Assoziation der Ungleichen anstelle des Konkurrenzprinzips

Quelle: GA 337b, S. 230-235, 1. Ausgabe 1999, 12.10.1920, Dornach

Nehmen Sie eines der letzten großen Produkte des Kapitalismus, nehmen Sie dasjenige, aus dem heraus zunächst die stärksten Hindernisse für unsere Dreigliederungsbewegung - außer der Verschlafenheit und der Korruption des Großbourgeoistums - sich gebildet haben: das ist die gewerkschaftliche Bewegung der Proletarier. Diese gewerkschaftliche Bewegung der Proletarier, meine sehr verehrten Anwesenden, die ist das letzte maßgebende Produkt des Kapitalismus, denn da schließen sich Menschen zusammen rein aus dem Prinzip, rein aus den Impulsen des Kapitalismus heraus, wenn es auch angeblich die Bekämpfung des Kapitalismus ist. Es schließen sich Menschen zusammen ohne Rücksicht auf irgendwelche konkrete Gestaltung des Wirtschaftslebens; sie tun sich zu Branchen zusammen, Metallarbeiterverband, Buchdruckerverband und so weiter, lediglich um Tarifgemeinschaften und Lohnkämpfe herbeizuführen. Was tun denn solche Verbände? Sie spielen Staat auf dem Wirtschaftsgebiete. Sie bringen das Staatsprinzip in das Wirtschaftsgebiet vollständig hinein. Ebenso wie die Produktionsgenossenschaften - die Verbände, die gebildet werden von den Produzenten untereinander - entgegenstehen dem Assoziationsprinzip, so stehen entgegen dem Assoziationsprinzip diese Gewerkschaften. Und wer wirklich unbefangen die Entwicklung der so sterilen, so unfruchtbaren, so korrupten Revolutionen der Gegenwart studieren wollte, der müßte ein wenig hineinschauen in das Gewerkschaftsleben und in seinen Zusammenhang mit dem Kapitalismus. Ich meine damit nicht bloß die kapitalistischen Allüren, die in das Gewerkschaftsleben auch schon hineingezogen sind, sondern ich meine das ganze Verwachsensein des Gewerkschaftsprinzipes mit dem Kapitalismus.

Sehen Sie, da komme ich auf dasjenige, was nun gewiß in einem gewissen Sinne auch notwendig ist. Ich habe Ihnen vorgestern charakterisiert: Die Assoziationen, sie gehen von Branche zu Branche, sie gehen vom Konsumenten zum Produzenten hinüber. Dadurch entstehen nämlich schon die Verbindungen zwischen den einzelnen Branchen, denn es ist immer derjenige, der Konsument ist von irgend etwas, zu gleicher Zeit auch Produzent; das geht schon ineinander. Es kommt nur darauf an, daß man überhaupt mit dem Assoziieren anfängt. Anfangen kann man, das habe ich schon vorgestern erwähnt, zunächst allerdings am besten, indem man Konsumenten und Produzenten zusammenführt auf den verschiedensten Gebieten und dann beginnt, wie wir heute gesehen haben, Assoziationen zu bilden vor allen Dingen zusammen mit dem, was der Landwirtschaft nahesteht und was reine Industrie ist. Ich meine damit nicht eine Industrie, die selber noch ihre Rohstoffe gewinnt, die steht der Landwirtschaft näher als die Industrie, die schon ein ganzer Parasit ist und nur mit lauter Industrieprodukten und Halbfabrikaten und so weiter arbeitet. Man kann da ganz ins Praktische hineinkommen. Wenn man nur will und wenn man genügend Initiative hat, kann man auf Bildung dieser Assoziationen schon losgehen. Aber vor allen Dingen haben wir nötig, daß wir einsehen, daß das assoziative Prinzip das eigentlich wirtschaftliche Prinzip ist, denn das assoziative Prinzip arbeitet auf die Preise hin und ist in der Preisbestimmung unabhängig von außen. Wenn die Assoziationen nur über ein genügend großes Territorium und über die verwandten Wirtschaftsgebiete, über die mit irgendeinem wirtschaftlichen Zweige zusammenhängenden Gebiete sich ausdehnen, da kann man schon sehr viel leisten. Sehen Sie, wodurch die Sache stockt, das ist immer nur das, daß man, wenn man heute anfängt mit der Bildung eines assoziativen Lebens, ja sogleich in der Außenwelt an den Unwillen der Menschen über assoziative Bildungen stößt; man kann das auf den verschiedensten Gebieten bemerken. Nur bemerken die Leute nicht, worauf eigentlich die Sachen beruhen. Deshalb gestatten Sie mir, daß ich noch einmal auf ein Beispiel zurückkomme, das wir schon selbst praktiziert haben. Es ist allerdings ein Beispiel, wo man gewissermaßen mit geistigen Produkten wirtschaftlich zu arbeiten hat, aber auf anderen Gebieten ließ man uns eben nicht arbeiten.

