Die Künstler wird durch die Assoziation nicht verhungern

Quelle: GA 337b, S. 101-105, 1. Ausgabe 1999, 30.08.1920, Dornach

Wir müssen uns klar darüber sein, daß es darauf ankommt, daß dieser soziale Organismus gegliedert, daß er tatsächlich innerlich gesetzmäßig gestaltet sein muß; dann wird er auch ökonomisch sein. Dann wird die menschliche Arbeit an ihrem richtigen Platze überall stehen, und vor allen Dinge, es wird nicht unnütze Arbeit verrichtet werden.

Was folgt daraus? Die Menschen werden Zeit haben. Und dann, meine sehr verehrten Anwesenden, dann ist die Grundlage erst gegeben für solche freie Betätigungen, wie es die Kunst und ähnliche Dinge sind. Dazu gehört Zeit. Und aus der Zeit heraus wird dasjenige kommen, was da sein muß zur Kunst, und die Kunst wird dann mit etwas anderem zusammen wirken, sie wird wirken zusammen mit dem freien Geistesleben. Dieses freie Geistesleben geht darauf hinaus, mit der im dreigliedrigen sozialen Organismus vorhandenen Zeit zusammen die Begabungen zu entwickeln - nicht in dieser perversen Weise, wie es heute der Fall ist, sondern in einer naturgemäßen Weise. Wenn der freie geistige Organismus wirklich von den anderen Organismen abgesondert wird, dann wird die Zahl der verkannten Genies wesentlich abnehmen, denn es wird eine viel naturgemäßere Entwicklung da sein. Man wird viel weniger Träumereien von irgendwelchem Künstlertum und dergleichen nachgehen. Also, es wird die Entfaltung der Talente einfach durch die Entfaltung des freien Geisteslebens auf naturgemäßeren Boden gestellt. Und noch etwas anderes ist notwendig, wenn die Kunst sich entfalten soll: es ist künstlerischer Sinn, künstlerisches Bedürfnis, naturgemäßes Verlangen und Begehren der Menschen nach der Kunst notwendig. Das alles muß sich ergeben aus dem dreigliedrigen sozialen Organismus heraus als dasjenige, was eben entsteht, wenn ein organisiertes gesellschaftliches Zusammenleben da ist, nicht ein chaotisches wie heute. Sehen Sie, vor allen Dingen sind wir ja in der neueren Zeit in das Chaos des künstlerischen Empfindens hineingekommen. Das ursprüngliche künstlerische Empfinden, das mit elementarer Kraft aus der menschlichen Erkenntnis herausquillt, das ist ja unter der modernen Bildung ganz und gar verschwunden. Das würde wieder kommen, wenn wir uns im Sinne der Dreigliederung des sozialen Organismus entwickeln würden. Und so muß man sich das Ganze, was da entsteht, nun denken.

Man muß ja, wenn man vom Gesichtspunkte des dreigliedrigen sozialen Organismus aus spricht, nur als Praktiker sprechen und nicht als Theoretiker, man darf nicht nach Prinzipien fragen, sondern man muß nach Tatsachen fragen, und da muß man sagen, das, was ich jetzt angedeutet habe, kann viel schneller kommen, als man denkt. Und was entsteht dann? Dann entstehen für die mannigfaltigsten Dinge - zum Teil aus dem Geistesleben, zum Teil aus dem Wirtschaftsleben heraus - Assoziationen. Und man sollte eigentlich nicht irgendwie eingeschachtelt in Paragraphen und in Prinzipien sich das vorstellen, was diese Assoziationen tun werden. In diesen Assoziationen werden wiederum Menschen sein, die aus der ganzen Wärme des menschlichen Empfindens und Erlebens heraus werden Urteile fällen können. Es werden aus den Assoziationen Menschen hervorgehen, welche sich durch dasjenige, was sie sonst im Leben tun, eine gewisse Geltung im Leben verschaffen werden, die ihnen nicht durch den Staat, die ihnen nicht durch einen Ratstitel garantiert wird. Ob da nun die Leute Geheime Hofräte oder Betriebsräte oder Sanitätsräte und dergleichen sind: es werden die Leute aus dem dreigliedrigen sozialen Organismus heraus nicht eine Geltung haben durch diesen abstrakten Dinge, sondern durch dasjenige, was sie tun, was fortwährend lebt. Durch die Assoziationen werden die Dinge leben; es werden nicht Paragraphen leben, sondern es wird sich das ergeben, was die in den Assoziationen mit Recht Geltung habenden Menschen miteinander verhandeln; es wird sich das ergeben, was jetzt in Karikatur vorhanden ist als sogenannte öffentliche Meinung. Man muß sich das nur ganz konkret vorstellen, was durch das lebendige Wechselwirken der Assoziationen zustandekommen kann.

