Abstraktes Geld und Zinsen trennen die Menschen, Assoziation verbindet sie

Quelle: GA 332a, S. 050-051, 2. Ausgabe 1977, 25.10.1919, Zürich

An die Stelle dieses Austausches von Gütern, die für das menschliche Leben einen realen Wert haben, ist die Geldwirtschaft getreten. Und das Geld ist etwas geworden, mit dem man wirtschaftet, mit dem man ebenso wirtschaftet, wie man in der Naturalwirtschaft wirtschaftet mit realen Objekten. Dadurch aber, daß das Geld ein wirkliches Wirtschaftsobjekt geworden ist, spiegelt es wirklich etwas Imaginäres den Menschen vor, und indem es so wirkt, tyrannisiert es zu gleicher Zeit die Menschen.

Nehmen wir einen extremen Fall: daß gerade die Kreditwirtschaft, auf die ich gestern am Schlusse hingedeutet habe, hineinfließt in die Geldwirtschaft. Das hat sie ja in der letzten Zeit vielfach getan. Da stellt sich dann zum Beispiel das folgende heraus: Man will irgendeine Anlage machen, als Staat oder als einzelner, eine Telegraphenanlage oder dergleichen. Man kann Kredit beanspruchen, Kredit von einer ganz bedeutenden Höhe. Man wird diese Telegraphenanlage zustande bringen können. Gewisse Verhältnisse werden gewisse Geldmengen in Anspruch nehmen. Aber diese Geldmengen müssen verzinst werden. Für diese Verzinsung muß man aufkommen. Und in zahlreichen Fällen, was stellt sich innerhalb unserer sozialen Struktur heraus - am meisten in der Verstaatlichung, wenn der Staat selber wirtschaftet -, was stellt sich heraus?

Daß dasjenige, was man dazumal hergestellt hat und wozu man das betreffende Geld verwendet hat, längst verbraucht ist, daß es nicht mehr da ist, und daß die Leute noch immer das abzahlen müssen, was damals als Kredit gefordert worden ist! Das heißt: Was kreditgemäß geschuldet wird, das ist schon fort, aber an dem Geld wirtschaftet man noch immer herum.

Solche Dinge haben auch weltwirtschaftliche Bedeutung. Napoleon III., der ganz eingefädelt war von den modernen Ideen, bekam die Idee, Paris zu verschönern, und er hat sehr vieles bauen lassen. Die Minister, die seine gefügigen Werkzeuge waren, haben gebaut. Die Einkünfte des Staates - sie kamen darauf - kann man verwenden, um einfach die Zinsen zu bezahlen. Nun ist Paris viel schöner geworden, aber die Leute bezahlen heute noch die Schulden, die damals gemacht worden sind! Das heißt: Nachdem die Dinge längst dasjenige nicht mehr sind, was Reales zugrunde liegt, wirtschaftet man noch immer an dem Gelde herum, das selber ein Wirtschaftsobjekt geworden ist.

Das hat auch seine Lichtseite. In der alten Naturalwirtschaft, da war es nötig, wenn man wirtschaftete, Güter hervorzubringen. Die unterlagen selbstverständlich dem Verderben, die konnten zugrunde gehen, und man war darauf angewiesen, immer weiter zu arbeiten, immer neue Güter zu erarbeiten, wenn solche da sein sollten. Beim Gelde ist das nicht nötig. Man gibt es hin, leiht es jemandem, stellt sich sicher. Das heißt, man wirtschaftet mit dem Gelde ganz frei von denjenigen, die die Güter erzeugen. Das Geld emanzipiert gewissermaßen den Menschen von dem unmittelbaren Wirtschaftsprozeß, gerade indem es selber zum Wirtschaftsprozeß wird. Dies ist außerordentlich bedeutsam. Denn in der alten Naturalwirtschaft war ja der einzelne auf den einzelnen angewiesen, Mensch auf Mensch angewiesen. Die Menschen mußten zusammenwirken, sie mußten sich vertragen. Sie mußten übereinkommen über gewisse Einrichtungen, sonst ging das Wirtschaftsleben nicht weiter. Unter der Geldwirtschaft ist natürlich derjenige, der Kapitalist wird, auch abhängig von denen, die arbeiten, aber denen, die arbeiten, steht er ganz fremd gegenüber. Wie nahe stand auch der Konsument dem Produzenten in der alten Naturalwirtschaft, wo man es mit wirklichen Gütern zu tun hatte! Wie fern steht derjenige, der mit dem Gelde wirtschaftet, denjenigen, die dafür arbeiten, daß dieses Geld seine Zinsen abwerfen kann! Es werden Klüfte aufgerissen zwischen den Menschen.

Die Menschen stehen sich nicht mehr nahe unter der Geldwirtschaft. Das muß vor allen Dingen in Erwägung gezogen werden, wenn man einsehen will, wie die arbeitenden Menschenmassen, gleichgültig ob sie geistige, ob sie physische Arbeiter sind, wie diejenigen, die wirklich produzieren, wiederum nahegebracht werden müssen denen, die auch mit Kapitalanlagen das Wirtschaften möglich machen. Das aber kann nur geschehen durch das Assoziationsprinzip, dadurch, daß sich die Menschen wiederum als Menschen zusammenschließen. Das Assoziationsprinzip ist eine Forderung des sozialen Lebens, aber eine solche Forderung, wie ich es charakterisiert habe, nicht eine solche, wie sie vielfach in sozialistischen Programmen fungiert.