstverständliches hingenommen wird und eigentlich nur über das Soziale nachgesonnen wird, was außerhalb der Arbeit an ethischen, weisheitsvollen Impulsen von Plato erschaut wurde.

Das wurde immer mehr und mehr anders, je weniger die unmittelbar religiösen und ethischen Impulse auch volkswirtschaftliche Instinkte züchteten, je mehr gewissermaßen die religiösen und ethischen Impulse bloß sich auf das moralische Leben beschränkten, bloße Vorschriften wurden für die Art und Weise, wie die Menschen füreinander fühlen sollen, wie sie sich zu außermenschlichen Mächten verhalten sollen und so weiter. Immer mehr und mehr entstand die Anschauung, die Empfindung unter den Menschen, daß - wenn ich mich bildlich ausdrücken darf - von der Kanzel herab nichts zu sagen ist über die Art und Weise, wie man arbeiten soll. Und damit wurde die Arbeit, die Eingliederung der Arbeit in das soziale Leben eigentlich erst eine Frage.

Nun ist diese Eingliederung der Arbeit in das soziale Leben historisch nicht möglich ohne das Heraufkommen desjenigen, was das Recht ist. So daß wir historisch gleichzeitig entstehen sehen die Bewertung der Arbeit für den einzelnen Menschen und das Recht. Für sehr alte Zeiten der Menschheit können Sie eigentlich gar nicht in dem Sinn, wie wir heute das Recht auffassen, vom Recht sprechen, sondern Sie können erst dann vom Recht sprechen, wenn sich das Recht sondert von dem Gebot. In ältesten Zeiten ist das Gebot ein einheitliches. Es enthält zu gleicher Zeit alles das, was rechtens ist. Dann wird das Gebot immer mehr und mehr zurückgezogen auf das bloß seelische Leben, und das Recht macht sich geltend mit Bezug auf das äußere Leben. Das verläuft wiederum innerhalb eines gewissen geschichtlichen Zeitraums. Innerhalb dieses geschichtlichen Zeitraums haben sich ganz bestimmte soziale Verhältnisse herausgebildet. Es würde hier zu weit führen, das genauer zu beschreiben; aber es ist ein interessantes Studium, gerade für die ersten Jahrhunderte des Mittelalters zu studieren, wie sich auf der einen Seite die Rechtsverhältnisse, auf der anderen Seite die Arbeitsverhältnisse heraussondern aus den religiösen Organisationen, in denen sie früher mehr oder weniger durchaus drinnen waren - religiöse Organisationen natürlich im weiteren Sinne.

Nun hat das eine ganz bestimmte Folge. Solange die religiösen Impulse für das gesamte soziale Leben der Menschheit maßgebend sind, solange schadet der Egoismus nichts. Das ist eine außerordentlich wichtige Sache für das Verständnis auch der sozialen, volkswirtschaftlichen Prozesse. Der Mensch mag noch so egoistisch sein: wenn die religiöse Organisation, wie sie zum Beispiel in bestimmten Gebieten des alten Orients ganz strenge war, wenn die religiöse Organisation so ist, daß der Mensch trotz seines Egoismus sich eben in fruchtbarer Weise hineingliedert in das soziale Leben, dann schadet der Egoismus nichts; aber er fängt an, im Völkerleben eine Rolle zu spielen in dem Augenblick, wo das Recht und die Arbeit sich heraussondern aus den anderen sozialen Impulsen, sozialen Strömungen. Daher strebt, ich möchte sagen, unbewußt der Menschheitsgeist in der Zeit - während Arbeit und Recht sich eben emanzipieren - danach, fertigzuwerden mit dem menschlichen Egoismus, der sich nun regt und der in einer gewissen Weise hineingegliedert werden muß in das soziale Leben. Dieses Streben gipfelt dann einfach in der modernen Demokratie, in dem Sinn für Gleichheit der Menschen, dafür, daß jeder seinen Einfluß hat darauf, das Recht festzustellen und auch seine Arbeit festzustellen.

Aber gleichzeitig mit diesem Gipfeln des emanzipierten Rechtes und der emanzipierten Arbeit kommt noch etwas anderes herauf, was zwar früher während der älteren Perioden der Menschheitsentwickelung auch vorhanden war, was aber wegen der religiös-sozialen Impulse eine ganz andere Bedeutung hatte, was gerade für unsere europäische Zivilisation während des Mittelalters nur in eingeschränktem Maße vorhanden war, was sich zur höchsten Kulmination entwickelte von der Zeit an, in der eben Recht und Arbeit am meisten emanzipiert waren - und das ist die Arbeitsteilung.

