Nationalismus wie menschliche Bedürfnisse eine Form des Egoismus

Quelle: GA 332a, S. 187-190, 2. Ausgabe 1977, 30.10.1919, Zürich

Über die ganze Welt hin wird das, was die Menschen in ihrem Zusammenleben, in ihrem Zusammenarbeiten entwickeln, von zwei Impulsen beherrscht, von zwei Impulsen, über die es vor allen Dingen notwendig wäre, daß Wahrheit in uns Menschen herrsche, eine wahre, eine ungeschminkte, eine nicht durch allerlei Schlagworte verunzierte Auffassung. Zwei Impulse leben in der menschlichen Seele, die wie Nord- und Südpol eines Magneten sich zueinander verhalten. Diese zwei Impulse sind Egoismus und Liebe. Weitverbreitet ist allerdings die Anschauung, ethisch sei es nur, wenn der Egoismus überwunden werde durch die Liebe, und wenn die Menschen sich so entwickeln, daß an die Stelle des Egoismus lautere Liebe trete. Als eine ethische Forderung, heute auch als eine soziale Forderung ist das bei vielen vorhanden. Verständnis, was eigentlich für ein Kraftgegensatz besteht zwischen Egoismus und Liebe, das ist durchaus weniger heute vorhanden.

Wenn wir vom Egoismus sprechen, so müssen wir vor allen Dingen wissen, daß dieser Egoismus für den Menschen mit seinen leiblichen Bedürfnissen beginnt. Was aus des Menschen leiblichen Bedürfnissen hervorquillt, können wir nicht anders verstehen, als wenn wir es uns in die Sphäre des Egoismus gerückt denken. Wessen der Mensch bedarf, das geht aus seinem Egoismus hervor. Nun muß man sich durchaus denken, daß dieser Egoismus auch veredelt sein könnte, und deshalb ist es nicht gut, gerade auf diesem Gebiete mit irgendwelchen Schlagworten seine Anschauungen zu bilden. Dadurch, daß man sagt, es solle der Egoismus durch Liebe überwunden werden, hat man noch nicht viel für das Verständnis des Egoismus getan. Denn es handelt sich zum Beispiel darum, daß derjenige, welcher seinen Mitmenschen das reine menschliche Interessenverständnis entgegenbringt, anders handelt als derjenige, der enge Interessen hat, der sich nicht kümmert um das, was in den Seelen und Herzen dieser Mitmenschen lebt, der kein Interesse für seine Umgebung hat. Deshalb braucht der erstere, der wahres Verständnis für seine Mitmenschen hat, durchaus nicht schon dadurch unegoistischer zu sein im Leben, denn es kann gerade zu seinem Egoismus gehören, nun den Menschen zu dienen. Das kann ihm innerliches Wohlbehagen machen, das kann ihm sogar innerliches Wohlgefühl, Wollust hervorrufen, dem Dienst der Menschen sich hinzugeben. Und dann können für das äußere Leben in objektiver Weise durchaus altruistische Lebensäußerungen aus einem scheinbaren Egoismus hervorkommen, der aber im Gefühlsleben durchaus nicht anders gewertet werden kann als ein Egoismus.

Aber die Frage des Egoismus muß noch viel weiter ausgedehnt werden. Man muß den Egoismus auch verfolgen durch das ganze Seelen- und Geistesleben des Menschen. Man muß sich klar darüber sein, wie aus des Menschen innerer Wesenheit heraus genau ebenso entspringt das Geistige und Seelische auf manchen Gebieten, wie die leiblichen Bedürfnisse. So entspringt aus des Menschen Wesenheit heraus zum Beispiel alles, was sein Phantasieschaffen ist. Es entspringt aus des Menschen Wesenheit heraus, was er auf künstlerischem Gebiete schafft. Wenn man unbefangen zu Werke geht und richtiges Verständnis sucht für solche Sachen, dann wird man sagen müssen: Was des Menschen Phantasie schafft, was aus unbestimmten Untergründen seines Wesens hervorkommt, das hat denselben Ursprung, nur auf einer höheren Stufe, wie die leiblichen Bedürfnisse. Das Phantasieleben, das entfaltet wird zum Beispiel in der Kunst, beruht durchaus, subjektiv angesehen, auf innerer Befriedigung des Menschen, auf einer Befriedigung, die feiner, edler ist als zum Beispiel die Befriedigung des Hungers, die aber qualitativ für den Menschen selbst nicht davon verschieden ist, wenn auch das, was dadurch hervorgebracht wird, für die Welt zunächst eine andere Bedeutung hat. Nun aber ist aller Egoismus des Menschen darauf angewiesen, daß der Mensch mit seinen Mitmenschen sich abfindet, daß der Mensch mit seinen Mitmenschen zusammenlebt und zusammenarbeitet. Der Egoismus selber erfordert das Zusammenleben und Zusammenwirken mit den anderen Menschen. Und so ist auch vieles von dem, was wir gemeinschaftlich mit anderen Menschen entwickeln, durchaus auf den Egoismus gebaut und kann sogar zu den edelsten Tugenden des Menschen gehören. Wir sehen die Mutterliebe an: sie ist durchaus auf den Egoismus der Mutter begründet, und sie wirkt Edelstes aus im Zusammenleben der Menschheit.

