Soziale Dreigliederung ist keine Politik

Quelle: GA 196, S. 120-124, 1. Ausgabe 1966, 31.01.1920, Dornach

Ich möchte heute davon ausgehen, Sie auf etwas aufmerksam zu machen, das im Zusammenhange stehen kann mit der Beurteilung dessen, was jetzt sozial in Zusammenhang gebracht wird mit unserer anthroposophisch orientierten Geistesbewegung. Den inneren Zusammenhang kennen Sie, ich habe öfters davon gesprochen. Ich habe Sie auch aufmerksam gemacht, wie wenig den Zeitaufgaben eine geistige Bewegung wirklich gewachsen wäre, die jetzt sich zurückziehen wollte von den großen Fragen, die die Menschheit beschäftigen müssen, die nichts zu sagen hätte über dasjenige, was als die bedeutsamsten Forderungen in der Gegenwart und der nächsten Zukunft auftritt.

Nun habe ich ja gestern darauf aufmerksam gemacht, wie sich in das menschliche Denken hereinschleichen traumhafte Elemente, und ich habe auf die verschiedenen Wege oder wenigstens auf einzelne der verschiedenen Wege hingewiesen, wie sich traumhafte Elemente in das menschliche Denken hineinschleichen. Wir müssen auf solches Hereinschleichen besonders aufmerksam sein bei allem, was uns als fertige Urteile aus der Außenwelt gegenübertritt. Es ist doch eigentlich ein großer Teil dessen, was wir denken, von uns so gedacht, daß es nicht erst geprüft wird, daß es nicht erst selbst in uns belebt wird, sondern daß es nachgesprochen, nachbeurteilt, nachgedacht wird. Sie brauchen ja bloß auf die zahlreichen Urteile Rücksicht zu nehmen, welche die Menschen der verschiedensten Nationen sich in den letzten vier bis fünf Jahren über die Schicksale der Welt gemacht haben, über den Wert der einzelnen Nationen, über die Ursachen des Krieges und so weiter, Sie werden nicht umhin können, sich zu sagen: Von alldem, was da geurteilt worden ist, selbst von Menschen, von denen man ein ganz anderes gerne hätte voraussetzen mögen, von alledem ist das wenigste wirklich geprüft worden; es ist nachgesprochen, nachgeurteilt, nachgedacht worden.

Ich darf vielleicht gerade bei dieser Gelegenheit auch daran erinnern, daß ich, wenn ich hier über Zeiterscheinungen gesprochen habe, niemals fertige Urteile gegeben habe, sondern immer Dinge charakterisiert habe, welche dazu haben dienen können, sich selber ein Urteil zu bilden.

Das sollte überhaupt immer mehr und mehr Platz greifen, der Welt die Grundlagen für Urteilsbildung zu geben, nicht fertige Urteile. Aber der Mensch ist gerade in der gegenwärtigen Zeit gar sehr geneigt, wenn er da oder dort etwas hört, insbesondere wenn es mit starkem Selbstbewußtsein auftritt, wenn es durchzittert ist von einem vielleicht nicht ganz wahrnehmbaren Fanatismus, gerade dann solche Urteile nachzuurteilen, nachzudenken, nachzusprechen.

So wurde zum Beispiel von einer gewissen Seite jetzt geurteilt, diese anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft, die ihren repräsentativen Sitz in Dornach hat, beschäftige sich jetzt mit Politik, und mit Politik sollte sich eine solche Bewegung ja nicht beschäftigen. - Unter anderem soll auch darauf hingewiesen worden sein, daß ja die Katholische Kirche in ihre Unheilszeiten dadurch hineingekommen sei, daß sie sich mit Dingen beschäftigt habe, die man gewöhnlich zur Politik rechnet.

Wenn ein solches Urteil auftritt, so klingt es an an vielerlei, was man gewohnt ist, zu meinen. Und wenn dann jemand ein solches Urteil hört, kommt ihm das doch etwas plausibel vor. Er sagt sich dann: Ja, da ist etwas daran, es ist vielleicht doch ein Unfug, wenn von einer geisteswissenschaftlichen Bewegung ausgeht eine Beschäftigung mit solchen Fragen, wie jetzt die Dreigliederung des sozialen Organismus eine ist.

Nun gehört sowohl das ursprüngliche Urteil über diese Sache in die Richtung, wie ich es eben charakterisiert habe, wie auch das Nachsprechen in die Klasse der heute zahlreich auftretenden oberflächlichen Denkmethoden. Unsere Zeit glaubt ja sehr stark, daß man es im Denken namentlich außerordentlich weit gebracht habe. Ja, wir haben die Aufgabe, gerade das Denken bis zu einer gewissen Höhe zu bringen, wenn die Menschheit nicht in Unheil untergehen soll. Aber dem, was da als Forderung an die Menschheit herantritt mit Bezug auf ein klares, scharfes Denken, vor allen Dingen mit Bezug auf ein innerlich wahrhaftiges Denken - denn das Denken, das unklar ist, ist immer zugleich etwas verlogen -, dem, was da als Aufgabe der Menschheit vorgesetzt ist in bezug auf ein klares, scharfes, innerlich wahrhaftiges Denken, dem steht heute gegenüber der Trieb, unklar zu denken, unfertig zu denken, halb zu denken, nachzuurteilen, das wieder zu sagen, was man da oder dort hört, oder das wieder zu denken.

