Priorität nach Ende der Dreigliederungsbewegung bei Befreiung des Geisteslebens

Quelle: GA 342, S. 202-206, 1. Ausgabe 1993, 16.06.1921, Stuttgart

Alles dasjenige, was heute in solchen Dingen von Anthroposophie kommt, steht durchaus auf dem Boden der Wirklichkeit und ist immer darauf aus, den Boden der Wirklichkeit nicht zu verlassen. Die Dreigliederungsbewegung hat im Frühling 1919 begonnen, in der Zeit, als besonders über Mitteleuropa eine erwartungsvolle Stimmung bei großen Teilen der Bevölkerung ausgegossen war. Diese erwartungsvolle Stimmung war allerdings in verschiedener Weise ausgegossen, aber es war eine solche Stimmung da, ich möchte es einfach so ausdrücken, daß eine größere Anzahl von Menschen glaubte, wir sind in das Chaos hineingeworfen und wir müssen durch vernünftige Harmonisierung der sozialen Kräfte weiterkommen. Diese Stimmung war vielfach verbreitet, als ich im April 1919 mit der Tätigkeit für die Dreigliederung begann.

Nun, ich habe dazumal, aus der Form heraus, die ich meinen Vorträgen über die Dreigliederung gegeben habe, sehr häufig geschlossen damit, daß dasjenige, was da gemeint ist, sehr bald in Wirklichkeit umgesetzt werden soll, denn es könnte sehr bald zu spät sein, und diese Formel «Es könnte sehr bald zu spät sein» können Sie in den damals nachgeschriebenen Vorträgen sehr häufig finden. Es war dazumal die Zeit, wo man in der Form, wie ich es formuliert habe, hätte etwas ausrichten können, wenn die Gegner nicht zu stark angewachsen wären, eine zu starke Macht geworden wären. Nun liegt ja die Sache so: Es ist seit jener Zeit in Mitteleuropa eine furchtbare reaktionäre Welle heraufgezogen, viel stärker als man denkt, und man muß das durchaus ernst nehmen. Damit ist die Dreigliederung nicht als Prinzip getroffen - das ist dauernd -, aber so wie man dazumal sie verwirklichen wollte, so kann sie nicht mehr verwirklicht werden. Was aus dem Realen der Zeit gedacht ist, ist für die Zeit gedacht, und man würde zum Abstrakten kommen, wenn man so etwas nicht einsehen wollte. Wir stehen heute auf dem Punkt, wo gesagt werden muß, es müssen neue Formen gesucht werden, um aus dem Chaos herauszukommen. Man hat nicht mehr in denselben Formulierungen vor die Welt hinzutreten, wenn man die Dreigliederung selbst vertritt. Insbesondere haben wir heute notwendig als unbedingt Wichtiges, was wiederum zu irgendeinem Licht führen kann, wir haben heute nötig - so unbehaglich es sein mag - ein Hineinleuchten in die ganze Welt der Unwahrhaftigkeit, welche unser geistiges Leben durchzieht. Wir müssen einmal hineinleuchten in diese Unwahrhaftigkeit des geistigen Lebens. Das ist das eine, das Negative. Und das Positive ist: Wir müssen nun, so schnell als das geht, zur Verwirklichung des einen Teiles der Dreigliederung kommen, zur Befreiung des geistigen Gebietes. Wir müssen weniger abstrakte Dreigliederung treiben, denn Sie können heute nicht in der Form, wie wir 1919 begonnen haben, wiederum die Dreigliederung in die Wege leiten - heute ist das Gegnertum zu stark. Nur in der Erkenntnis dessen, was Zeitmacht ist, liegt dasjenige, was uns noch schützen kann vor der Null, spenglerisch gesprochen, nämlich vor dem Heraufkommen des Unterganges. Sie müssen trachten, daß das Konstituieren des freien Geisteslebens gefordert ist.

Die Wirtschaftswissenschaftler sind in einer solchen Weise versumpft und verdorben in ihren Anschauungen, daß gar keine Rede davon sein kann, die Dreigliederung zu verstehen; dazu sind die niemals zu bewegen. Wie wenig die Dreigliederung verstanden worden ist auf diesem Gebiet, das tritt einem schrecklich entgegen. Ich will Ihnen ein Beispiel sagen: Hier an diesem Ort, als eine Dreigliederungssitzung im Anfang gehalten wurde, da stand ein sehr bekannter Vorsitzender einer bekannten Partei vor mir - wir hatten ein großes Komitee zusammengebracht und er war damals darunter -, der sagte zu mir: «Die Sache mit der Dreigliederung, es wäre recht schön, wenn man es haben könnte, aber vorläufig versteht es ja kein Mensch, und verstehen tut man es nur, wenn Sie zu den Leuten reden» - ich sage das nicht aus Unbescheidenheit, sondern nur, um etwas an diesem Beispiel zu zeigen -, «und auf zwei Augen darf das nicht gebaut werden. Wir wissen ja, daß in 15 bis 20 Jahren die letzten Reste von dem, was wir da haben, doch in den Niedergang kommen. Heute könnten wir das noch aufhalten, wenn wir die Dreigliederung durchführen würden. Die kennt aber weiter niemand, und so wenden wir diese 15 bis 20 Jahre noch lieber die alten Gedanken an, als Ihre Dreigliederung.» -

