Spaltung der Individualität durch Reinkarnation in Waldorfschule spüren lassen

Quelle: GA 203, S. 033-043, 1. Ausgabe 1978, 06.01.1921, Stuttgart

Wir werden ja ganz gewiß als Bekenner anthroposophischer Geisteswissenschaft leicht vordringen zu der Überzeugung von den wiederholten Erdenleben, von der Verursachung dessen in einem früheren Leben, was - trotz des vollen Bestandes der Freiheit - mit einem Menschen vorgeht, oder was ein Mensch unternimmt in seinem jetzigen Leben. Wenn es sich aber darum handelt, das konkrete Leben zu begreifen, dann fügen wir uns allzuleicht den Vorstellungen, die die letzten Jahrhunderte hervorgebracht haben und die ja eigentlich zum Ergreifen des Menschenlebens durchaus nicht ausreichen, die ganz geeignet sind, gewisse Tatsachen des natürlichen Geschehens zu begreifen, die aber stumpf sind gegenüber der ganzen Kompliziertheit des Menschenlebens. Und man möchte sagen: Am weitesten zurückgeblieben hinter dem, was heute Lebensforderung ist, ist eigentlich das wissenschaftliche Leben. Aber dieses wissenschaftliche Leben übt wiederum einen großen Einfluß [] aus auf das Denken der breitesten Menschenmassen. Ich habe gar nicht, wenn ich von der Wirkung dieses wissenschaftlichen Lebens rede, diejenigen im Auge, die zur Wissenschaft in irgendeiner Beziehung stehen. Ich habe die ganze breite Masse der Menschheit im Auge, die sich in den wichtigsten Lebensfragen den autoritativen Weisungen derjenigen fügt, die nun einmal durch die äußeren Einrichtungen berufen erscheinen, über diese oder jene Dinge zu urteilen. Dann richtet man sich nach solchen Urteilen. Aber in solchen Urteilen ist nichts enthalten von einem wirklichen Verständnis des Menschenlebens. Es muß hineingetragen werden in dieses Menschenleben dasjenige, was aus anthroposophischer Geisteswissenschaft fließen kann. Vor allen Dingen muß es hineingetragen werden in diejenigen Zweige des öffentlichen Unterrichtes, welche die Grundlage abgeben für das Verständnis des Lebens.

Wenn heute der eine oder der andere herantritt an Geisteswissenschaft, so fängt er an, das, was den wiederholten Erdenleben zugrunde liegt, zu begreifen. Wenn er aber dann sich unterrichten will über dasjenige, was in der Gegenwart vorgeht, und wenn er außer anderem vielleicht an die Geschichte herantritt - ich meine jetzt unter Geschichte das, was zur Bildung der breitesten Masse gehört -, dann herrscht gerade in dem, was da Geschichte ist, jene Denkweise, die nur geeignet ist, die Naturdinge und Naturtatsachen zu erklären. Immer mehr ist die Menschheit dazu gekommen, gerade aus der Geschichte alles Geistige herauszustreichen. Und wenn heute jemand sich die Tatsachen erklären will, die aus dem geschichtlichen Leben auf irgendeinem Gebiet hervorgehen, dann kann er das kaum anders, als daß er sich über dasjenige unterrichtet, was erlebt hat die frühere Generation, die zweite frühere Generation, die dritte Generation und so weiter, hinauf durch die Jahrhunderte. Wie lernt, um ein konkretes Beispiel herauszugreifen, heute der Deutsche seine Geschichte? Er faßt ins Auge eben die Menschen, die da in Mitteleuropa gelebt haben, zu denen er selber gehört. Er läßt sich erzählen die Hergänge, die sich abgespielt haben mit diesen Menschen; er verfolgt diese Hergänge hinauf zu den Vätern, Großvätern, Urgroßvätern, zu den früheren Generationen. Er dringt dann vor, rückwärtsgehend, vielleicht bis in die Zeit des Mittelalters. Man hat immer das Bewußtsein, daß man es da zu tun hat mit einer fortströmenden Menschheit, die man [] bis zur Völkerwanderung und so weiter zurückverfolgt, und man will sich erklären, was den Menschen der Gegenwart geschieht, aus dem, was geschehen ist mit Bezug auf diese vorhergehenden Generationen. Man lernt kennen den fortlaufenden Strom des geschichtlichen Werdens, wie er sich in der Folge dieser Generationen abspielt. Man hat eigentlich nur den Begriff der Vererbung mit Bezug auf die Menschen, man denkt sich, daß die Söhne gewisse Dinge von ihren Vätern ererbt haben, seien es ihre Eigenschaften, sei es, daß ihnen geblieben ist, was die Väter gestiftet haben und so weiter. Also man geht in der Zeit hinauf von der gegenwärtigen Generation zur vorhergehenden und so fort.