In den älteren Zeiten der Menschheitsentwickelung hatte die Arbeitsteilung deshalb keine besondere Bedeutung, weil ja eben auch sie in die religiösen Impulse hineingestellt war und gewissermaßen jeder an seinen Platz gestellt wurde, so daß sie also keine solche Bedeutung hatte. Da aber, wo sich der Hang nach Demokratie verband mit dem Streben nach Arbeitsteilung, da fing an - das ist erst heraufgekommen in den letzten Jahrhunderten und aufs höchste gestiegen im 19. Jahrhundert -, da fing an die Arbeitsteilung eine ganz besondere Bedeutung zu gewinnen; denn die Arbeitsteilung hat eine volkswirtschaftliche Konsequenz.

Diese Arbeitsteilung, deren Ursachen und Gang wir ja noch kennenlernen werden, führt zuletzt dazu, wenn wir sie zunächst einfach abstrakt zu Ende denken, so müssen wir sagen, sie führt zuletzt dazu, daß niemand dasjenige, was er erzeugt, für sich selbst verwendet. Volkswirtschaftlich gesprochen aber! Also, daß niemand dasjenige, was er erzeugt - volkswirtschaftlich gesprochen -, für sich selbst verwendet! Was heißt das? Nun, ich will es durch ein Beispiel erläutern.

Nehmen Sie an, ein Schneider verfertigt Kleider. Er muß selbstverständlich bei der Arbeitsteilung für andere Leute Kleider erzeugen. Er könnte aber auch so sagen: Ich erzeuge für die anderen Leute Kleider, und meine eigenen Kleider erzeuge ich mir selber. Da würde er also einen gewissen Teil seiner Arbeit darauf verwenden, seine eigenen Kleider zu erzeugen, und die andere, weitaus größere Arbeit, die dann übrigbleibt, die würde er dazu verwenden, für die anderen Menschen Kleider zu erzeugen. Nun, einfach, ich möchte sagen, banal angesehen, könnte man sagen: Ja, es ist ja das Allernatürlichste auch in der Arbeitsteilung, daß der Schneider sich seine Kleider selber erzeugt und für die anderen Menschen dann eben als Schneider arbeitet. Wie ist die Sache aber volkswirtschaftlich gesprochen? Volkswirtschaftlich angeschaut, ist die Sache so: Dadurch, daß die Arbeitsteilung gekommen ist, daß also nicht ein jeder Mensch für alle seine einzelnen Sachen Selbsterzeuger ist, dadurch, daß Arbeitsteilung gekommen ist, daß immer einer für den anderen arbeitet, dadurch stellt sich ja für die Produkte ein gewisser Wert ein und infolge des Wertes auch ein Preis. Und jetzt entsteht die Frage: Wenn zum Beispiel durch die Arbeitsteilung, die sich ja fortsetzt in der Zirkulation, im Umlauf der Produkte, wenn also durch diese in den Umlauf der Produkte hineingelaufene Arbeitsteilung die Schneiderprodukte einen gewissen Wert haben, haben dann die Produkte, die er erzeugt für sich selbst, einen gleichen volkswirtschaftlichen Wert, oder sind sie vielleicht billiger oder teurer? Das ist die bedeutsamste Frage. Wenn er selbst sich seine Kleider erzeugt, dann bleibt ja das weg, daß sie in die Zirkulation der Produkte hineingehen. Dasjenige, was er für sich selbst erzeugt, nimmt nicht Anteil an der Verbilligung, die durch die Arbeitsteilung hervorgerufen wird, ist also teurer. Wenn er auch nichts dafür bezahlt, ist es teurer. Es ist einfach aus dem Grunde teurer, weil er in die Unmöglichkeit versetzt ist, bei dem, was er für sich selbst braucht, nur so viel Arbeit aufzuwenden, wie er für das braucht, was dann in die Zirkulation übergeht, dem Wert gegenüber.

Nun, vielleicht ist notwendig, sich das etwas genauer zu überlegen; aber die Sache ist schon so. Es ist so, daß alles dasjenige, was der Selbsterzeugung dient, weil es nicht in die Zirkulation, der die Arbeitsteilung zugrunde liegt, eingeht, teurer ist als dasjenige, was in die Arbeitsteilung hineingeht. So daß also, wenn die Arbeitsteilung in ihrem Extrem gedacht wird, man sagen müßte: Müßte der Schneider nur für andere Menschen arbeiten, dann würde er die Preise erzielen für die Produkte seiner Arbeit, die eigentlich erzielt werden sollen. Und er müßte sich seinerseits seine Kleider kaufen bei einem anderen Schneider, beziehungsweise er müßte sie sich verschaffen in der Art, wie man sie sich sonst verschafft, er müßte sie sich dort kaufen, wo Kleider verkauft werden.

