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Individuelles Urteil, Kollektivurteil, demokratisches Urteil I
Quelle: GA 079, S. 250-253, 2. Ausgabe 1988, 30.11.1921, Oslo (Kristiania)
Was [sich auf dem Geistesgebiet] betätigt, das bringt der Mensch durch die Geburt in diese Welt mit hinein, das ist etwas, von der physischen Geschicklichkeit des Handarbeiters bis zu den höchsten Äußerungen und Offenbarungen der Erfinderkraft, was durchaus auf die einzelne Individualität des Menschen angewiesen ist, wenn es gedeihen soll.
Etwas anderes liegt vor auf dem Gebiete des Wirtschaftslebens. Was ich darüber sagen will, möchte ich durch eine Tatsache erörtern. Sie wissen ja alle, daß zu einer gewissen Zeit im 19. Jahrhundert da und dort das Ideal entstanden ist der einheitlichen Goldwährung. Wer verfolgt, was von praktischen Wirtschaftern, von wirtschaftlichen Theoretikern, von Parlamentariern gesagt worden ist in der Zeit, in der man da oder dort nach der Goldwährung gestrebt hat - ich sage es ganz gewiß ohne Ironie -, das ist außerordentlich geistvoll.
Man ist oftmals tief durchdrungen von dem Geistvollen, das in Parlamenten, in Handelskammern, in sonstigen Gemeinschaften gesprochen worden ist, was geschrieben worden ist über die Goldwährung und ihren Segen für das Wirtschaftsleben. Das eine, was gesagt worden ist und was gerade von den bedeutendsten Menschen betont worden ist, von vielen wenigstens der bedeutendsten Menschen betont worden ist, das ist, daß die Goldwährung es dahin bringen werde, daß überall der wirtschaftlich segensreiche Freihandel blühen werde, daß die wirtschaftlich schädigenden politischen Grenzen ihre wirtschaftliche Bedeutung verlieren werden. Und die Gründe, die Beweise, die vorgebracht worden sind für solche Behauptungen, die sind außerordentlich geistreich. Und was ist in der Wirklichkeit eingetreten? In der Wirklichkeit ist nämlich das eingetreten, daß gerade auf den Gebieten, wo man erwartet hat, daß durch die Goldwährung die wirtschaftlichen Grenzen fallen, diese doch als notwendig sich herausgestellt haben oder wenigstens von vielen als notwendig betont worden sind. Aus dem wirklichen Wirtschaftsleben heraus hat sich ergeben das Gegenteil von dem, was aus theoretischen Erwägungen heraus gerade von den gescheitesten Leuten vorausgesagt worden ist.
Es ist dies eine sehr wichtige historische Tatsache, die nicht allzu weit hinter uns liegt, aus der man nur die nötigen Konsequenzen ziehen sollte. Und welches sind diese nötigen Konsequenzen? Es sind diese, die sich einem immer ergeben, wenn man in die wirkliche Wirtschaftspraxis hineinschaut: daß auf dem Gebiete des eigentlichen Wirtschaftslebens, das aus Warenproduktion, Warenzirkulation, Warenkonsum besteht - lassen Sie mich das Paradoxon aussprechen, ich halte es für eine Wahrheit, die sich wirklich dem unbefangenen Betrachten ergibt -, dem einzelnen seine Gescheitheit gar nichts nützt. Man kann noch so gescheit sein, kann über das wirtschaftliche Leben noch so gescheit nachdenken, die Beweise können restlos stimmen, aber sie werden sich im wirtschaftlichen Leben nicht bewahrheiten. Warum das? Weil das wirtschaftliche Leben überhaupt nicht durch die Erwägung des einzelnen umfaßt werden kann, sondern weil das wirtschaftliche Erfahren, das wirtschaftliche Erkennen nur durch die Verständigung von in verschiedener Weise am Wirtschaftsleben Interessierten zu gültigen Urteilen kommen kann. Niemals kann der einzelne ein bündiges Urteil, auch nicht durch Statistik darüber gewinnen, wie die Wirtschaft laufen soll, sondern nur durch Verständigung, sagen wir, von Konsumenten und Produzenten, die sich in Gesellschaften vereinigen, wodurch der eine dem anderen sagt, was für Bedürfnisse vorliegen, der andere dem einen das sagt, was die Produktion als Möglichkeit hat. Nur wenn ein Kollektivurteil aus der Verständigung innerhalb von Gemeinschaften des wirtschaftlichen Lebens entsteht, kann ein gültiges Urteil für das Wirtschaftsleben sich ergeben.
Hier berühren wir allerdings etwas, wo die äußere Wirtschaftserkenntnis an, ich möchte sagen, Wirtschaftspsychologie stößt. Aber das Leben ist ja ein Einheitliches, und man kann eben die Seelen der Menschen nicht umgehen, wenn man vom praktischen Leben wirklich sprechen will. Um was es sich handelt ist also, daß ein wirkliches wirtschaftliches Urteil nur folgen kann aus der Verständigung der im Wirtschaftsleben Drinnenstehenden, aus den Erkenntnissen heraus, die sich die einzelnen als Partialerkenntnisse erwerben, und die erst zu adäquaten Urteilen werden dadurch, daß sich die einzelne Erkenntnis des einen an der Erkenntnis des anderen abschleift. Nur die Auseinandersetzung kann im wirtschaftlichen Leben zu gültigen Urteilen führen. Damit aber haben wir zwei radikal verschiedene Gebiete des menschlichen Lebens. Und je praktischer man das Leben anschaut, desto mehr ergibt sich, daß die beiden Gebiete verschieden sind voneinander, und daß zum Beispiel die Produktion, die ja erfordert, daß man die Kenntnisse hat, wie produziert werden soll, wie man aus den menschlichen Fähigkeiten heraus arbeitet, durchaus das menschliche Individuum auf den Plan ruft, daß aber alles dasjenige, was mit der Ware, mit dem Gute geschieht, wenn es produziert ist, dem Kollektivurteil unterliegt. Zwischen beiden Gebieten drinnen steht ein drittes, wo nun nicht der einzelne dasteht, um seine Fähigkeiten, die er sich durch die Geburt ins Leben gebracht hat, zu entfalten, wo er auch nicht mit irgendwelchen anderen sich verbinden kann, um an ihnen sein wirtschaftliches Urteil abzuschleifen und ein Kollektivurteil zustande zu bringen, das für die Bewertung des wirtschaftlichen Lebens in der Praxis gelten kann, sondern wo er so gegenübersteht dem Menschen, daß dieses Gegenüberstehen ein rein Menschliches, ein Verhältnis von Mensch zu Mensch ist.
Und dieses Gebiet umfaßt alle Verhältnisse, in denen eben der einzelne Mensch dem einzelnen Menschen unmittelbar gegenübersteht, nicht als Wirtschaftender, sondern als Mensch, wo er es auch nicht zu tun hat mit den Fähigkeiten, die einem angeboren oder anerzogen sind, sondern wo er es zu tun hat mit dem, was er in dem sozialen Organismus tun darf oder wozu er verpflichtet sein kann, wozu er sein Recht hat, mit dem, was er im sozialen Organismus eben bedeutet, indem der Mensch als Mensch dem anderen Menschen rein menschlich gegenübersteht, abgesehen von seinen Fähigkeiten, abgesehen von seiner wirtschaftlichen Position. Das ist das dritte Gebiet des sozialen Organismus.
