Totale Demokratie als Karikatur

Quelle: GA 198, S. 142-143, 1. Ausgabe 1969, 02.07.1920, Dornach

Eine neue Initiationsweisheit muß einsetzen. Diese Initiationsweisheit, die in unserer Epoche ihren Anfang nehmen muß, wird ebenso wie die alte Initiationsweisheit, die nur allmählich dem Egoismus, der Selbstsucht und dem Vorurteil verfallen ist, ausgehen müssen von Sachlichkeit und Vorurteilslosigkeit und von Selbstlosigkeit. Sie wird von da aus alles durchdringen müssen.

Dies kann man als eine Notwendigkeit einsehen. Man muß es als eine Notwendigkeit einsehen, wenn man tiefer hineinschaut in den heutigen unglückseligen Gang dieser abendländischen Zivilisation. Sieht man aber so hinein, so bemerkt man eben noch etwas anderes; man bemerkt, daß ein berechtigter Ruf in die Karikatur verzerrt wird.

Und nun liegt die besondere Notwendigkeit vor, das zur Karikatur-Verzerrt-Werden eines berechtigten Rufes gründlich einzusehen. Gewiß ist kein Ruf berechtigter in unserer Gegenwart als der nach Demokratie. Aber er wird zur Karikatur verzerrt, solange die Demokratie nicht erkannt wird als ein bloß für das rein politische, staatlich-rechtliche Leben notwendiger Impuls, und solange nicht erkannt wird, daß davon abgegliedert werden muß das wirtschaftliche und das geistige Leben. Er wird zur Karikatur verzerrt, indem im Grunde genommen statt Sachlichkeit, das heißt Vorurteilslosigkeit und Selbstlosigkeit, heute Unsachlichkeit, nämlich persönliche Willkür sowohl über Wissenschaft wie im sozialen Leben, und Selbstsucht zu Kulturfaktoren gemacht werden. Alles wird in das Gebiet hineingezogen, das man gewöhnlich das politische nennt, in das Gebiet, in dem herrschen soll das Recht. Geschieht aber das, so verschwinden allmählich Sachlichkeit und Vorurteilslosigkeit, denn das geistige Leben kann nicht gedeihen, wenn es seine Richtung empfängt von dem politischen Leben. Es wird immer dadurch in das Vorurteil eingespannt. Und Selbstlosigkeit kann nicht gedeihen, wenn das wirtschaftliche Leben innerhalb des politischen steht, denn dann wird es notwendigerweise in die Selbstsucht (Lücke) auf wirtschaftlichem Gebiete erzeugen kann, das assoziative Leben, verdorben, so tendiert alles darauf hin, heute die Menschen in Vorurteilen und in Selbstsucht ihre Wege wandeln zu lassen. Und die Folge davon ist, daß sie gerade das abweisen, was auf Sachlichkeit und Selbstlosigkeit basieren muß: die Wissenschaft der Initiation. Im äußeren Leben ist heute alles dazu angetan, zurückzuweisen diese Wissenschaft der Initiation, die einzig und allein über das Jahr 2200 hinausführen kann.