Aber sehen Sie auf alles das hin, so werden Sie sich sagen müssen: Die Arbeitsteilung tendiert dazu, daß überhaupt niemand mehr für sich selbst arbeitet; sondern das, was er erarbeitet, muß alles an die anderen übergehen. Das, was er braucht, muß ihm wiederum zurückkommen von der Gesellschaft. Sie könnten ja eventuell einwenden: Ja, es müßte ja eigentlich ein Anzug für den Schneider, wenn er ihn bei dem anderen Schneider kauft, gerade so viel kosten, als wenn er ihn selber fabriziert, weil ihn der andere nicht teurer und nicht billiger machen wird. Wenn das der Fall wäre, wäre keine Arbeitsteilung da, wenigstens keine vollständige Arbeitsteilung, aus dem einfachen Grunde, weil für dieses Produkt des Kleidererzeugens nicht durch die Teilung der Arbeit die größte Konzentration der Arbeitsweise würde aufgebracht werden können. Es ist ja nicht möglich, daß, wenn Arbeitsteilung eintritt, eben nicht die Arbeitsteilung in die Zirkulation überfließt, so daß es also nicht möglich ist, daß der eine Schneider beim andern kauft, sondern er muß beim Händler kaufen. Das aber bringt einen ganz anderen Wert hervor. Er wird, wenn er seinen eigenen Rock macht, den Rock bei sich kaufen; wenn er ihn kauft, so wird er ihn beim Händler kaufen. Das macht den Unterschied. Und wenn Arbeitsteilung im Zusammenhange mit Zirkulation verbilligt, so kommt ihn sein Rock beim Händler billiger, als er ihn bei sich selber machen kann.

Wollen wir das zunächst als etwas, was uns führt zu der Form der Volkswirtschaftslehre, ansehen; die Tatsachen müssen wir ja alle noch einmal betrachten.

Das ist nun aber durchaus so, daß wir unmittelbar einsehen: Je weiter die Arbeitsteilung vorrückt, desto mehr muß das kommen, daß immer einer für die anderen arbeitet, für die unbestimmte Sozietät arbeitet, niemals für sich. Das heißt aber mit anderen Worten: Indem die moderne Arbeitsteilung heraufgekommen ist, ist die Volkswirtschaft in bezug auf das Wirtschaften darauf angewiesen, den Egoismus mit Stumpf und Stiel auszurotten. Bitte, verstehen Sie das nicht ethisch, sondern rein wirtschaftlich! Wirtschaftlich ist der Egoismus unmöglich. Man kann nichts für sich mehr tun, je mehr die Arbeitsteilung vorschreitet, sondern man muß alles für die anderen tun.

Im Grunde genommen ist durch die äußeren Verhältnisse der Altruismus als Forderung schneller auf wirtschaftlichem Gebiet aufgetreten, als er auf religiös-ethischem Gebiet begriffen worden ist. Dafür gibt es eine leicht erhaschbare historische Tatsache.

Das Wort Egoismus, das werden Sie als ein ziemlich altes finden, wenn auch vielleicht nicht in der heutigen schroffen Bedeutung, aber Sie werden es als ein ziemlich altes finden. Das Gegenteil davon, das Wort Altruismus, das Denken an den anderen, ist eigentlich kaum hundert Jahre alt, ist erst sehr spät als Wort erfunden worden, und wir können daher sagen - wir wollen uns nicht auf diese Äußerlichkeit zu stark stützen, aber eine historische Betrachtung würde das zeigen -: Die ethische Betrachtung war noch lange nicht zu einer vollen Würdigung des Altruismus gekommen, da war schon die volkswirtschaftliche Würdigung des Altruismus durch die Arbeitsteilung da. - Und betrachten wir jetzt diese Forderung des Altruismus als volkswirtschaftliche, dann haben wir das, ich möchte sagen, was weiter daraus folgt, unmittelbar: Wir müssen den Weg finden in das moderne Volkswirtschaften, wie kein Mensch für sich selber zu sorgen hat, sondern nur für die anderen, und wie auf diese Weise auch am besten für jeden einzelnen gesorgt ist. Das könnte als ein Idealismus genommen werden; aber ich mache Sie noch einmal darauf aufmerksam: ich spreche in diesem Vortrag weder idealistisch noch ethisch, sondern volkswirtschaftlich. Und das, was ich jetzt gesagt habe, ist einfach volkswirtschaftlich gemeint. Nicht ein Gott, nicht ein sittliches Gesetz, nicht ein Instinkt fordert im modernen wirtschaftlichen Leben den Altruismus im Arbeiten, im Erzeugen der Güter, sondern einfach die moderne Arbeitsteilung. Also eine ganz volkswirtschaftliche Kategorie fordert das.

