Syndikalisten für Dreigliederungsidee unempfänglich

Quelle: GA 337a, S. 189-190, 1. Ausgabe 1999, 09.06.1920, Stuttgart

Auf die Frage: Wie stellt sich Herr Dr. Steiner, wie stellt sich die Dreigliederung zum Syndikalismus?

So ist die Frage gestellt worden, wie ich mich zum Syndikalismus stelle oder wie die Dreigliederung sich dazu stellt.

Sehen Sie, wir haben versucht - wahrhaftig - uns zu den verschiedensten Strömungen zu stellen. Ich selbst würde auch heute noch dasjenige sagen müssen, was ich oftmals über den Syndikalismus gesagt habe, daß ja in gewissen syndikalistischen Kreisen ein Bewußtsein davon lebt, wie sehr der Zusammenschluß der einzelnen Berufsstände, der einzelnen Berufszweige und so weiter, also der syndikalistische Gedanke, ein gewisser Weg sein kann, wenigstens im Wirtschaftsleben zu einem Fruchtbaren zu kommen. Alles das will ich durchaus anerkennen, zum Beispiel auch, daß der Syndikalismus in einem weniger sklavischen Verhältnis zum Staatsgedanken steht als zum Beispiel der gewöhnliche marxistische Sozialismus. Auch das will ich durchaus anerkennen und habe es oftmals anerkannt. Allein ich möchte sagen: All diese Richtungen - ich sage nicht der Gegenwart - all diese Richtungen gehören ja nicht der Gegenwart, sondern der Vergangenheit an und ragen nur deshalb noch in die Gegenwart hinein, weil die Leute, die sich früher so [nach irgendeiner solchen Richtung] genannt haben, durchaus nicht umlernen können. Man kann sagen, eigentlich haben schon die ganzen Parteischablonen ihre Bedeutung gegenüber den Verhältnissen der Gegenwart verloren. Nur die Menschen, die früher zu diesen Dingen gehörten, die durch diese Parteischablone charakterisiert werden, sie haben sich noch nicht dazu bequemt, sich mit etwas anderem zu bezeichnen als mit [den Namen der] alten Parteischablonen. Sehen Sie, es hatte einen gewissen Sinn bis zum Jahre 1914, daß sich die Leute mit einem solchen Namen benennen, wie sich zum Beispiel heute noch Herr von Heydebrand «und der Lasa» nennt und so weiter. Aber heute hat es keinen Sinn mehr. So hat auch heute das Festhalten an solchen vergangenen Dingen, wie der Syndikalismus ist, keine rechte Bedeutung mehr.

Und solange der Versuch gemacht werden konnte, an die Menschen heranzukommen, von denen man glauben konnte, daß ihr Gehirn noch «weich» genug ist, um über diese alten Parteischablonen hinwegzukommen, solange ist er gemacht worden. Aber man muß da von den Verhältnissen etwas lernen. Und heute ist es wirklich dringend notwendig, daß man von den Verhältnissen etwas lernt. Und so muß ich sagen, ich empfinde heute gar nicht mehr die Gewalt der Frage «Wie stelle ich mich zum Syndikalismus?», sondern ich erkläre Ihnen: Ich habe versucht, mich auch zum Syndikalismus zu stellen, das heißt innerhalb des Syndikalismus Leute zu finden, die fähig wären, durch ein noch «weiches» Gehirn die Dreigliederung zu begreifen - aber auch das war vergeblich. Daher muß heute so geredet werden - wie ich es heute Abend getan habe -, daß es sich darum handelt, auf dem festen Boden der Dreigliederung zu stehen und sich nicht zu kümmern um das andere. Denn es handelt sich heute darum, daß wir eine genügend große Anzahl von Menschen finden müssen, die die Dreigliederung verstehen; ob sie nun aus diesem oder jenem Lager kommen, aus dem syndikalistischen oder aus einem anderen, das ist uns ganz gleichgültig. Wir kümmern uns heute nicht mehr darum, wie die Dreigliederung zu den Syndikalisten steht, sondern wir warten es ab, wie sich die Syndikalisten zur Dreigliederung stellen wollen. Im Verlauf des letzten Jahres haben wir gelernt, daß alles andere etwas Vergebliches ist, und heute kann nur derjenige wirken, der etwas lernen kann.