Wenn wir nun die Sache geisteswissenschaftlich ansehen, ist sie denn dann eine volle Wirklichkeit? Liegt denn die Sache nicht so, daß die Seelen, die in den gegenwärtigen Menschenleibern eine Generation sind, durchaus nicht in ihrem früheren Erdenleben in diesem Mitteleuropa verkörpert gewesen zu sein brauchen, daß sie vielleicht ganz woanders unter ganz anderen Verhältnissen verkörpert waren?

Die Kräfte, die sie sich mitgebracht haben aus ihren früheren Verkörperungen, die tragen sie in die gegenwärtigen Leiber herein. Die wirken doch wahrhaftig ebenso wie das, was mit dem Blut heruntergeronnen ist durch die Generationen, die wirken zusammen mit diesen äußerlichen, physisch vererbten Merkmalen. Kann man sich denn der Illusion hingeben, daß man die Gegenwart versteht hinsichtlich ihrer Menschen, hinsichtlich der Tatsachen, die geschehen, wenn man nur ein Stück Wirklichkeit, nicht die volle Wirklichkeit ins Auge faßt, wenn man sich nicht sagt: In den Menschen der Gegenwart leben eben Seelen, in denen Kräfte walten, die uns durchaus nicht zurückführen durch die Generationen, sondern die uns vielleicht in ganz andere Regionen führen, wo diese Seelen in einem früheren Leben waren? - Man versteht nicht, was auf der Erde vorgeht, wenn man nicht im konkreten Sinne ernst nimmt dasjenige, was in der Anerkennung der Tatsache der wiederholten Erdenleben liegt. Man kann nicht in ehrlicher Weise auf der einen Seite ein abstrakter Bekenner der wiederholten Erdenleben sein und auf der anderen Seite Geschichte so betrachten, wie sie heute betrieben wird. Da schneidet man eben mitten auseinander auf der einen Seite das äußere Leben, in dem man sich ganz fügt dem Traditionellen, und auf [] der anderen Seite dasjenige, was man eigentlich für das Wesentliche anerkennt. Es muß immer mehr und mehr das Bedürfnis entstehen, die Dinge, die man aus geistigen Untergründen heraus als Wahrheit erkannt hat, wirklich auch im Leben drinnen zu sehen. [...]

Wir müssen uns klar sein darüber, daß wir zu studieren haben die Art und Weise, wie sich eine Seele äußert in der Gegenwart, wie ihre Aspirationen sind, wie ihre Art des Denkens ist. Um das alles zu wissen, müssen wir uns davon unterrichten, daß ein großer Teil der gegenwärtigen Bevölkerung nur begriffen werden kann, wenn wir nicht bloß wie gang und gäbe Geschichte in der Generationenströmung hinnehmen, sondern wenn wir wissen, daß in denjenigen Leibern, die allerdings in [] bezug auf die bloße Blutsverwandtschaft zurückgehen auf ihre Väter, Großväter, Urgroßväter und so weiter bis hinauf in die Zeiten Karls des Großen und weiter zurück, Seelen tätig sind, ihnen die ganze seelische Konfiguration gebend, welche im fernen Amerika gelebt haben und von Europäern überwunden worden sind. [...]

Sie werden sehen, wie fruchtbar es ist, wenn Sie dasjenige, was Ihnen in dieser oder jener Tatsache, in diesem oder jenem Benehmen von Menschen der gegenwärtigen Generation entgegentritt, sich dadurch verständlich zu machen versuchen, daß Sie solche Dinge ins Auge fassen, und wenn Sie dabei das Bewußtsein entwickeln: Jetzt erst ergreife ich die volle Wirklichkeit, während ich im Grunde genommen - wenn es auch eine äußerlich wahrnehmbare Abstraktion ist - doch nur vor einer Abstraktion stehe, wenn ich mir erzählen lasse die Geschichte der Generationen.

Es ist schon notwendig, daß Sie sich klarmachen, wie wenig die große Mehrheit der heutigen Menschheit geneigt ist, in einer solchen Weise wirklich zur Selbsterkenntnis hinzustreben, wie wenig man den Mut findet, hinauszugehen aus demjenigen, was auch in der Geschichte nur die äußerliche, physisch-sinnliche Beobachtung ist. Es ist ja gerade auf dem Gebiete desjenigen, was dann auf dem Wege des Unterrichts in unsere jungen Seelen fließt, so klar zu bemerken, wie die Menschen heute herausgerissen werden aus der ganzen vollen Wirklichkeit des Lebens dadurch, daß ihnen eigentlich überall nur ein Stück der Wirklichkeit beigebracht wird.