Selbstverständnis englischer Demokraten

Quelle: GA 083, S. 197-199, 3. Ausgabe 1981, 08.06.1922, Wien

Wenn man gebildete Engländer vernimmt über die Art und Weise, wie sie über Europa, über Mitteleuropa, insbesondere über das so lange in Mitteleuropa nach gewissen Richtungen hin tonangebend gewesene Deutschland sprechen, so sagen sie gewöhnlich - mündlich und auch in der Literatur - etwa das Folgende: Bei uns ruht alles auf einer gewissen demokratischen Grundlage. Der einzelne Mensch ist in einem hohen Grade maßgebend für das, was im geistigen, aber auch im wirtschaftlichen Leben geschieht. Der Initiative dieses einzelnen ist der größte Teil der öffentlichen Angelegenheiten anheimgestellt.

Schaut man aber nach Mitteleuropa hinüber - ich will jetzt gar nicht behaupten, daß diese Dinge absolut richtig sind, sondern will nur charakterisieren, was eben eine allgemeine Meinung ist -, dann macht sich eine gewisse Autokratie bemerkbar, ein gewisses Verwaltungsprinzip durch allerdings tüchtige Verwaltungsfunktionäre, die vom Zentrum des staatlichen Lebens aus bestimmen, wie die einzelnen menschlichen Verhältnisse sich abspielen sollen. Es wird da in scharfer Weise immer hingedeutet, vor dem Kriege wenigstens, auf das zentralistische, auf das mehr oder weniger autokratische Prinzip. Würde dann der Blick weiter ausgedehnt nach dem Osten hinüber, so müßte eigentlich, unter Festhaltung derselben Denkweise, gesagt werden: Weiter nach Osten hinüber findet sich nicht nur Autokratie, sondern es findet sich eine Art patriarchalischer Autokratie, die durchsetzt ist nicht nur von dem, was Menschen anordnen, die verwalten, sondern die durchsetzt ist von einem religiösen Impuls, so daß Menschen das, was sie auf Erden tun, sogar angeordnet empfinden von geistigen, außerirdischen Mächten und Wesenheiten, deren Impulse sie aufnehmen in ihre Empfindungen.

Hinter einer solchen Betrachtungsweise verbirgt sich allerdings sehr Wichtiges, das hereinspielt in alle sozialen Gestaltungen der Gegenwart. Man kann sagen, je weiter man gegen Westen vorschreitet, desto mehr ist der Mensch mit seinem ganzen Denken und Empfinden verbunden mit den Angelegenheiten, die er zu besorgen hat. Und sieht man auf die wirtschaftlichen Angelegenheiten, so tritt das am allerdeutlichsten hervor. Im Westen vollzieht der Mensch das, was er im wirtschaftlichen Leben vollziehen will, dadurch, daß er wirklich bis in die Details dessen, was ihm obliegt, einzudringen versucht.

Ein persönliches, ein unmittelbar persönliches Verhältnis hat er zu den äußerlichsten Angelegenheiten des Lebens. In der europäischen Mitte ist das allerdings in einem gewissen Sinn - für den psychologischen Weltenbetrachter muß sich das so herausstellen - anders. Da herrscht der Sinn dafür, daß eintritt, was der Engländer von seinem Gesichtspunkt aus «wissenschaftliche Verwaltung des Staates» nennt, daß gewisse Ideen vorwalten, die man als die richtigen ansieht, die Gesetze formen und in Verwaltungsprinzipien sich einleben sollen, die zunächst überschaut werden in einem Verwaltungssystem, in einem Staatssystem. Und der einzelne, der dann herangeht an die Angelegenheiten des unmittelbaren Lebens, auch an die wirtschaftlichen Angelegenheiten, der hat zunächst allerdings seine wirtschaftliche Praxis im Auge; aber er blickt doch von ihr immer hinweg zu dem, was in gewissem Sinn einen juristisch-staatlichen Charakter trägt, was in eines dieser Systeme einzuordnen ist. Und er betrachtet das einzelne, was er tut, als ein Glied in einem solchen System. Der Engländer hat nicht die Neigung, ein solches System auszudenken, er hat nur das im Auge, was sich für die Einzelheiten des Lebens konkret ergibt, nicht das, was sich wie ein Gesamtsystem über das Ganze gleichsam hinüberlegt.

Damit aber ist auch hingedeutet auf eine historische Erscheinung, die in der neuesten Zeit ganz besonders wichtig geworden ist.