So aber auch dehnt sich das, was eigentlich im Egoismus gegründet ist, weil der Mensch des Menschen bedarf gerade für seinen Egoismus, auf das Zusammenleben in der Familie, so dehnt es sich aus auf das Zusammenleben im Stamme, so dehnt es sich aus auf das Zusammenleben in der Nation, im Volke. Und die Art und Weise, wie sich der Mensch im Volke, in der Nation findet, sie ist nichts anderes als ein Spiegelbild desjenigen, was egoistisch aus ihm hervorkommt. Da wird in der Vaterlandsliebe, im Patriotismus der Egoismus gewiß auf eine hohe Stufe heraufgehoben, da wird er veredelt, da wird er so, daß er als ein Ideal erscheint, mit Recht als ein Ideal erscheint. Aber dieses Ideal wurzelt doch im menschlichen Egoismus. Nun muß dieses Ideal aus dem menschlichen Egoismus ersprießen und sich erfüllen, damit alles, was aus der Produktivität eines Volkes hervorgehen könne, eben der Menschheit übergeben werden kann. Und so sehen wir, wie aus dem Impuls der einzelnen menschlichen Seele, aus dem Egoismus, zuletzt sich alles dasjenige entwickelt, was im Nationalismus zum Ausdrucke kommt. Nationalismus ist gemeinsam durchlebter Egoismus. Nationalismus ist ins Geistige heraufgetragener Egoismus. Der Nationalismus ist zum Beispiel durchtränkt und durchwärmt von dem Phantasieleben des Volkes, in dem sich der Nationalismus zum Ausdrucke bringt. Aber dieses Phantasieleben selbst ist die geistig höhere Ausbildung dessen, was menschliche Bedürfnisse sind. Man muß bis zu dieser Wurzel zurückgehen, um die Sache durch ihre Betrachtung richtig zu verstehen. Ganz andersgeartet ist dasjenige, was sich in der menschlichen Natur entwickelt als Internationalismus. National werden wir dadurch, daß der Nationalismus aus unserer eigenen persönlichen Natur aufsprießt. Der Nationalismus ist eine Blüte des Wachstums des einzelnen Menschen, der gemeinsamen Blutes mit seinem Stamme oder durch eine andere Zusammengehörigkeit an sein Volk gebunden ist. Nationalismus, er wächst mit dem Menschen. Er hat ihn, er wächst hinein, ich möchte sagen, so wie er in eine bestimmte Leibesgröße hineinwächst.

Internationalismus hat man nicht in dieser Art. Internationalismus läßt sich eher vergleichen mit jenem Gefühl, das wir gewinnen, wenn wir uns der schönen Natur gegenüber sehen, wozu wir zur Liebe, zur Verehrung, zur Anerkennung getrieben werden dadurch, daß wir es anschauen, dadurch, daß es seinen Eindruck auf uns macht, dadurch, daß wir in Freiheit uns ihm hingeben. Während wir in das eigene Volk hineinwachsen, weil wir gewissermaßen ein Glied von ihm sind, lernen wir die anderen Völker kennen. Sie wirken, ich möchte sagen, auf dem Umwege des Erkennens, des Verstehens zu uns. Wir lernen sie nach und nach verständnisvoll lieben, und in dem Maße, in dem wir die Menschheit in ihren verschiedenen Völkern auf ihren verschiedenen Gebieten verständnisvoll lieben können, in dem Maße wächst unser innerer Internationalismus.