Inflation und Deflation sind gleich schädlich

Quelle: GA 334, S. 176-177, 1. Ausgabe 1983, 18.04.1920, Dornach

Die letzten drei bis vier Jahrhunderte, und namentlich das 19. Jahrhundert und bis in unsere Tage herein, haben die Menschheit in einen ganz besonderen Entwickelungszustand hineingebracht. In einzelnen Teilen bemerkt man das noch nicht. Mit vollem Recht ist hier von der Gesundheit des Schweizer Volkes gesprochen worden. Auf sie muß für die Zukunft gerechnet werden. Aber es ist dazu auch notwendig, damit diese Gesundheit bleibe, daß man sich keinen Illusionen hingibt, daß etwa gegenüber all dem jetzt Zusammenbrechenden ein kleines Gebiet jetzt isoliert bleiben könnte. Dieses kann nicht sein.

Sehen Sie, es gibt heute in Mittel- und Südosteuropa große Gebiete, von denen Sie wissen, wie sehr sie unter dem Herabkommen der Valuta leiden. Dieses Herabkommen der Valuta, dem Volkswirtschafter tritt es entgegen, ich möchte sagen, als eine große Erscheinung gegenüber kleinen Erscheinungen, die es früher auch immer gegeben hat. Man wußte, wenn die Valuta auf irgendeinem Gebiete fällt, dann wird dadurch die Einfuhr in das betreffende Gebiet etwas untergraben; die Ausfuhr wird dadurch um so mehr gefördert. Dieses Gesetz, es läßt sich nicht mehr anwenden auf die Verheerungen der Wirtschaftsverhältnisse, die in Mittel- und Osteuropa eingetreten sind.

Aber bis jetzt hat sich bloß gezeigt, welches die Nachteile des Sinkens der Valuta in gewissen Gebieten sind! Sie werden nicht sehr lange dazu brauchen, um einzusehen, wie groß die Nachteile des Steigens der Valuta in einem Lande sind! Die werden kommen, und es wird gar nicht so lange dauern, dann werden die Länder mit sinkender Valuta, wo die Wirtschaftsverhältnisse zurückgehen, nicht allein stehen in ihrer Sorge, es werden die Länder mit steigender Valuta mit furchtbaren Gefühlen an ihre hohe Valuta denken.

Diese Dinge, die zeigen dem, der in die Verhältnisse hineinschauen kann, nur, wie dadurch, daß heute im Grunde das Wirtschaftsgebiet der Erde doch eine Einheit bildet, trotz aller Staatengliederungen, wie das Wohl und Wehe eines kleinen Gebietes der Erde von dem Wohl und Wehe der ganzen Erde abhängt. Daher kann auch heute nur über die sozialen Verhältnisse in ganz internationalem Sinne gedacht werden.