Geistiges Totalurteil und wirtschaftliches Kollektivurteil

Quelle: BIB 000b, S. 116-117, 2. Ausgabe 1980, 25.02.1921

Im Geistesleben strebt der Mensch an, aus seiner Seele heraus zu einer Erfassung der Lebensharmonie zu kommen. Eine gewisse Totalität des Lebens muß auch der einfachste Mensch haben in bezug auf das geistige Leben. In bezug auf das wirtschaftliche Leben können wir das niemals. Da muß der Mensch, wenn er nur wirklich Lebensbeobachtung, wenn er Lebenssinn hat, sich das Geständnis machen: Im wirtschaftlichen Leben gibt es für den einzelnen Menschen kein Totalurteil.

Ein Beispiel: die Befürworter der Goldwährung haben um die Mitte des 19. Jahrhunderts scharfsinnig und mit den besten Argumenten «bewiesen», daß unter der Goldwährung der freie Handel blühen und die Zollgrenzen fallen würden. In Wirklichkeit sind dann aber überall Schutzzölle errichtet worden. Was liegt da vor?

Da liegt vor, daß im Gebiete des Wirtschaftslebens einem diejenige Gescheitheit, durch die man gerade im Geistesleben als individueller Mensch fortschreitet, nichts nutzt. Das ist eine tiefe, bedeutsame Wahrheit, daß der Einzelmensch noch so gescheit sein kann, wenn sein wirtschaftliches Urteil Tragkraft haben soll, so gilt ein noch so gescheites Urteil aus individuellen Fähigkeiten heraus gar nichts. Im wirtschaftlichen Leben ist nur maßgebend, was wir uns aneignen durch Sachkenntnis und Fachtüchtigkeit innerhalb der einzelnen Fächer des Wirtschaftslebens. Das aber kann sich im Wirtschaftsleben nicht unmittelbar entfalten, sondern das ist darauf angewiesen, daß es sich ergänzt durch das, was andere in anderen Branchen als maßgebendes, für die Wirklichkeit tragkräftiges Urteil entwickeln. Im Wirtschaftsleben kann nur maßgebend sein, was Kollektiv-Urteil ist, was aus einer bestimmten Gruppe von Menschen, die die verschiedensten Wirtschaftszweige miteinander vereinigen, festgestellt wird. Aber nicht so, daß man es mit gegenseitigem «Rat» zu tun hat. Beim Beraten kommt nicht viel heraus, kommt nur ein wesenloses Parlamentarisieren heraus. Sondern so, daß man es zu tun hat mit in Verhältnis zueinander kommenden gegenseitigem Interessen, - daß man es zu tun hat mit dem werktätigen Leben selber, - daß der eine dieses, der andere jenes zu realisieren hat, - daß der eine geltend zu machen hat eine Fähigkeit auf einem bestimmten Gebiet, der Produktion, der andere auf einem andern usw. Und es ist durchaus möglich, daß sich Assoziationen bilden, in denen sich Menschen der verschiedensten wirtschaftlichen Lebenskreise vereinigen. Von Bedürfnissen gehen die Dinge aus, und es handelt sich darum, daß mit denjenigen Menschen, welche aus ihren Lebenserfahrungen über die Bedürfnisse gewisser Kreise sprechen können, sich andere Menschen vereinigen, die in bestimmten Produktionszweigen drinnen stehen, welche diesen Bedürfnissen abhelfen.