Das ist ungefähr, was ich dazumal in jenem Aufsatz habe darstellen wollen: daß unsere Volkswirtschaft mehr fordert von uns, als wir in der neuesten Zeit ethisch-religiös leisten können. Darauf beruhen viele Kämpfe. Studieren Sie einmal die Soziologie der Gegenwart. Sie werden finden, daß die sozialen Kämpfe zum großen Teil darauf zurückzuführen sind, daß beim Erweitern der Wirtschaft in die Weltwirtschaft die Notwendigkeit immer mehr und mehr aufgetreten ist, altruistisch zu sein, altruistisch die verschiedenen sozialen Bestände einzurichten, während die Menschen in ihrem Denken eigentlich noch gar nicht verstanden hatten, über den Egoismus hinauszukommen, und daher immer hineinpfuschten in egoistischer Weise in dasjenige, was eigentlich als eine Forderung da war.

Wir kommen nun erst zu der ganzen Bedeutung desjenigen, was ich jetzt gesagt habe, wenn wir nicht bloß studieren die, ich möchte sagen, platt daliegende Tatsache, sondern die kaschierte, die maskierte Tatsache. Diese kaschierte, maskierte Tatsache ist diese, daß wegen der Diskrepanz der Menschheitsgesinnung der modernen Zeit zwischen der Forderung der Volkswirtschaft und dem religiös-ethischen Können in einem großen Teil der Volkswirtschaft praktisch darinnen ist dieses, daß die Menschen sich selber versorgen, daß also unsere Volkswirtschaft selber widerspricht demjenigen, was eigentlich ihre eigene Forderung ist durch die Arbeitsteilung. Auf die paar Selbstversorger nach dem Muster dieses Schneiders, den ich angeführt habe, kommt es nicht an. Einen Schneider, der sich selber seine Anzüge fabriziert, den werden wir erkennen als einen, der hineinmischt in die Arbeitsteilung, was nicht hineingehört. Aber dieses ist offenbar. Und maskiert ist innerhalb der modernen Volkswirtschaft also das, wo der Mensch zwar durchaus nicht für sich seine Produkte erzeugt, aber im Grunde genommen mit dem Wert oder Preis dieser Produkte nichts Besonderes zu tun hat, sondern, abgesehen von dem volkswirtschaftlichen Prozeß, in dem die Produkte drinnenstehen, bloß dasjenige, was er durch seine Handarbeit leisten kann, als Wert in die Volkswirtschaft hineinzubringen hat. Im Grunde genommen ist jeder Lohnempfänger im gewöhnlichen Sinn heute noch ein Selbstversorger. Er ist derjenige, der so viel hingibt, als er erwerben will, der gar nicht kann so viel an den sozialen Organismus hingeben, als er hinzugeben in der Lage ist, weil er nur so viel hingeben will, als er erwerben will. Denn Selbstversorgen heißt, für den Erwerb arbeiten; für die anderen arbeiten heißt, aus der sozialen Notwendigkeit heraus arbeiten.

Insoweit die Arbeitsteilung ihre Forderung schon erfüllt bekommen hat in der neueren Zeit, ist in der Tat Altruismus vorhanden: Arbeiten für die anderen; insofern aber diese Forderung nicht erfüllt ist, ist der alte Egoismus vorhanden, der eben einfach darauf beruht, daß der Mensch sich selbst versorgen muß. Volkswirtschaftlicher Egoismus! Man merkt das bei dem gewöhnlichen Lohnempfänger aus dem Grunde gewöhnlich nicht, weil man gar nicht nachdenkt darüber, wofür hier eigentlich Werte ausgetauscht werden. Dasjenige, was der gewöhnliche Lohnempfänger fabriziert, das hat ja gar nichts zu tun mit der Bezahlung seiner Arbeit, hat gar nichts damit zu tun. Die Bezahlung, die Bewertung der Arbeit geht aus ganz anderen Faktoren hervor, so daß er für den Erwerb, für die Selbstversorgung arbeitet. Das ist kaschiert, maskiert, aber es ist der Fall.

So entsteht uns eine der ersten, wichtigsten volkswirtschaftlichen Fragen: Wie bringen wir aus dem volkswirtschaftlichen Prozeß heraus die Arbeit auf Erwerb? Wie stellen wir diejenigen, die heute noch bloß Erwerbende sind, so in den volkswirtschaftlichen Prozeß hinein, daß sie nicht Erwerbende, sondern aus der sozialen Notwendigkeit heraus Arbeitende sind? Müssen wir das? Sicherlich! Denn wenn wir das nicht tun, bekommen wir niemals wahre Preise heraus, sondern falsche Preise. Wir müssen Preise und Werte herausbekommen, die nicht abhängig sind von den Menschen, sondern von dem volkswirtschaftlichen Prozeß, die sich ergeben im Fluktuieren der Werte. Die Kardinalfrage ist die Preisfrage.