Weltwirtschaft als Wirtschaftsorganismus

Quelle: GA 340, S. 021-022, 5. Ausgabe 1979, 24.07.1922, Dornach

Daher wird man vor allen Dingen hier gewiesen an den Begriff des sozialen Organismus, aus dem Grunde, weil sich ja zeigt, daß die Valutaentwertung durch die alte Staatsbegrenzung bestimmt wird. Die alte Staatsbegrenzung greift also ein in den volkswirtschaftlichen Prozeß. Diesen muß man begreifen, aber man muß erst den sozialen Organismus verstehen. Aber all die Nationalökonomien, von Adam Smith angefangen bis herauf zu den neuesten, rechnen eigentlich mit kleinen Gebieten als sozialen Organismen. Sie beachten da nicht einmal, daß, wenn man schon eine bloße Analogie wählt, diese stimmen muß. Die Menschen beachten gar nicht, daß sie stimmen muß. Haben Sie schon einen wirklichen ausgewachsenen Organismus gesehen, der so ist:

Hier ist zum Beispiel ein Mensch, hier ist der zweite Mensch, hier ist der dritte Mensch und so weiter. Es wären niedliche Menschenorganismen, die in solcher Weise aneinanderkleben würden; das gibt es doch bei ausgewachsenen Organismen nicht. Das ist aber doch bei den Staaten der Fall. Organismen brauchen die Leere um sich herum bis zu dem anderen Organismus. Das, womit Sie die einzelnen Staatenvergleichen können, sind höchstens die Zellen des Organismus, und Sie können nur die ganze Erde als Wirtschaftskörper mit einem Organismus vergleichen. Das müßte beachtet werden. Das ist mit Händen zu greifen, seit wir Weltwirtschaft haben, daß wir die einzelnen Staaten nur mit Zellen vergleichen können. Die ganze Erde, als Wirtschaftsorganismus gedacht, ist der soziale Organismus.

Das wird nirgends ins Auge gefaßt. Denn die gesamte Volkswirtschaftslehre ist gerade dadurch hineingewachsen in etwas, was nicht der Wirklichkeit entspricht, weil man Prinzipien aufstellen will, die für eine einzelne Zelle gelten sollen. Daher finden Sie, wenn Sie die französische Volkswirtschaftslehre studieren, eine andere Konstitution, als wenn Sie die englische, die deutsche oder andere Volkswirtschaftslehren studieren. Aber als Volkswirtschafter brauchen wir schon ein Verständnis für den gesamten sozialen Organismus.