Nun, sehen Sie, das ist die Besonderheit unseres Philosophischen-Anthroposophischen Verlags, ich habe das schon erwähnt, der durchaus im Einklange mit dem assoziativen Prinzip arbeitet - zunächst wenigstens, er muß ja nach hinten natürlich sich anschließen vielfach an Druckereien und so weiter und kommt da wiederum hinein in andere Wirtschaftsgebiete; dadurch ist es schwer, Durchgreifendes zu erreichen, aber er kann als ein Musterbeispiel dastehen. Es brauchte sich ja das, was in ihm ausgeführt wird, nur weiter auszudehnen über andere Branchen, es brauchte das assoziative Prinzip nur weiter ausgedehnt zu werden. Und da handelt es sich darum, zunächst die Interessenten zu sammeln, so zum Beispiel, wenn irgend jemand sich daran machen und tausend Leute zusammensammeln würde - ich will eine bestimmte Zahl angeben -, die sich bereit erklären würden, bei irgendeinem bestimmten Bäcker ihr Brot zu kaufen. So fanden sich in der Anthroposophischen Gesellschaft - die ja natürlich nicht bloß zu diesem Zweck begründet war, aber alles hat auch seine wirtschaftliche Seite -, so fanden sich in der Anthroposophischen Gesellschaft die Leute zusammen, die die Konsumenten waren für diese Bücher, und so hatten wir niemals auf Konkurrenz hin zu produzieren, sondern wir produzierten nur diejenigen Bücher, von denen wir ganz genau wußten, daß sie verkauft wurden. Wir beschäftigten also nicht unnütz Drucker und Papiermacher und so weiter, sondern wir beschäftigten nur so viel Arbeiter, als nötig waren für die Herstellung der Büchermenge, von der wir wußten, daß sie verbraucht wird. Also es wurden nicht unnötig Waren auf den Markt hinausgeworfen. Dadurch ist innerhalb der Grenze des Büchererzeugens und Bücherverkaufens ein Wirtschaftlich-Rationelles wirklich begründet, denn es ist unnötige Arbeit eben vermieden. Ich habe schon darauf aufmerksam gemacht: Sonst druckt man Auflagen, wirft sie auf den Markt hinaus, und dann kommen sie wiederum zurück - soviel unnötige Papierproduktionsarbeit wird geleistet, soundso viel unnötige Setzer werden beschäftigt und so weiter. Daß soviel an unnötiger Arbeit geleistet wird, das ist dasjenige, was unser Wirtschaftsleben zugrunderichtet, weil eben nicht der Sinn dafür vorhanden ist, rationell durch Assoziationen zusammenzuarbeiten, so daß die Produktion tatsächlich weiß, wo sie ihre Produkte absetzt.