Dies ist ein Beispiel für das Verständnis, das die Politik der Sache entgegengebracht hat. Es ist nur zu hoffen, daß man zunächst noch die letzten Reste der geistigen Impulse sammeln kann, um diese Befreiung des Geisteslebens auf religiösem Gebiet, auf dem Gebiet der Kunst und auf dem wissenschaftlichen Gebiet zu versuchen. Das sind ja die drei Unterformen; jedes der drei Glieder hat ja wieder drei Untergebiete. Das geistige Gebiet hat als Untergebiete Religion, Wissenschaft und Kunst. Wenn es gelingt, auf diesen Gebieten die Befreiung des Geisteslebens zu erreichen, dann werden sich von selber, vielleicht eher als wir glauben, aus dem Vorbild des freien und befreiten Geisteslebens die Leute finden, die auch ein Verständnis haben für die Gleichheit im Staatsleben und für die Brüderlichkeit im Wirtschaftsleben. Das nächste ist also, mit aller Kraft hinzuarbeiten auf die Verselbständigung des einen Gliedes. Vorläufig ist für Sie das eine wichtig: für die Befreiung des religiösen Gebietes zu arbeiten; das ist dasjenige, was Sie ja tun müssen. Man darf das Wort Dreigliederung nicht gebrauchen in der abstrakten, sondern muß es gebrauchen in der konkreten Form, indem man den größten Wert legt auf die Verselbständigung des einen Gebietes, das namentlich durch die Verlogenheit unter die Räder gebracht worden ist. Es wäre eine Illusion, wenn man nicht sehen würde, wie rasend wir in den Niedergang hineingehen. Wenn Sie auf die Tatsachen hinblicken, können Sie sich eigentlich nicht vorstellen, daß sehr lange so weiter gewirtschaftet werden kann. Die Zinsen für die Schulden des Deutschen Reiches sind 85 Milliarden im letzten Jahre 1920/21 - die Zinsen, nicht die Schulden. Es wird darauf hingewiesen, daß die Steuerleistung der Bewohner Mitteleuropas auf das Dreifache angehoben werden muß. Wie will man da zurechtkommen? Heute gibt es Leute, die zahlen 60 % Steuern von dem, was ihr Einkommen ist; die werden dann, wenn sie das Dreifache zahlen müssen, 180 % zu zahlen haben, und ich bitte Sie zu überlegen, wie man 180 % Steuern bezahlen soll und wie die Wirklichkeitslogik aussieht bei den Leuten, die über öffentliche Angelegenheiten reden. Wir sind am Hineinrutschen in das furchtbarste Chaos. Heute ist es dazu noch so, daß man sagen muß, die Dinge werden noch immer verfälscht dargestellt.

Ich habe vor einiger Zeit in einem Kreise von Industriellen einen Vortrag gehalten und habe hingewiesen auf die wahre Tatsache, daß die Städte vor dem Verkrachen stehen mit ihren Haushalten; sie haben sich noch gehalten, weil von Seiten der Sparkassen eine Korrektur gekommen ist, aber mit einer solchen Korrektur kann man nur so weit kommen, bis die Kassen leer sind. Man kann einen Rock noch behalten, wenn man nicht die nötigen Mittel hat, einen neuen zu kaufen; dann trägt man eben die alten Kleider weiter - so wie man eben heute die alten Wirtschaftspraktiken weiterträgt -, einmal werden sie eben vom Leibe fallen. Das ist nur eine Täuschung, wenn sich die Leute behaglich fühlen und von Aufstieg reden. Wir sind durchaus in einem Niedergang.

Wenn es möglich ist, das Geistesleben zu retten, dann ist auch die Zivilisation gerettet. Aber es ist notwendig, heute sich wiederum des Wandels der Zeit bewußt zu sein. Mißverstehen Sie mich nicht, ich rede nicht davon, daß die Dreigliederung abgesetzt werden muß, aber so wie man es dazumal betrieben hat, wie es möglich gewesen wäre durch ein Konstituieren der drei nebeneinander bestehenden Glieder, so ist es heute nicht mehr möglich. Heute muß man retten, was noch zu retten ist, und das ist dasjenige, was in den Menschenseelen vorhanden ist. Zur Befreiung des Geisteslebens zu kommen, das ist dasjenige, was man heute natürlich versuchen muß.