Nach der Emanzipation von Wirtschafts- und Geistesleben stellen sich Detailfragen anders

Quelle: GA 337b, S. 241-244, 1. Ausgabe 1999, 12.10.1920, Dornach

Wer kommt denn nun eigentlich in Betracht, wenn die Dreigliederung des sozialen Organismus propagiert werden soll? Die Besitzenden können nicht in Betracht kommen, denn sie haben ja keine anderen Bestrebungen, als ihren Besitz ungestört zu erhalten.

Sie denken auch nicht daran, andere Gedanken anzunehmen als diejenigen, durch die sie ihren Besitz gewonnen haben. Sie verschlafen außerdem noch alle die wichtigen Ereignisse der Gegenwart, sie wissen nichts davon. Sie wissen höchstens, daß jetzt wieder einmal die Polen die Oberhand haben; früher machten sie ihre Pläne, als die Russen die Oberhand hatten und so weiter. Daß dasjenige, was da im Osten aufgeht, nicht besiegt ist mit irgendeinem Polensieg, davon merken wiederum die lieben Bourgeois West- und Mitteleuropas nichts. Und wenn dasjenige, was da lebt im Osten, nicht von jenen Impulsen aus bekämpft werden kann, die in der Dreigliederungsrichtung liegen, geht das wiederum hinein in einen anderen Kopf; wenn es auch in der einen Form besiegt und totgeschlagen wird, so geht es in einer anderen, neuen Form wiederum auf. Also die Frage ist schon in einem gewissen Sinne mit Recht gestellt; es ist richtig, die Besitzenden kommen kaum in Betracht, und das Proletariat, die Proletarier wollen ja auch, wie es sich gezeigt hat, zunächst nichts davon wissen. Aber, meine sehr verehrten Anwesenden, diese Frage brauchen wir gar nicht so aufzuwerfen, sondern wir brauchen nur zu versuchen, in der Richtung, die ich eben angegeben habe, das Rechte zu tun und wirklich das kennenzulernen, was da ist, nicht schläfrig vorbeizugehen an der Gegenwart. Was wissen die Bourgeois in der Regel davon, was in den Gewerkschaften vor sich geht? Sie wissen gar nichts davon. Ja, die gewöhnlichste Erscheinung des heutigen Tages ist diese: man geht als Bourgeois auf der Straße an einem Arbeiter vorbei, und eigentlich geht man an ihm so vorbei, daß man keine Ahnung davon hat, in welchem Zusammenhange man mit ihm steht. Es handelt sich darum, daß wir unsere Pflicht nach der Richtung des Fortschrittes getan haben, so wie ich das jetzt angedeutet habe - dann findet sich schon das Wesentliche. Und es handelt sich ja gerade darum, daß wir heute, wo wir schon die konkreten Bestrebungen entwickeln können, das assoziative Prinzip so, wie ich es vorgestern charakterisiert habe, da, wo wir nur können, in das Leben rufen und daß wir da, wo wir es heute schon können, alles dazu tun, um das gewerkschaftliche Leben aufzulösen und assoziative Verbände zu schaffen zwischen den Unternehmenleitenden und den Arbeitenden, den Arbeitnehmern. Wenn wir hinarbeiten können nach der Auflösung des Gewerkschaftslebens, so können wir manches andere tun. Vor allem können wir dasjenige, was der Bund für Dreigliederung des sozialen Organismus ist, von uns aus stärken. Ich meine natürlich mit «uns» jetzt unterschiedslos alle diejenigen, die hier sitzen, nicht etwa bloß die Mitglieder der Anthroposophischen Gesellschaft - unter denen sind ja solche, die heute noch immer sagen: Dem wirklichen Anthroposophen muß das politische Leben ferneliegen, der kann sich nur mit dem politische Leben befassen, wenn sein Beruf das notwendig macht. - Das kommt auch vor, solche Egoisten gibt es, und die nennen sich trotzdem Anthroposophen, die glauben, gerade ein besonders esoterisches Leben zu entwickeln, indem sie sektenmäßig sich zusammensetzen mit einer kleinen Anzahl von Menschen und ihre Seelenwollust befriedigen im Durchdringen mit allerlei Mystik. (Beifall) Meine sehr verehrten Anwesenden, das ist nichts anderes als die sektenmäßig organisierte Lieblosigkeit; das ist bloß Reden von Menschenliebe, während jenes gerade aus der Menschenliebe, das heißt aus dem innersten Prinzip anthroposophischen Wirkens hervorgegangen ist. Was sich im Bund für Dreigliederung ausdrücken soll, das ist dasjenige, worauf es ankommt, und diese Dinge heute zu verstehen, ist unendlich wichtig und wichtiger, als alle Detailfragen auszubrüten. Denn, meine sehr verehrten Anwesenden, solche Fragen, die konkrete Fragen sein werden, die werden sich übermorgen in einer ganz anderen Weise noch ergeben, als wir uns träumen lassen, wenn wir morgen irgendeiner Einrichtung auf die Beine geholfen haben, die nun wirklich zur Emanzipation des Wirtschaftslebens vom Staatsleben etwas Reales beiträgt; dann erst entstehen nämlich die Aufgaben.

Wir haben gar nicht nötig, aus den heutigen Auffassungen heraus die Fragen zu stellen, zum Beispiel, wie die Personen aus der geistigen Organisation die Überleitung des Kapitals besorgen werden. Lassen sie nur einmal etwas geschehen sein zur Entstehung der Dreigliederung, lassen Sie nur einmal Tatkräftiges entstanden sein, dann werden Sie sehen, was für eine Bedeutung so etwas haben wird, wie das, was man heute als Frage stellen kann. Heute stellen Sie ja natürlich, wenn Sie den geistigen Organismus, das heißt die Summe der niederen und höheren Schulanstalten betrachten und in bezug auf einzelnes Fragen stellen, dann stellen Sie die Fragen in bezug auf eine staatskorrupte Einrichtung. Sie müssen erst warten, welche Fragen gestellt werden können, wenn die Emanzipation des Geisteslebens da ist. Da werden sich die Dinge ganz anders herausstellen als heute. Und so ist es auch im Wirtschaftsleben. Die Fragen, die da notwendig sind zu stellen, die ergeben sich erst. Daher ist es von keiner großen Fruchtbarkeit, heute irgendwie im allgemeinen zu reden von Assoziationen und so weiter, und es kommt nicht viel dabei heraus, wenn man sich eine Vorstellung machen will, wie eine Assoziation wirklich sich an die andere angliedern muß. Lassen Sie nur einmal diejenigen wirtschaftlichen Assoziationen entstehen, innerhalb welcher man dann ohne Staatshilfe, ich meine auch im Geistigen ohne Staatshilfe arbeiten muß, denn dann werden sich die richtigen Fragen ergeben, denn dann muß man auf sich selbst gestellt arbeiten, dann muß man wirtschaftlich denken, damit die Dinge überhaupt gehen können. Und das wird von allergrößter Bedeutung für den wirtschaftlichen Fortschritt sein.