Ansichtspostkarten als Beispiel für eine unnötige Produktion

Quelle: GA 337a, S. 284-285, 1. Ausgabe 1999, 15.09.1920, Stuttgart

Ich hatte einmal im Jahre 1902 oder 1903 mit einem Bekannten ein Tischgespräch über Ansichtspostkarten. Ich sagte, ich schreibe nicht gerne Ansichtspostkarten, schreibe überhaupt nicht Ansichtspostkarten; denn ich muß mir denken, daß bei jeder Ansichtspostkarte ein Briefträger unter Umständen viele Treppen hinauflaufen muß - bloß wegen einer Ansichtspostkarte -, und diese Arbeit möchte ich ihm ersparen, da die Ansichtspostkarten nicht gerade zu den Lebensnotwendigkeiten gehören. Darauf sagte der Betreffende: Ich weiß aber, ich mache den Leuten Freude mit Ansichtspostkarten, und ich schreibe sehr viele, und das trägt zur Freude bei; und wenn dann irgendwo der eine Briefträger nicht mehr ausreicht, um die Karten zu bestellen, so wird ein anderer noch eingestellt werden müssen, und das trägt dann zum Unterhalt des Lebens für einen zweiten bei. - Aber der Betreffende dachte nicht mehr weiter: Denn, wenn man einen Briefträger mehr für Ansichtspostkarten einstellt, so wird damit nichts erzeugt von dem, was zum Leben nötig ist. Wenn man aber nur die für die grundlegenden Lebensbedürfnisse nötigen Waren erzeugt, so bedeutet der Umfang dieser Produktion eine bestimmte Preislage. Wer dann unnötige Arbeit verrichtet, wird trotzdem Konsument von lebensnotwendigen Dingen bleiben, [wodurch sich eine Verfälschung der Preislage ergibt]. Wenn einer also nicht mehr unnötig Ansichtspostkarten austrägt, wird er nicht mehr die Masse der unnötigen Arbeit vermehren; vielmehr wird er dann eine richtige, den nötigen Bedürfnissen entsprechende Arbeit tun, und das wird einen wesentlichen Einfluß auf die ganze Preisgestaltung in der Volkswirtschaft haben.

Es kommt bei den Dingen, die sich auf das praktische Leben beziehen, auf zwei Momente an, von denen man gewöhnlich nur eines berücksichtigt. Es kommt erstens darauf an, ob eine Sache richtig ist, und zweitens, ob sie wirklichkeitsgemäß ist. Die Menschen meinen, daß es schon genug sei, wenn eine Sache richtig ist; aber sie muß auch wirklichkeitsgemäß sein, und ehe nicht dieses wirklichkeitsgemäße Denken in breitester Weise Platz greift, eher können wir nicht aus der Misere des Lebens herauskommen. Wer also denkt, daß die Cri-Cri-Arbeiter in jedem Fall als Konsumenten auftreten, ob sie nun Cri-Cris fabrizieren oder nicht, der bedenkt nicht, daß in bezug auf nötige oder unnötige Arbeit die Volkswirtschaft verändert wird. Darauf kommt es an. Dieses Auf-das-Wichtige-und-Nötige-Hinschauen, das ist es, was wir uns aneignen müssen für das soziale Leben. Das sollte inauguriert werden zunächst einmal durch die «Kernpunkte» und die ganze Dreigliederungs-Bewegung.