Zu den Assoziationen gehören ja auch diejenigen, die aus dem freien Geistesleben kommen. Ja, da wird tatsächlich wiederum etwas gegeben werden auf die Lebenserfahrung in einem Menschen, die als berechtigtes Urteilen die Dinge festsetzen kann. Und wenn Sie das nur in der ganzen konkreten Bedeutung nehmen, da wird sich folgendes herausbilden: es wird einfach der Künstler wirklich auch materiell für sein Kunstwerk das erringen können aus diesem offentlichen Urteilen heraus, was aber aus den Assoziationen heraus zur Geltung kommen wird. Es wird sich aus diesen Verhältnissen heraus wirklich das entwickeln können, was möglich machen wird, daß ein Künstler, auch wenn er 30 Jahre lang zu einem Kunstwerke brauchen sollte, dennoch für dieses Kunstwerk soviel bekommen kann, daß er seine Bedürfnisse für die 30 Jahre, die er zu einem neuen Kunstwerke braucht, befriedigen kann - was ja ohnehin, wenn er schon 60 oder 70 Jahre alt ist, vielleicht nicht mehr in Betracht kommt. Das wird sich ergeben. Es wird sich tatsächlich ergeben - wenn man die ganze Sache unbanausisch nimmt -, daß der Künstler aus einem solchen dreigegliederten sozialen Organismus heraus im Sinne der wirtschaftlichen Urzelle für sein Kunstwerk entschädigt werden kann. Er kann heute aus dem Grunde nicht entschädigt werden, weil da so unnatürliche Preislagen vorhanden sind. Eigentlich können die Menschen heute dem Künstler gar nicht das zahlen, was er eigentlich verlangen müßte, wenn er nur etwas kurz über sich denkt. Heute denkt er aber: Ich habe irgendein Bild zustandegebracht, und ja, wenn ich auch nur so viel kriege, daß ich für die nächsten drei Monate genug habe, dann nehme ich das - ich kriege natürlich in drei Monaten kein ordentliches Werk fertig, die Leute verstehen aber auch nichts davon -, und da pumpe ich eben in drei Monaten wieder.

Nun, diese Dinge werden sich, ich möchte sagen als der höchste Extrakt erst ergeben; deshalb kann man eigentlich nicht gut über diese Dinge von vornherein diskutieren. Ich empfinde es immer als etwas Mißliches, über diese Dinge zu diskutieren - nicht wahr, nach dem pythagoräischen Lehrsatz ist das Quadrat über der Hypothenuse halt einmal unter allen Umständen gleich den Quadraten über den beiden Katheten, aber es ist unmöglich, wenn man diesen Lehrsatz nun hat, zum vornherein über alle möglichen Grade der Anwendung zu reden, aber er wird überall gelten. So ist es auch mit dem dreigliedrigen sozialen Organismus. Es läßt sich das nicht spezifizieren, was sich nun als die höchste Blüte des sozialen Lebens ergeben soll. Deshalb ist eine Diskussion über diese Dinge eigentlich mißlich, denn es sind zu disparate Gebiete - das soziale Leben und das künstlerische Leben.