Nun, wissen Sie, was verschwindet dann? Sie müssen das durchdenken: Was verschwindet, das ist die Konkurrenz. Wenn man in dieser Weise den Preis bestimmen kann, wenn man wirklich auf dem Wege der Zusammenschließung der Branchen den Preis bestimmen kann, da hört die Konkurrenz nämlich auf. Es ist nur nötig, dieses Aufhören der Konkurrenz in einer gewissen Weise zu unterstützen. Und man kann es dadurch unterstützen, [daß sich die verschiedenen Branchen zu Assoziationen zusammenschließen]. Allerdings war ja auch schon immer ein Bedürfnis dazu vorhanden, daß sich die Leute gleicher Branchen zusammenschließen; aber dieses Zusammenschließen der Leute gleicher Branche, das verliert tatsächlich seinen wirtschaftlichen Wert, weil man dadurch, daß man nicht zu konkurrieren braucht auf dem freien Markt, es nicht mehr nötig hat, den Preis zu unterbieten und dergleichen. Dann werden allerdings durchzogen sein die Assoziationen, die sich im wesentlichen von Branche zu Branche begründen, die werden durchzogen sein von jenen Vereinigungen, die wir dann wieder Genossenschaften nennen könnten. Diese brauchen aber keine eigentlich wirtschaftliche Bedeutung mehr zu haben, diese werden mehr herausfallen aus dem eigentlich wirtschaftlichen Leben. Wenn sich diejenigen, die ein gleiches Produkt fabrizieren, verbinden, so wird das ganz gut sein, aber es wird eine gute Gelegenheit sein, wenn sich mehr geistige Interessen da entfalten, wenn da vorzugsweise die Leute, die aus gemeinsamen Denkrichtungen heraus arbeiten, sich kennenlernen, wenn die einen gewissen moralischen Zusammenhang haben. Derjenige, der real denkt, der kann sehen, wie schnell sich das machen ließe, daß man die Verbände der gleichen Branche entlasten würde von der Sorge für die Preisbestimmung, indem die Preise lediglich bestimmt würden von den Verbänden der ungleichen Branchen. Es würde dadurch - indem, ich möchte sagen, das Moralische einziehen würde in die Verbände gleicher Waren -, es würde dadurch am besten die Brücke hinüber zu der geistigen Organisation des dreigliedrigen sozialen Organismus sich schaffen lassen. Solche Verbindungen aber, die rein aus der kapitalistischen Wirtschaftsordnung heraus entstanden sind wie die Gewerkschaften, die müssen vor allen Dingen so schnell als möglich verschwinden.

Ich wurde neulich von einem Menschen, der es mit dem Wirtschaftsleben zu tun hat, gefragt, was eigentlich jetzt geschehen solle, denn es sei wirklich sehr schwer, irgend etwas noch auszudenken, um irgendwie hineinzuwirken im günstigen Sinne in das rasend schnell untergehende Wirtschaftsleben. Ich sagte: Ja, wenn man so weitermacht bei den entsprechenden Staatsstellen, die ja noch immer maßgebend sind für das Wirtschaftsleben - und heute gerade erst recht maßgebend sind -, wenn man so weitermacht, dann geht das schon ganz sicher weiter in den Ruin hinein. - Denn was wäre heute notwendig? Das wäre notwendig, daß sich diejenigen, die aus der Staatsbürgerlichkeit irgendwie allmählich sich herausarbeiten sollten zu Trägern der wirtschaftlichen Assoziationen, daß die sich weniger beschäftigen würden in der Richtung, die man zum Beispiel in Württemberg merken konnte, wo ein sozialistisches Ministerium war. Ja, gerade in der Zeit, während wir besonders regsam waren, haben ja diese Leute manchmal versprochen, sie wollten kommen. Sie sind nicht gekommen. Warum? Ja, sie ließen sich immer entschuldigen, denn sie hatten Kabinettssitzungen. Da konnte man diesen Leuten nur immer sagen: Wenn ihr euch zusammensetzt, da könnt ihr dadrinnen brauen, was ihr wollt; dem sozialen Leben werdet ihr jedenfalls nicht aufhelfen. - Auch Minister und alle diejenigen, die nun die unteren Stellen hatten, von den Ministern abwärts, die hätten dazumal nicht in die Kabinette hineingehört, sondern überall hinein in die Volksversammlungen, um die Massen auf diese Weise zu finden und zwischen ihnen zu arbeiten; diejenigen, die irgend etwas zu unterrichten und zu leisten hatten, die hätten jeden Abend unter die Arbeiter gehört. Dadurch hätte man können die Leute gewinnen, daß allmählich auf eine vernünftige Weise verschwunden wären die Gewerkschaften. Und sie müssen verschwinden, denn nur dadurch, daß die Gewerkschaften verschwinden, die reine Arbeiterverbände sind, wird die Assoziation stattfinden können, und es ist ganz gleichgültig, ob einer heute nach der Richtung der Gewerkschaft hintendiert oder der Angestelltenvereinigung oder gar der kapitalistischen Vereinigung einer bestimmten Branche - die gehören alle zueinander, die gehören in Assoziationen hinein. Das ist dasjenige, auf was es ankommt, daß wir vor allen Dingen wirken zur Beseitigung desjenigen, was die Menschen auseinanderreißt.