Römisches Recht ohne Vorgeburt auf Geist übertragen

Quelle: GA 199, S. 193-194, 1. Ausgabe 1967, 03.09.1920, Dornach

Was das orientalische Geistesleben betrifft, so ist es ja interessant, zu beobachten, wie alles das, was das Abendland bisher gehabt hat, im Grunde genommen auch Erbe des orientalischen Geisteslebens ist, allerdings in Umwandlungen. Ich habe hier einmal aufmerksam darauf gemacht, wie sehr das orientalische Geistesleben sich umgewandelt hat innerhalb Europas. Da liegt ja doch die Tatsache vor, daß jene Fähigkeiten, die im Orient gewaltet haben, eine Anschauung der unsterblichen Menschenseele hervorgetrieben haben, aber so, daß diese Unsterblichkeit mit einer Ungeburtlichkeit eben wesentlich verbunden war. Das präexistente Leben, das Leben der Seele vor diesem irdischen Leben zwischen Geburt und Tod, das war vor allen Dingen das, was für den orientalischen Geist vor der Seele, vor der Anschauung der Seele lag. Das andere ergab sich gewissermaßen als eine Konsequenz. Und daraus ergaben sich dann jene großen Zusammenhänge, die vom Abendländer ja bis heute nur geahnt werden, die man die karmischen Zusammenhänge nennen kann, die dann einen Abglanz hinterlassen haben in der griechischen Schicksalsidee, aber nur einen schwachen Abglanz. Und was ist denn eigentlich übergegangen in das Abendland, selbst von denjenigen Begriffen, durch die man das Mysterium von Golgatha zu verstehen versucht hat, was ist denn übergegangen in diese abendländische Ausbildung? Etwas, was sehr stark gefärbt ist von juristischem Denken. Es ist etwas radikal verschiedenes, wenn man auf der einen Seite betrachtet den Weg der Seele im Sinne der orientalischen Weltanschauung, wie sie aus der geistigen Welt heruntersteigt in die physische Welt, wieder hinaufsteigt in die geistige Welt, wie man da nach großen Gesichtspunkten die Schicksalszusammenhänge ins Auge faßt, und das juristische Gerichthalten über die Seele, von dem diese orientalischen Vorstellungen im Abendlande durchdrungen worden sind. Man erinnere sich nur an das gewaltige Bild Michelangelos im Vatikan, in der Sixtinischen Kapelle, man erinnere sich daran, wie da der Weltenrichter wie der universelle Jurist über die Guten und über die Bösen urteilt. Das ist ins abendländische juristische umgesetzte orientalische Weltanschauung, das ist in keiner Weise ursprüngliche orientalische Weltanschauung. Dieses juristische Denken liegt ganz außerhalb des orientalischen Anschauens. Und je weiter fortgeschritten gerade in Mitteleuropa die Anschauung vom Geistigen ist, um so mehr lief das Geistige in das Römisch-Juristische ein.