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Gelassenheit heißt nicht Gleichgültigkeit
Quelle: GA 199, S. 085-087, 2. Ausgabe 1985, 15.08.1920, Dornach
Heute kocht und brodelt das Blut nicht, wenn die eine oder die andere Behauptung getan wird. Die Seelen sind schlafend geworden. Das ist es, was den, der die Forderungen der Zeit durchschaut, mit Schmerz erfüllt, daß er so sehr die schlafenden Seelen sehen muß. Und wir haben ja als äußerste Blüte dieser Schläfrigkeit der Zeit jene theosophische Bewegung bekommen, wo man im Zuhören innerliche Wollust empfinden will, wo man will, daß die Dinge so gesagt werden, daß man sanft beruhigt und immer beruhigter wird, und daß sich harmonische Stimmung ausgießt über die Zuhörer, so daß alles sanft nach und nach einschlafen kann. Und gerade dann fühlt man das ewig Mystische, wenn nach und nach sanft alles einschlafen kann!
Das ist dasjenige, was wiederum anders werden muß, das ist dasjenige, was wir brauchen, daß unser Herz nach der einen oder nach der andern Seite springt, je nachdem die eine oder die andere Behauptung getan wird. Dann wird man nicht mehr mit bloßer logischer Neutralität untersuchen, ob etwas richtig oder unrichtig ist, sondern man wird selber gesund oder krank fühlen, je nachdem man etwas als wahr oder als falsch empfindet. Und dann wird man weiter aufsteigen. Aber Geisteswissenschaft muß das schon jetzt kultivieren als etwas, was in uns hineinfahren muß. Man wird in voller Bewußtheit zurückzukehren haben zu dem Urteil: gesund oder krank -, und das muß auf den Willen wirken. Wir müssen gleichsam innerlich von Willen erfüllt werden bei dem, was wir früher nur als wahr und als falsch empfunden haben. Der Wille muß sich regen. Wir müssen das Richtige wollen; wir müssen nicht wollen, sondern vernichten dasjenige, was unrichtig, das heißt krank ist.
Diese Umstimmung des Menschen ist es, die angestrebt werden muß. Nicht bloß wiederum irgendeine andere mehr oder weniger richtige Anschauung darf angestrebt werden, über die man dann diskutieren kann, sondern angestrebt muß werden, was die Menschen innerlich gesund macht, das heißt, mit der Erkenntnis muß nicht bloß etwas angestrebt werden, worüber man sagen kann: Das ist logisch richtig -, sondern mit der Erkenntnis angestrebt werden muß etwas, was Tat ist, was Realität ist, wodurch etwas geschieht.
Sie sehen, auf das Leben kommt es an bei der wahren, wirklichen Geisteswissenschaft und nicht auf das, was heute etwa im Kopfe eines Professors lebt, der auf seinem Stuhle sitzt und da sich mit einer vollkommenen Gleichgültigkeit über das Wahre und Falsche ergeht, während man über seine Neutralität in eine Stimmung kommen könnte, daß man die Wände hinaufkriechen möchte. Gewiß wird mancher sagen: Ja, aber es soll ja gerade innerliche Gelassenheit, innerliche Ruhe entwickelt werden. - Solche Dinge darf man nicht mißverstehen. Innerliche Gelassenheit, innerliche Ruhe bedeuten Gleichgewicht, und es handelt sich darum, daß wir tatsächlich, sagen wir, bei einem gesunden Urteil nach der einen Seite ausschlagen können, aber auch die Möglichkeit haben, die Gegenkräfte zu entwickeln, so daß wir trotz des Ausschlagens eben im Gleichgewichte sind, das heißt, daß wir uns immer in der Hand haben. Bewußtes Gleichgewicht ist etwas anderes als schläfriges Gleichgewicht. Sie sehen also, bis in das Innerste der Wahrheitsbenennung muß hineingreifen das, was wir eine Evolution nennen im geisteswissenschaftlichen Sinne.
