Freies Geistesleben verhindert unökonomische Arbeitsverschwendung

Quelle: GA 337b, S. 029-031, 1. Ausgabe 1999, 19.07.1920, Dornach

Es ist ja begreiflich, daß gerade in den letzten Jahrzehnten aus den verschiedenen sozialen Ideen heraus immer wieder das Bestreben auftauchte dahinterzukommen, wie groß eigentlich die von der Menschheit [gesamthaft] aufzubringende Arbeitsmenge sein müsse, wenn die Menschheit eben bei dieser Arbeitsmenge fortkommen soll. Natürlich würde die Arbeit dann am besten ökonomisch ausgenützt werden, wenn nur soviel Arbeit geleistet würde als notwendig ist für das, was die Menschheit konsumieren will. Und es ist ja sehr begreiflich, daß man über diese Dinge nur schätzungsweise Angaben machen kann. Aber in verschiedenen Kreisen, in denen man sich bemüht hat, hinter diese Frage zu kommen - es ist eben nicht besonders leicht -, hat man sich doch Vorstellungen machen können, um wieviel zuviel Handarbeit, das heißt einfache Arbeitskraft des Menschen, in der Gegenwart verschleudert wird. So genau kann man es natürlich nicht wissen, wenn man sich mit dieser Frage nicht dilettantisch, sondern sachgemäß beschäftigt, aber wir können wenigstens für einen Teil der menschlichen Arbeitskraft, für die körperliche Arbeit, das folgende sagen. Wenn man annehmen kann, daß jedermann nach seinen körperlichen Fähigkeiten körperliche Arbeit verrichten würde, dann würde nötig sein, daß jeder Mensch innerhalb der zivilisierten Welt - die «Wilden» sind dabei nicht berücksichtigt - täglich etwa 2 1/2 bis 3 Stunden arbeitet. Das heißt also, wenn jeder Mensch täglich etwa 2 1/2 bis 3 Stunden körperlich arbeitet, so würde die für die Menschheit notwendige Arbeitskraft aufgebracht werden. Selbstverständlich ist das eine Angabe, die eigentlich nur wie ein approximatives Prinzip richtunggebend ist, denn in der Praxis stellt sich natürlich die Notwendigkeit heraus, daß der eine mehr, der andere weniger körperlich arbeitet, zum Beispiel daß der eine, der besondere geistige Arbeit zu leisten hat, vielleicht nicht belastet wird mit körperlicher Arbeit; dann wird ein anderer mehr aufbringen müssen. Aber wenn Sie dagegen nun dasjenige ansetzen, was heute an körperlicher Arbeit geleistet wird, so kann man doch sagen, daß der weitaus größte Teil der Menschheit solange arbeiten muß, daß eben viel mehr herauskommt an aufgewendeter Arbeitskraft, als eigentlich aufgewendet werden müßte, wahrscheinlich - das ist wiederum eine approximative Angabe -, das Fünf- bis Sechsfache an körperlicher Arbeit. So sehen Sie, wieviel menschliche Arbeitskraft heute eigentlich verschwendet wird durch die Unökonomie, die besteht. Viel mehr als man glaubt, wird verschwendet. Das ist dasjenige, was heute herauskommen würde durch die [Verwirklichung der] Dreigliederung des sozialen Organismus und was diejenigen so wenig einsehen wollen, die eben keinen praktischen Sinn haben.

Wie wenig die Menschen heute praktischen Sinn haben, das zeigt sich auf Schritt und Tritt, insbesondere in den Beurteilungen, die dem Impuls der Dreigliederung des sozialen Organismus entgegengebracht werden. Was eben durchaus nicht begriffen werden will, das ist, daß heute gegenüber dem Zugrundegehenden es gilt, neue Geisteskräfte zu entwickeln; und deshalb, weil es nicht begriffen wird, müssen sich diese geistigen Kräfte heute, ich möchte sagen durch die Spalten der gesellschaftlichen Ordnung durchdrücken, wenn sie überhaupt zur Geltung kommen wollen. Denn aus dem, was ein Staat anordnen und organisieren kann, kann überhaupt keine Geistespflege hervorgehen. Es ist eine völlige Illusion, wenn man glaubt, daß durch Staatsverwaltung irgendeine Geistespflege hervorgehen könne. Alle Staatsverordnungen sind in bezug auf das Geistesleben zum Teil Geltungssucht, zum Teil Gschaftlhuberei, und dasjenige, was dann wirklich geistig geleistet wird, wird eben geleistet trotz dieser Verordnungen. Das heißt, grob gesprochen, wenn es heute noch Kinder gibt, die was lernen, so lernen sie nicht, weil der Staat da ist, sondern trotzdem der Staat da ist, weil noch immer eine ganze Menge in der Schule geschehen kann gegen die Schulgesetze. Und das, was im Sinne der Schulgesetze geschieht, das bringt die geistigen Kräfte nicht zur Entwicklung, sondern das verhindert die geistige Entwicklung. [In einem freien Geistesleben dagegen], da würden erst die Kräfte der Menschen bloßgelegt, vor allen Dingen dadurch, daß die Menschen, die in einem solchen freien Geistesleben herangebildet und dann ins Rechts- und Wirtschaftsleben hineingestellt werden, daß diese Menschen dann wirklich in den einzelnen Gebieten des Lebens Überblicke hätten, daß sie sich ökonomisch verhalten könnten und daß sie anordnen könnten dasjenige, was heute nicht angeordnet werden kann. Heute kann man ja tatsächlich verzweifeln, wenn man meinetwillen sieht, wie Geschäfte eingerichtet werden. Derjenige, der nur ein bißchen denken kann und genötigt ist, einmal die Art und Weise zu verfolgen, wie Geschäfte eingerichtet werden, der sieht ja sogleich, daß in diesen Fällen eigentlich die zehnfache Kraft verschwendet wird, weil nirgends genügend Wille vorhanden ist, die Kräfte ökonomisch zusammenzuziehen, die Kräfte ökonomisch zu verbinden, sondern weil man sich so breit als möglich an die Dinge heranmacht. Es handelt sich vor allen Dingen darum, durch das assoziative Leben die Menschen, die zusammengehen, wirklich zu erkennen - man muß sie erst erkennen, wenn man das wirtschaftliche Leben einrichten will. Gerade durch die Dreigliederung des sozialen Organismus wird erst diese Ökonomie möglich, und es wird die Verschwendung der Kräfte allmählich aufhören.