Diktatur durch demokratischen Trieb unmöglich

Quelle: GA 024, S. 183-184, 2. Ausgabe 1982, 11.1920

Man darf die mächtige sozialistische Bewegung, welche die moderne Zivilisation erschütterte, nicht in die Begriffe einfangen wollen, mit denen man vor einem Jahrzehnt an sie herantrat. Da dachte man, mit Staatspolitik sie bewältigen zu können. Man gestaltete diese Staatspolitik verschieden, je nachdem man konservativ, liberal oder sozialistisch war, aber man zweifelte nicht daran, daß Staatspolitik in irgendeiner Art die öffentlichen Angelegenheiten bewältigen müsse.

Doch diese Angelegenheiten zeigen gegenwärtig mit aller Deutlichkeit, daß sie überall der Staatspolitik sich nicht fügen wollen. Und sieht man genauer auf den Gang der Ereignisse hin, so wird man finden können, daß die Anschauungen über den Staat, die man heute geltend machen will, nirgends mit den Gesamtbestrebungen der Menschheit zusammenfallen. Im europäischen Osten wollen Fanatiker einen Staat in der Form zimmern, die ihnen als Wirtschaftsgemeinschaft vorschwebt. Zwar versichern sie, daß ihr entferntes Ziel die Hinwegräumung jeglichen Staatsgebildes sei. Vorläufig aber wollen sie einen militaristisch organisierten Wirtschaftsstaat gestalten. Er trägt die Keime des Verfalls in sich. Denn in der Menschheit wirkt gegenwärtig ein politisch-demokratischer Trieb, der sich in einem militarisierten Wirtschaftsstaat nicht zur Geltung bringen kann. Die «Diktatur» des Proletariats könnte für kurze Zeit diesen Trieb lähmen; austilgen kann sie ihn nicht.