Ich sage aber auch: Ursprünglich liegt eine außerordentliche Oberflächlichkeit dem Ausspruche zugrunde, daß die anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft in der Dreigliederungsfrage abgeirrt sei auf das Gebiet des Politischen, das ihr nicht zugehöre. Denn wer so urteilt, urteilt ganz abstrakt. Er nimmt einfach irgend etwas, was für die Katholische Kirche richtig sein mag, herüber auf etwas, was ganz andersartig ist. Das ist gerade so, als wenn jemand gelernt hat, irgend etwas ist gut für einen Schuh, den man anzieht an den Fuß, und dann das Urteil, das er sich von dem Schuh gebildet hat, auf den Handschuh überträgt; so gescheit ist solch ein Urteil. Warum? Worauf geht denn die Dreigliederung ursprünglich hinaus? Sie geht darauf hinaus, in der sozialen Ordnung eine reine Gliederung zu Schaffen zwischen dem Geistesleben, das seine eigene Verwaltung haben Soll, dem Rechts- oder Staatsleben, das in der Mitte stehen soll zwischen den drei Gebieten mit seiner vollen Selbständigkeit, und dem wirtschaftlichen Leben, das als drittes Glied reinlich von den beiden andern abgeschieden sein soll.

Nun denken wir einmal nicht oberflächlich, wie jener denkt, der da sagt, Anthroposophie habe sich nicht mit Politik zu beschäftigen, sondern denken wir einmal die Sache wirklich objektiv klar durch: Was wird denn durch eine solche reinliche Scheidung angestrebt? - Nun, das Geistesleben soll ja selbständig dastehen, das Geistesleben soll sich auf seinem eigenen Grund und Boden entwickeln, das Geistesleben soll nur dasjenige zur Geltung bringen, was aus seinen eigenen Impulsen kommt. Es wird also angestrebt, daß das Geistesleben nicht mehr abhängt vom Staatsleben und nicht mehr abhängt vom Wirtschaftsleben, sondern gerade frei und unabhängig sein kann, gerade so sein kann, wie es die Katholische Kirche niemals war, die sich immer mit dem Staat und Wirtschaftsleben zusammen konfundiert hat. Also es handelt sich darum, gerade das zu schaffen, wodurch man im Geistesleben erst in der Lage ist, alle Impulse dieses Geisteslebens geltend zu machen. Denken Sie sich daher, wie frivol, wie oberflächlich es ist, wenn jemand sagt, Anthroposophie solle sich nicht auf das Gebiet der Politik versteigen, während sie gerade fordert, daß eine solche soziale Ordnung geschaffen werden soll, durch die das möglich ist, daß das Geistesleben sich nicht mehr mit Politik befasse.

Es soll ja gerade eine Politik geschaffen werden, durch die das Geistesleben seine eigene Verwaltung, seine eigene innere Organisation hat. Und nicht mehr soll es nötig sein, daß man, wenn man eine Schule gründen will, oder einen Lehrplan ausarbeiten will, sich an die politische Behörde oder an den staatlichen Lehrplan zu wenden hat; denn dadurch wird man ja gerade abhängig von der Politik. Sie sehen an diesem Beispiel, was klares, scharfes Denken bedeutet, und wie diejenigen denken, die heute eben aus irgendwelchen Dingen, die ihnen angeflogen sind, ein Urteil fällen über das, was aus den Impulsen des geistigen Lebens heraus geschöpft ist. Denn der Dreigliederungsgedanke ist aus der Initiationswissenschaft heraus geschöpft. Und derjenige, der da sagt, es soll sich anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft nicht mit dem Dreigliederungsgedanken befassen, der versteht erstens nicht, klar zu denken, er denkt konfus; zweitens aber versteht er gar nichts von dem wirklichen Impuls der Geisteswissenschaft, denn er weiß nicht, daß diese Sache im Zusammenhange mit den großen Forderungen unserer Zeit gerade aus dem Impulse der Geisteswissenschaft herausgeholt ist.

In solchen Selbstwidersprüchen bewegen sich heute aber zahlreiche Urteile, die öffentlich abgegeben werden und die von einer großen Anzahl von Menschen einfach nachgesprochen, nachgeurteilt, nachgedacht werden. Welche Aufgabe wir vor allen Dingen haben, das ist, daß wir versuchen, wirklich unabhängig auch von allen nationalen Chauvinismen zu einem reinlichen, geraden, innerlich wahrhaftigen Denken zu kommen. Man wird dazu nicht kommen, wenn man sich nicht erst gesteht, daß die Gegenwart weit davon entfernt ist. Denn wenn man kein Gefühl davon hat, wie weit die Urteile, die heute herumschwirren und herumsausen, von Objektivität entfernt sind, dann wird man nicht einmal den Antrieb in sich erleben, zu einer Klarheit, zu einer innerlichen Wahrhaftigkeit des Denkens zu kommen.

Ich wollte Ihnen an einem naheliegenden Beispiel von der Verkennung der Stellung der Dreigliederung zu dem eigentlichen geisteswissenschaftlichen Problem klarmachen, welche konfusen Urteile heute durch die Welt schwirren, und ich weiß sehr gut, daß solche Urteile blendend auf manche Menschen wirken, weil sie nicht nachdenken darüber, weil sie glauben, wenn der Betreffende sagt, die Anthroposophie solle sich nicht mit der Dreigliederung befassen, so habe das etwas für sich, denn es unterliege dem, daß eine geistige Bewegung nur dann gedeihen kann, wenn sie auf sich selbst gestellt ist. Aber das wird ja gerade angestrebt. Wer also so urteilt, wie ich es charakterisiert habe, der bleibt auf halbem Wege stehen.